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Sonntag, 9. Juli 2017

Und ewig schläft das Pubertier - Jan Weiler (Rezension)


Geschichten aus dem Alltagswahnsinn auf dem Weg zum Erwachsenwerden.
  • Autor: Jan Weiler
  • Verlag: PIPER-Verlag*
  • Erschienen: 3.Juli 2017
  • Seitenanzahl: 176
  • Preis: 14,00 Euro (Hardcover)
  • ISBN: 978-3-492-05772-1



Über den Autor

Jan Weiler(*1967) lebt in München und hat lange Jahre als Chefredakteur des SZ-Magazins gearbeitet. Seinen größten Erfolg feierte er mit "Maria im schmeckt's nicht". Sein aktuelles Buch ist der dritte Teil seiner Pubertier-Serie: Nach "Das Pubertier" (2014) und "Im Reich der Pubertiere" (2016). ist am 6.Juli ist der dazugehörige Film mit den Schauspielern Jan Josef Liefers und Heike Makatsch in den deutschen Kino angelaufen.

Inhalt

Die Kinder von Jan Weiler werden erwachsen - und mit ihnen die Probleme. Ein spannendende Zeit, findet er und nutzt den neuen Lebensabschnitt für den dritten Teil seiner Buchreihe. Mittlerweile ist er Vater einer siebzehnjährigen Tochter und eines vierzehnjährigen Sohnes, beide durchleben die Pubertät gerade auf unterschiedliche Weisen. Während der eine viel schläft, Computerspiele spielt und bei seinem Versuch, Mädchen zu beeindrucken erst einmal kläglich scheitert, ist die andere gerade dabei ihre Verkehrstauglichkeit unter Beweis zu stellen, ihre erste ernste Beziehung zu kitten und ausgiebig Partys zu feiern. Jan Weiler nimmt dabei die Rolle des Versuchsleiters bei dem Experiment "Erwachsen werden" sehr ernst: ob auf dem Verkehrsübungsplatz, dem Elternabend oder der Suche nach Erklärungen für die manchmal merkwürdigen Verhaltensweisen seiner Kinder. Während die ersten Altersanzeichen wie seine Schwerhörigkeit immer schlechter verbergen kann, werden Clara und Nick zu jungen Erwachsenen - in manchen Situationen sind sie es bereits mehr, in manchen weniger.

Persönliche Meinung

Das leckere Gurke-Dill-Pausenbrot wird in der Schule gegen Nutellatoast getauscht und Papa muss die Tochter um vier Uhr von einer Party abholen - die Pubertiere strapazieren die Nerven des Versuchsleiters ganz schön. Der aber verbucht die Eigenheiten seiner Kinder als willkommene Ergebnisse seines Experiments und reagiert stets (und manchmal überraschend) besonnen und verständnisvoll. Auch wenn sich die Kommunikation mit seinen Kindern zuweilen auf das Mindeste beschränkt. Durch sehr amüsierende Rückblicke in seine eigene Jugend und seine Perspektive als mittlerweile fünfzig jähriger Mann auf die Entwicklung seiner Kinder ist "Und ewig schläft das Pubertier" mehr als eine Bestandsaufnahme der fremdartig anmutenden Verhaltensweisen von Clara und Nick: Es ist ein Versuch, die Lebenswelt der Pubertiere zu verstehen. Daraus ist ein sehr lustiger, alltagsnaher und kurzweiliger Familienroman geworden. Ein Buch, das einmal durch das ganze Haus gereicht werden sollte, damit sich sowohl Kinder als auch Eltern in Weilers Familie wiedererkennen und vielleicht sogar von ihr abschauen können. Ihm und seiner Frau gelingt es nämlich, angenehm entspannt und ausgeglichen auf jegliche Form der neue Eigenheiten ihrer Kinder zu reagieren. Wir dürfen gespannt sein, welche Geschichten das Leben der Pubertiere noch bereithält!

* Mit freundlicher Unterstützung des PIPER-Verlags, der mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Sonntag, 3. Juli 2016

Ein ganzes halbes Jahr - Kinofilm (nach dem Bestseller von Jojo Moyes)

Ein tragischer Liebesfilm der glücklich macht

  • Regie: Thea Sharrock
  • Drehbuch: Jojo Moyes
  • Produktionsland: USA
  • Erschienen: 23.Juni 2016
  • Länge: 110 Minuten 
  • FSK: 12 Jahre

Inhalt

William Traynor ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, er stammt aus einer reichen Familie, hat viele Freunde und eine glorreiche Zukunft vor sich - Luisa Clark ist so ziemlich das Gegenteil davon, sie lebt in ärmlichen Verhältnissen im Arbeiterviertel einer englischen Kleinstadt, braucht dringend einen neuen Job um ihre Eltern zu unterstützen und hat einen außergewöhnlich peinlichen Modegeschmack. Das Schicksal bringt die beiden zusammen als ein Verkehrsunfall Will eines Tages zum Pflegefall macht. Er wird Tetraplegiker, ist vom Hals abwärts gelähmt und kehrt in seine alte Heimatstadt zum Anwesen seiner Eltern zurück. Der früher so aktive und lebensfrohe junge Mann kann sich nicht mit seinem Schicksal abfinden, sieht keinen Sinn mehr in seinem Dasein und fällt in eine tiefe Depression. Um ihn aufzuheitern und von Suizidversuchen abzulenken stellen seine Eltern Luisa Clark ein, sie soll eine Verbindung zu ihm aufbauen und ihm neuen Lebensmut geben. Zu Beginn ihrer Arbeit ist Will noch ein ziemlicher Unsympath ihr gegenüber, doch im Laufe der Zeit sind es Luisas Charme, ausgefallener Klamottenstil und fröhliche Art, die Wills harte Schale aufbrechen und die beiden zu Freunden werden lassen. Doch was Luisa lange nicht weiß: Will hat vor, seinem Leben mit Hilfe einer Sterbehilfeorganisation in der Schweiz in absehbarer Zeit ein Ende zu setzen. Luisa bleiben noch sechs Monate um ihn von seiner Entscheidung abzubringen; dieses halbe Jahr nutzt sie, um mit Will zu reisen, zu lachen und zu leben. Beide verlieben sich ineinander, und es ist letztendlich vielmehr Will, der Luisa das Leben lehrt und ihr die Welt hinter der Kleinstadt zeigt. Er ermuntert sie dazu, ihr Potenzial zu nutzen und ihre Zukunft nicht zu vergeuden. Und auch wenn Luisa Will nicht von seinem Vorhaben abbringen kann, hat sie ihre Begegnung mit Will verändert...
Ein herzzerreißender und tragikkomischer Liebesfilm, der die typischen Klischees einer Romantikschnulze nicht bedient, sondern trotz des dramatischen Ausgangs vielmehr eine Geschichte über das Leben als über den Tod erzählt und darüber hinaus die Debatte über aktive Sterbehilfe neu anregt.



Persönliche Meinung

Die Anforderungen an den Film nach dem Erfolg der Buchvorlage waren hoch - und wurden dank der wunderbaren Hauptdarsteller und des Drehbuchs der Autorin erfüllt. Emilia Clarke und Sam Clafin harmonisieren außergewöhnlich gut miteinander und vermitteln die emotionalen Szenen authentisch und vollends überzeugend.  Besonders Clarke überzeigt durch ihr Mienenspiel, ihre Augenbrauen machen ihr Gesicht zu einer Leinwand der Emotionen.
Die Darstellung der englischen Kleinstadt, Louisas skurrile Outfits und ihre Reisen mit Will decken sich genau mit der Buchvorlage. Der Film setzt die richtigen Akzente, verschont den Zuschauer aber - wie in der Literaturvorlage- mit der finalen Sterbeszene Wills. Die letzte Szene der beiden ist die ihre Versöhnung auf Wills Sterbebett, zwar mit einer großen Portion Traurigkeit, die aber durch den typischen Sarkasmus der beiden erträglich wird. Louisas Reise nach Paris bildet den perfekten Abschluss des Films, sie erfüllt damit den Wunsch Wills, ihre Träume zu verwirklichen und ihr Leben zu genießen. Damit ist "Ein ganzes halbes Jahr" ein wunderbares tragikromantisches Plädoyer für das Leben und dafür dass Liebe keine Grenzen kennt - nur leider kann auch sie die unbändige Sehnsucht nach dem Tod nicht überwinden....



Montag, 2. Mai 2016

Kooperation mit Charssblog - Stabat Mater (Tiziano Scarpa)

Endlich ist es soweit: heute veröffentliche ich nicht meine eigene Rezension, sondern die von Charlotte von https://charlssblog.wordpress.com/. Sie schreibt tolle Texte und interessiert sich für Literatur, Kultur und Poesie. Ein Besuch bei ihr lohnt sich auf jeden Fall!
Im Gegenzug postet sie einen Artikel von mir zu Erich Maria Remarques "Die Nacht von Lissabon". 

Stabat mater handelt von einem sechzehnjährigen Mädchen, Cecilia, das in einem Waisenhaus im Venedig des 18. Jahrhunderts lebt. Sie ist dort aufgewachsen, ohne Mutter und ohne das Wissen, eine Mutter zu haben.
Als Kind sucht sie die Dunkelheit, auch wenn sie sie fürchtet. Sie sitzt auf einer Treppe im Waisenhaus und verbringt die Nacht mit Lauschen und Denken, bis sie eines Tages beginnt, Briefe an ihre unbekannte Mutter zu schreiben. Das Buch besteht aus ebenjenen Briefen. In ihnen beschreibt sie ihr Leben - wie sie als Kind voller Schrecken eine heimliche Geburt beobachtet hat, ohne zu wissen was vor sich geht – , die anderen Mädchen im Waisenhaus und ihre Träume, die guten wie die schlechten.
Für mich war es anfangs sehr schwer, mich auf diesen Schreibstil einzulassen. Es war sehr zähflüssig und so erst einmal stockend. Doch wenn man sich genug entspannt und akzeptiert, wie man die Handlung direkt von Cecilia erfährt ist es das Beste, was dieser Geschichte passieren konnte. Es war eine kleine Offenbarung für mich.
Durch die Art des Erzählens in Briefform (wobei diese Briefe fast eher einem Tagebuch ähneln)baut sich eine unheimliche, beinahe intime Nähe zur Protagonistin auf. Man hat das Gefühl direkt in ihren Kopf sehen zu können… oder noch dichter, dort neben ihr zu sitzen und zu beobachten, wie sich ihre Gedanken Formen.
Ihre Träume sind geprägt von Angst und Tod, zeichnen oft erschreckende Bilder der Hoffnungslosigkeit. Doch sie berichtet auch von der Musik, ihrer Neugierde und ihren Hoffnungen. Die Geschichte strahlt eine unendliche Hoffnung an die Zukunft aus, ohne jemals zu vergessen, dass das Letzte dort der Tod sein wird. Er scheint so allgegenwärtig, wie die Musik in dem Waisenhaus.
„Ich habe den Arm ausgestreckt, berühre die Bretter des Betts über mir, breche einen kleinen Span ab, kratze an der Rauen Oberfläche, als sich ein Frauenkopf über die Bettkante beugt, anstelle der Haare sind da viele, viele schwarze Schlangen.
                „Was ist, hast du mich gerufen?“
                „Wer bist du?“, frage ich.
                „Ich bin dein Tod“, sagt der Kopf mit den Schlangenhaaren. Die Stimme ist freundlich.
                „Würdest du mir Gesellschaft leisten?“, frage ich.“
So unterhält sich Cecilia mit ihren innersten Gedanken, die ihren Tod verkörpern. All diese Vorstellungen, Erfahrungen und Emotionen vermittelt Cecilia direkt über die Briefe, als könne man sie in diesem Augenblick denken hören und so diese Zeit unmittelbar miterleben. Man darf live dabei sein, wenn Cecilia das erste Mal die Stadt sieht, wenn sie bemerkt, wie anders die schlafenden Mädchen doch als die wachen sind, wenn sie ihr alltägliches Leben führt, wenn sie sich nachts Gedanken über den Tod und das Leben macht und vor allem, wenn sie Vivaldi trifft. Bereits vor dieser Begegnung ist Cecilia eine talentierte und begeisterte Violinistin. Die Musik gibt ihr Halt, doch der Komponist des Waisenhauses ist alt und ideenlos.
„Lange Zeit war Musik für mich gleichbedeutend mit Don Giulio, Musik, das war Don Giulio, nichts anderes, ich wusste nicht einmal, dass es Musik von anderen Leuten gab, Musik, das war etwas, das gänzlich in jenem alten Körper verschlossen war […] Wir Instrumentalistinnen sind fast alle noch jung, wir lassen unser junges Herzblut in diese altersschwache Musik fließen. […] Die Musik zerreißt, wenn wir sie spielen. […] Seine Musik zwingt uns, alt zu sein. […] Wir spielen aus der Höhe, von oben herunter, auf den Emporen zu beiden Seiten der Kirche, einige Meter vom Boden entfernt, denn die Musik fällt schwer nach unten. Wir gießen sie über den Köpfen derjenigen aus, die uns zu hören gekommen sind. Wir tauchen sie ein, ersticken sie mit unserer Musik.“
Vivaldi hingegen tritt strahlend in ihr Leben. Er bringt neue, schwebende Musik… durch Vivaldi entdeckt Cecilia nicht nur die Musik ganz neu, sondern auch sich selbst. Sie stellt alte Gewohnheiten in Frage.
In erster Linie empfinde ich dieses Buch als eines über das Erwachsenwerden, das Loskommen vom Bekannten, das Wagen von Neuem. Es ist auch ein Buch über die Angst vor dem Unbekannten, vor der Zukunft, vor der Nacht.
„Frau Mutter, zur Abwechslung habe ich heute Nacht wieder einmal mit aufgerissenen Augen an die Decke gestarrt. […] Wenn die Angst kommt, wie fast jede Nacht, darf man keinesfalls im Bett bleiben. Also komme ich hierher, um euch zu besuchen.“

Und doch, trotz ihrer eigenen Angst kehrt Cecilia immer wieder in ihre vertraute, beängstigende Dunkelheit zurück, sucht die allzu bekannte Furcht ständig aufs Neue auf und wagt letztendlich sogar den Sprung ins Unbekannte, wodurch man selbst auch alles in Frage zu stellen lernt.
Für mich waren die Bezüge zu Vivaldi besonders schön. Am Offensichtlichsten ist da der Titel. Doch diese Hommage an Vivaldi nimmt nicht nur Bezug zu Vivaldis wunderbarer Vertonung des Gedichts „Stabat mater“, sondern auch zu Cecilias fehlender Mutter
Es gibt eine Szene, in der Cecilia den jüngeren Waisenkindern Geigenunterricht gibt. Um sie für die Musik zu begeistern lässt sie sie dort die verschiedenen Vogelstimmen nachahmen. Vivaldi hört und später in seiner Musik als das berühmte Motiv des Frühlings in „Die vier Jahreszeiten“ verarbeitet. Er inspiriert Cecilia. Er lässt sie zu musikgewordenen Gedanken werden, zu musikgewordenem Unwetter, Donner, Blitz, zu den Vögeln, zu Hageln, Hitze und Eis. Er fordert die jungen Musikerinnen heraus und stellt sie in Frage, ganz besonders Cecilia. Er zwingt sie zu einem inneren Aufbruch, zur Bewegung. Und so lässt das Buch auch den Leser zurück, mit Fragen nach der Zukunft, der eigenen und Cecilias. Mit dem schmerzlichen Gefühl des Verlusts, ob dieses so abrupten Endes. Es lässt in einem ein Gefühl der Leere zurück, die wünscht ausgefüllt zu werden… mit Musik und mit Leben.


Donnerstag, 5. November 2015

The Circle - Dave Eggers (Review in English)

For my English Leistungskurs class I had to read this novel in connection with the topic utopia/distopia and modern technologies, and it turned out to build up an awareness for not only the use of techology but also the responsible reflection of the age we are living in. Of course I wanted to wirite a review about it, but due to the fact that we had to read the English version of the book, I decided to also wirte my review in English:


  • author: Dave Eggers
  • publishing house: penguin 
  • published: 24 April 2014
  • numb.er of pages: 512
  • price: 8.99 Pounds
  • ISBN: 978-0-241-14650-7 
  • Deutsche Ausgabe:
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch 
  • Seitenanzahl: 542
  • Preis: 10,99 Euro (Taschenbuch)
  • ISBN: 978-3-462-04854  

About the Author

Dave Eggers founded the "McSweeney's", an independent publishing house based in San Francisco. He has already written seven previous books, including "A Hologram for the King", wich reached the final round for the National Book Award in 2012, "Zeitoun", which is the winner of the American Book Award and the Dayton Literary Peace Prize, and "What is the What", which was a finalist for the 2006 National Book Critics Circle Award and won the France's Prix Médicis.

Content

One company, one aim, and the power over society. A society, where people are no longer diginfied in their privacy, individuality or interests. People are trackable, capable and overall seethrough. The internet has developed into a tangeled web with unlimited possibilities to explore, analyse and explain the world. But customers can only use its benefits if they accept the shadows:
Mae is a young woman in her twenties, full of dreams, hopes and depression in her old job and odd hometown. Through her best friend Annie, one of the top fourty members of the company, she gets a position at the most improtant instrument of the internet, the connector of modern life, the Circle. She is overwhelmed by the magnitude, significance and power of the company, that soon developes into her home, social life, and place to be - just like it intends to be for it's employees. "Humans work here" is one of the most important divises for the more than 10.000 Circlers, who are supposed to be be bound as close as possible to the company to assimilate the philosophy, world outlook and not scrutinise any of their propositions. It is a ingenious brainwash-system, Mae gets throgh and soon develops into one of the most important instruments of the coorprate management, the most influencial rank for the world outside the Circle. When she arrives at the company, she works her way up from the customer experience to the prototype of a transparent human. She releases all of her privacy and with the camera chain around her neck she shows millions of people everyday how the Circle improves the standart of living in the technological world it creates. Work becomes essential for her, she is captured by the company, and gets deeper and deeper into the idea of an idealistic utopia, where humans have no right of their privancy, can be found wherever they hide and regulate politics with their direct opinion. The Circle is about to engross everyone in it's system, and to invent a total new ethik - the way of life in the technological age - where sharing is mandatory, socialising is obligation. No one can escape the eyes of the Circle and it's supporters, and one of Mae's closest friends rather dies than beeing a bolt of the unstoppable machine. Even when she gets the chance to stop the instrument, she has lost any awareness of what the dangerous changes in human life will lead to. She is one of the Circle's captains and maneuvers the armada into a regime of a totalitarian monopoly. Dave Eggers creates a fourious and shocking realistic version of a distopia, closer to our reality than we would ever want it to be.

Personal opinion

A company that regulates most of our online activity? - could be Google. A socialising system where participation is duty? - our dependency from what’s app and facebook. A health care system where the personal data is watched improved and is always available for everyone? - smartwatches. A tracking system to follow everyone to any place, to get rid of privacy? - GPS data that get stored from our smartphone without us even knowing it. The scenario Eggers thinks of seems to me as a further developed version of our society. In the Circle company, politics is ran over the enterprise, politicians are set under pressure to get transparent because of their responsibility for the voters. Can it even get more absurd? Of course we are far away from that today, but Eggers wants us to think about how dependent we have already made ourselves on technology, companies and virtual communication. It is an irresistible maelstrom of more and more inventions to realise the three dogmas of the wise men, the founders of the company: 'Secrets are lies, sharing is caring and privacy is theft.' Through cameras all over the planet and chips in human bodies the world is supposed to be made visible, see-through and capable. Mae and most users of the Circle services got rid of any criticism and even ability for realistic evaluations and only consider the increase of living standard it goes along with. Don't we know this behaviour ourselves? We download an app without being aware of the interferences in our personal data. In some points we are already building up a society like it is depicted in the book. Still, we are probably way to enlighted to let our policy get ruled by an internet enterprise, hopefully. Dave Eggers' book could be the novel of our age, a more realistic continuation of "Brave New World" and "1984", but surely it is an important warning to everyone that takes the internet for self-evident. He illustrates the consequences of a jaunty use of modern technology by creating an intensive, shocking realistic portrait of human behaviour - a warning we should take serious.

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Freitag, 30. Oktober 2015

Interview mit dem Tod - Jürgen Domian (Rezension)

Ein Plädoyer für mehr Tod im Leben


  • Autor: Jürgen Domian
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 20.Oktober 2014
  • Seitenanzahl: 176
  • Preis: 9,30 Euro (Taschenbuch)
  • ISBN: 978-3-442-17493-5

Über den Autor

Jürgen Domian (*1957) in hat Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaften studiert, und führt sein nunmehr 19 Jahren durch seine nächtliche Talkshow "Domian" im WDR Fernsehen und im Radio bei 1live. Jede Nacht ist er Kummerkasten und Seelsorger für viele Menschen die in seiner Sendung Halt und Hilfe suchen. "Interview mit dem Tod" gingen bereits zwei weitere Romane voraus. Ende 2016 wird er seine Sendung aufgeben, weil er nach 20 Jahren "das Tageslicht wieder sehen will".


Inhalt

Wer oder was ist der Tod? Welche Bedeutung hat Trauer in unserer Gesellschaft? Warum wird dem Sterben in anderen Kulturen offener begegnet? Diesen Fragen geht Jürgen Domian auf den Grund, und kreiert in seinem Buch ein fiktives Gespräch mit Gevatter Tod höchstpersönlich. In den vielen Gesprächen, die der "Nachtfalke des WDR" in seiner nächtlichen Talksendung geführt hat, befasst ihn ein Thema immer wieder: das Sterben. Nun konfrontiert er den Tod mit seinen Erfahrungen, Erlebnissen und offenen Fragen - und erhält überraschende Antworten. Es entsteht ein emotionaler Schlagabtausch zwischen Leben und Tod, Übermacht und Mensch; es geht um die Frage nach Gott, die Seele und das Jenseits. Dabei plädiert Domian für die Legalisierung von aktiver Sterbehilfe, erläutert die Palliativmedizin und stellt Jenseitsvorstellungen anderer Glaubensrichtungen dar. Er schildert seine eigenen Erfahrungen mit Sterben und Religion, denn schon als Kind interessierte ihn die Endlichkeit des Lebens sehr. Mit dem nötigen Abstand von konventionellen Vorstellungen vom Ende des Lebens lockt Domian den Tod aus der Reserve, bohrt störrisch nach Antworten, und verzweifelt an den an Weisheit weit überlegenen Aussagen des Todes. Vor allem aber wehrt er sich gegen die Tabuisierung des Todes: sein Interview rückt dem Tod in die Mitte unserer Gesellschaft, denn er ist mehr als nur eine Randerscheinung unseres Daseins.


Persönliche Meinung

Kann man mit dem Tod sprechen und wenn ja, was würde man ihm sagen? Domian traut sich an dieses schwierige Thema heran, und führt eine heikle Auseinandersetzung den größten Mysterium unserer Existenz. Es sind Domains ganz persönliche Gedanken über das Ende des Lebens, die er in seinem Buch verarbeitet und kontrovers diskutiert und Denkanstöße liefert. Auch aber ist es ein Ruf nach der Aufmerksamkeit der Gesellschaft für ein Tabuthema, ein Plädoyer für mehr Tod im Leben. Die Macht des Todes nährt sich von der Angst der Menschen, Domain will ihnen die Furcht nehmen. Ein Buch für all die, die dem Tod schonmal vorab persönlich begegnen wollen, und ein Appell, sich von Stigmata zu verabschieden.
"Auch das geht vorbei", sagt der Tod am Ende des Gesprächs, denn bevor er an der Haustür klingelt, sollen die menschen das Leben genießen.

Ich bin einer großer Domian-Fan, und verfolge seine Talkshow regelmäßig. Ein Grund mehr zur Freude, dass "Interview mit dem Tod" ab dem 19.11.2015 in den deutschen Kinos in Form eines Dokumentarfilms zu sehen sein wird!

Sonntag, 18. Oktober 2015

tschik - Wolfgang Herrndorf (Rezension)

Langweiler und Mafia-Mongole erleben den verrückteste Road-trip aller Zeiten

  • Autor: Wolfgang Herrndorf
  • Verlag: Rowohlt Taschenbuch
  • Erschienen: 2010
  • Seitenanzahl: 254
  • Preis: 8,99 Euro (Taschenbuch)
  • ISBN: 978-3-499-25635-6

Über den Autor

Wolfgang Herrndorf (*1965) hat Malerei studiert, und zeichnete unter anderem für das Satiremagazin "Titanic. Auf seinen 2002 erschienen Debütroman "Plüschgewitter" folgte der Erzählband "Diesseits den Van-Allen-Gürtels" und 2010 der Überraschungserfolg "Tischik". Herrndorf wurde u.a. mit dem Deutschen Erzählpreis (2008), dem Brentano-Preis (2011), dem Jugendliteraturpreis (2011), dem Hans-Fallada-Preis und dem Leipziger Buchpreis (2013) ausgezeichnet. Er litt an einen Hirntumor und nahm sich am 26.August 2013 das Leben.


Inhalt

Als ob das Teenager-Dasein sein nicht schon schwer genug, die Enttäuschung in der ersten großen Liebe ausreichend deprimierend, und eine alkoholkranke Mutter reichlich anstrengend wäre, lässt sein Vater Maik in den großen Ferien auch noch ganz alleine in der großen Villa mit Pool zurück, um im Liebesurlaub mit seiner Affäre zu fliehen. Maik Klingenberg ist vierzehn Jahre alt, geht aufs Gymnasium und ist ein Langweiler; das finden nicht nur seine Klassenkameraden sondern auch das schönste Mädchen der Welt, Tatjana, das ihn nicht zu seinem tiefsten Enttäuschen nicht zu ihrer Geburtstagsparty einlädt. Nur Andrey Tschicharow, der neue in der Klasse, mit seinem exotischem Aussehen, der Alkoholfahne und dem einschüchternden Aussehen findet Maik interessant. Mit Tschicks geklautem Lada fahren die beiden zu erst zu Tatjanas Party, und dann weiter in die Ferne, mit Kurs auf die Wallachei. Raus aus der Tristesse Berlins, das Leben suchen und etwas erleben. Natürlich weiß keiner von beiden auch nur ansatzweise wo Rumänien liegt, und so kurven sie die endlosen Landstraßen der deutschen Provinz entlang. Dabei treffen sie auf Isa, das Mädchen von der Müllkippe, und Fritz, den Weltkriegsveteran der sie in einer Geisterstadt mit einem Gewehr beschießt, oder die dicke Sprachtherapeutin, die den Feuerlöschen auf Tschicks Fuß fallen lässt, nachdem sie mit dem Lada eine Böschung heruntergebollert sind. So absurd und völlig aberwitzig ihre Reise auch ist, sie beschert Tschick und Maik den besten Sommer ihres Lebens. Zwei Jungs, die unterschiedlicher nicht sein könnten, begeben sich auf den verrücktesten Road-trip aller Zeiten, und finden tiefe Freundschaft zueinander.

"'Du siehst aus wie 'n Schwuler, dem sie über Nach die Einfahrt vollgekackt haben. Soll ich dich wohin fahren oder willst du lieber noch ein bisschen mit dem Wasser spritzen?' Er grinste sein breites Russengrinsen. 'Steig ein, Mann.' Aber natürlich stieg ich nicht ein. Ich war ja nicht völlig verrückt. Ich ging nur kurz hin und setzte mich halb auf den Beifahrersitz, weil ich nicht so auffällig in der Einfahrt rumstehen wollte." (S.82)

Persönliche Meinung

Es sind zwei völlig verschiedene Lebenswirklichkeiten, die aufeinander prallen: Maik sitzt in der Einöde aus Sehnsucht nach Tatjana, Langeweile und grenzenloser Enttäuschung in der Luxusvilla seiner Eltern fest, und Tschik, der dubiose Mongole aus der Hochhaussiedlung in Hellersdorf, hat einen Bruder in der Russen-Mafia und einen geklauten Wagen. Mit dem wollen sie eigentlich nur 'in den Urlaub fahren, wie normale Leute', und erleben dabei den aufregendsten Sommer ihres Lebens. Beim Fahren auf der Autobahn, dem Benzinklau an der Tankstelle oder auf der Flucht vor der Polizei wächst Maik über sich hinaus, ihn packt die Abenteuerlust, und beide wünschen sich dass ihre Reise niemals endet. Aber der Zusammenprall mit dem Schweinelaster zieht Tschik und Maik aus dem Verkehr. Polizeirevier, Krankenhaus und Gerichtsverhandlung folgen, aber an den unvergesslichen Erlebnissen und ihrer Verbundenheit kann nichts mehr etwas ändern. Maik, der Antiheld,  Loser der Schule und Versager, hat durch Tschick zu leben gelernt.
Beim lesen habe ich die ganze Zeit auf den tieferen Bedeutung der Reise, der Begegnungen und der Geschichte gewartet, ich wollte wissen wer Isa von der Müllkippe wirklich ist, warum Fritz wahrlos auf Menschen schießt und ob aus Maik und Tajana noch ein Paar wird. Aber es gab keine tiefere Sinngebung, und das ist gut so. Es ist eine Geschichte von der Spontanität des Lebens, kurzweilig urkomisch und voller Sehnsucht nach Freiheit.
"Tschick" wird mittlerweile auch an deutschen Schulen im Deutschunterricht gelesen. Ich halte das Buch ideal für Teenager, es ist modern, die angesprochenen Probleme alltagsnah, und die Sprache nah am Jugendjargon.

Herrndorfs Erfolgsroman wird derzeit verfimlt, und kommt voraussichtlich am 15.09.2016 in die Kinos. Ein ideales Buch für einen actiongeladenen, rasanten Kinder- und Jugendfilm!



Mittwoch, 9. September 2015

Im Westen nichts Neues - Erich Maria Remarque (Rezension)

Der erste Weltkrieg aus der Perspektive eines Frontsoldaten


  • Autor: Erich Maria Remarque
  • Verlag: Propyläen
  • Erscheinungsjahr: 1929
  • Seitenanzahl: 286

Ihnhalt

Sie sind jung, haben Träume und eine Zukunft: Sie sind noch Kinder als der Krieg sie zu Soldaten macht. Der Tausch von Klassenzimmer gegen die französische Front nimmt ihnen Jugend und Existenz, auch wenn sie den Kampf überleben. Sie werden zu alten Männern, erfahren im Töten, von Leere erfüllt und Menschlichkeit verlassen. Es ist eine ganze Ganze Generation, von der Begeisterung und Kriegseuphorie der Anfangsjahre gepackt, die für das Vaterland kämpft, und dabei alles verliert. 
Remarque erzählt die Kriegserfahrungen des neunzehnjährigen Paul Bäumers, der mit seinen Schulkameraden an der Westfront stationiert ist. In den Schützengräben liegen sie gemeinsam, verbringen ihre freie Zeit zusammen. Sie sind mehr als Freunde, denn im Krieg sind sie eine Familie. Während die Verwandten in der fernen Heimat in völliger Ahnungslosigkeit um ihr Dasein leben, sehen sie einander sterben. Der Krieg mit seiner zerstörerischen Macht hat sie abstumpfen lassen. Die rohe Gewalt und der Alltag an der Front zu aphatischen Kriegern gemacht. Wenn sie auch nicht an der Front sterben, ihre Leben haben sie längst in den Schützengräben verloren.
Als Paul zum Heimaturlaub zu seinen Eltern zurückkehrt, fühlt er sich nicht mehr zu Hause. Mutter und Vater sind ihm fremd geworden, nie mehr wird er in sein altes Leben zurückkehren können, so sehr er sich auch seine Träume zurückwünscht. Der Tod wird zu seiner einzigen Perspektive...


"Unsere Gedanken sind wie Lehm, sie werden geknetet im Wechsel der Tage. Sie sind gut, wenn wir Ruhe haben, und tot, wenn wir im Felde liegen. Trichterfelder draußen und drinnen." -S.266


Persönliche Meinung

Die Urkatastrophe des 20.Jahrhunderts erschüttert die Welt in ungeahnter Intensität. Der Einsatz von Artillerie, Giftgas und Maschinengewehren in Materialschlachten von bisher unbekanntem Ausmaß, das grausame Massensterben in den Schützengräben und die Hoffnungslosigkeit der Soldaten im Stellungskrieg charakterisieren den den ersten Weltkrieg, der mehr als neun Millionen Soldaten das Leben kostete. Erich Maria Remarque hat uns mit diesem Stück Weltliteratur ein beeindruckendes Zeitzeugnis vermacht, ihm ist es gelungen die unvorstellbare Grausamkeit in Worte zu fassen und vor allem die Auswirkungen auf diejenigen, die an der Front Ehre verteidigt und Würde verloren haben, darzustellen. So brutal, dass man am liebsten manche Stellen überlesen möchte, aber von so großer Bedeutung, jedes Wort einzeln aufzusaugen. Es ist eine Lehre und ein Appell an die zukünftigen Generationen, einen solchen gegenstandslosen Krieg nie wieder eine Gesellschaft zerstören zu lassen. Auch Bäumer und seine Kameraden zweifeln an der Sinnhaftigkeit des ewigen Kampfes: Ist der Feind nicht mit der selben Berechtigung überzeugt von seiner Pflicht, sein Heimatland zu verteidigen? Doch im Krieg wird aus Menschlichkeit blanker Hass, und aus Mitgefühl Überlebenskampf; Einen nach dem anderen trägt er der erfahrene Soldat aus den Trichterfeldern, von seinen Freunden bleibt ihm nichts über als die Wunden des Krieges.
Diese Schlacht kennt keine Gesichter, Namen oder Existenzen. Im Schützengraben sind alle Menschen gleich, die ärgsten Kriegsfanatiker werden zu ängstlichen Kindern, und junge Rekruten beweisen eiserne Stärke.
An einem Tag im Sommer 1918, der Heeresbericht meldet, im Westen gebe es nichts neues zu verzeichnen, fällt auch Paul Bäumer als letzter Soldat seiner Kompagnie dem Krieg zum Opfer. So kurz vor Kriegsende ist es für ihn ein erlösender Tod, ins Leben findet er nicht mehr zurück.




                                                                               


Eine Originalausgabe von 1929 - die Bücherverbrennung der Nazis überlebt, soll dieses Werk über alle Zeit von der Brutalität und Sinnlosigkeit des Krieges erzählen!



Sonntag, 26. Juli 2015

Der Trafikant - Robert Seethaler (Rezension)

Vom Erwachsenwerden in einer extremen Zeit und einer besonderen Beziehung zu Sigmund Freud


  • Autor: Robert Seethaler 
  • Verlag: Kein & Aber 
  • Preis: 9,90 Euro  (Taschenbuch)
  • ISBN: 978-3-0369-5909-2


Über den Autor

Robert Seethaler (*1966 in Wien) ist ein vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und Drehbuchautor. Er hat einen angeborenen Augenfehler und besuchte eine Grundschule für Sehnehinderte. Für seine Veröffentlichungen bekam er brreits mehrere Preise und Stipendien, sein Drehbuch zu "die zweite Frau erhielt 2009 drei Grimme Preise. Auch als Schauspieler ist Seethaler aktiv.


Inhalt

Wien der 1930iger Jahre: Franz ist von einem Provinz-österreichischen Salzkammergut nach Wien gezogen, um eine Lehre als Trafikant bei dem alten Otto Trsnjek zu beginnen, um sich als eigenständiger junger Mann zu beweisen. Während sich draußen die politischen Ereignisse überschlagen, scheinen die Meldungen den kleinen Zeitschriftenladen nicht zu erschüttern. Franz erfährt in dem kleinen Geschäft das Leben in der Stadt, das so anders ist als das in dem verschlafenen Dorf. Auch seine erste Liebe findet er im fremden Wien, die Böhmin Anezka bricht ihm jedoch schnell das Herz und treibt ihn in seine erste Lebenskrise. In seiner Verzweiflung und Überforderung mit dem so neuen und unheimlichen Gefühl der Liebe wendet er sich gerne an einen seiner treuesten Stammkunden, Professor Sigmund Freud, und entwickelt eine tiefe Freundschaft zu ihm. Als die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten letztendlich auch die Straßen von Wien erreicht, können aber selbst die blinden Fenster der alten Trafik die Augen nicht mehr vor dem drohenden Unheil verschließen: Der alte Otto Trsnsjek wird von der Gestapo abgeholt und kommt auf ungeklärte Weise in einer Haftanstalt ums Leben, und auch Freud emigriert nach London aus Furcht vor den Auswüchsen des propagierten Judehasses. Franz zieht es den Boden unter den Füßen weg, er verliert die einzigen Menschen, zu denen er in der Fremde Vertrauen gefasst hat, und leidet an unergründlichem Heimweh nach seiner Mutter und der Ruhe und Beständigkeit des Dorflebens. Doch die Erfahrungen aus Wien haben ihn reifen lassen, und er stellt sich den Herausforderungen seiner Zeit. Ein wunderbares Buch über das Selbstständig werden und den Abschied in einer Welt, die ein schnelles Erwachsenwerden erfordert.


Persönliche Meinung

Inmitten des bedrohlichen politischen Umbruchs und gesellschaftlichen Wandels im Nazi-Regime sucht ein siebzehnjähriger Junge nach Liebe und Heimatgefühl in der Fremde, entdeckt dabei Liebe und Sehnsucht und reift zu einem jungen Mann heran. Feinfühlig und aufmerksam erzählt Seethaler eine Geschichte in der Malerischen Kulisse des verschlafenen Wiens, das in dieser Zeit auf brutale und gnadenlose Weise wachgerüttelt wird.
Siegmund Freud zeichnet Seethaler als den gebrechliche alte Mann, der er zum Ende seines Lebens gewesen ist. Dadurch dass er den weltbekannten und zur damaligen Zeit höchst umstrittenen Psychoanalytiker in seinem privaten Umfeld darstellt und besonders auf das Verhältnis zu Tochter Anna eingeht, zeigt er ihn in einem neuen Licht.
Franz' Träume, die ihn in Folge seiner schmerzhaften Verluste und seines Heimwehs plagen, spiegeln die Stimmung der Zeit wieder und zeigen auf erschütterliche Weise, wie ein junger Mensch die Erlebnisse verarbeitet. Auch das innige Verhältnis zu seiner Mutter zeichnet Seethaler in vielen Karten und Briefen, und verdeutlicht damit den Ablösungsprozess und das Selbstständigwerden des jungen Mannes.
Kraftvoll lässt er das Buch mit Franz' ganz eigener Rebellion gegen die Naziherrschaft enden, und lässt den Leser mit einer Art Genugtuung zurück. Denn obwohl Franz sich letztendlich den Nazis beugen muss, hat er doch ein Zeichen gegen den Hass und Rassenpolitik gesetzt.


Hier geht's zur Lit.Cologne-Lesung von Robert Seethaler & Hanns Zischler im März 2015

Hier geht's zur Rezension von Seethalers "Die Biene und der Kurt'



Dienstag, 9. Juni 2015

1913 Der Sommer des Jahrhunderts - Florian Illies (Rezension)

Ein großes Zeitdokument der Intellektuellenszene im Sommer vor der Urkatastrophe des 20.Jahrhunderts
  • Autor: Florian Illies
  • Verlag: Fischer
  • Preis: 10,99 Euro 
  • ISBN 978-3-10-036801-0

Über den Autor

Florian Illies (*1971) ist Gründer der Kunstzeitschrift "Monopol" und schrieb beriets für Zeitungen wie die Zeit und FAZ, unter anderem als Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Er hat Kunstgeschichte und Neuere Geschichte in Bonn und Oxford studiert, und ist mit mehreren Preisen für seine literarische und journalistische Arbeit ausgezeichnet. Neben seinem ersten Buch mit historischen Hintergrund "1913", veröffentlichte Illies "Generation Golf", "Anleitung zu Unschuldigsein", Generation Golf II" und "Ortsgespräch".


Inhalt

In einer Ambivalenz aus sicherer Wahrung in Kriegsfernheit und ideologischer Wappnung für eine Katastrophe bewegt sich das Europa des Jahres 1913.
Während der Aquarellmaler und politisch durchaus interessierte Adolf Hitler von Wien nach München zieht, kämpft Franz Kafka im fernen Prag mit sich selbst und der so fremden und unkontrollierbaren Zuneigung zu Felice Bauer. Europa ist in Aufbruchsstimmung, die alles verklärende und idealisierende Epoche der Romantik ist endgültig vorbei, der Expressionismus macht Platz für Ecken und Kanten sowohl in der Kunst als auch in der Dichtung und der Musik. Thomas Mann schreibt den "Tod in Venedig", wenig später stirbt der Verlegerssohn Gerhart Fischer in der Italienischen Stadt, Freud stellt die Theorie vom Vatermord auf, und wird gleich darauf von seinem Schüler C.G. Jung erdolcht. Eine Nebenerscheinung des Stromes der neuen Zeit ist die Depression, und die "Neurasthenie", die viele Intellektuelle in den Wahnsinn reißt. So auch Maler Oskar Kokoschka, der vollkommen besessen von der Witwe Gustav Mahlers sein größtes Meisterwerk nach ihrem Vorbild erschafft; und Georg Trakel, der allabendlich auf Kokoschkas Bierfässern sitzt, und sich aus Sehnsucht nach seiner Schwester verzehrt. Depression und Verzweiflung bestimmen die Dunkle Dichtung vieler Literaten dieser Tage, so auch Trakels. Aber dieses Jahr bietet auch feurige Liebesgeschichten, wie das Verhältnis der frisch getrennten, orientalisch angehauchten Jüdin Else Lasker-Schüler mit dem vom Angesicht des Todes gezeichneten Pathologen Gottfried Benn; beide könnten sie unterschiedlicher nicht sein, verfallen einander in einer kurzen aber intensiven Liebesbeziehung, die in ihrer Ausfechtung in der Poesie ihres Gleichen sucht. Liebe, Verzweiflung und Todessehnsucht ziehen sich wie ein roter Faden durch die persönlichen Schicksale der Intellektuellen in Europa, und reißt viele in den Wahnsinn ihrer eigenen Verzweiflung.
Auch die nachfolgenden Pioniere der Weltliteratur wachsen in dieser Zeit des Strebens nach der Moderne und des Scheiterns am Ungewissen auf; so schreibt der vierzehnjährige Berthold Brecht aus Langeweile und Liebeskummer kleine Gedichte, und der achtzehnjährige Ernst Jünger setzt sich im August in Winterkleidung ins Treibhaus der heimischen Villa um seinem Traum von Afrika näher zu kommen, während Albert Schweitzer nach seiner Promotion als Arzt bereits sein Urwaldkrankenhaus aufbaut. Stalin besucht Wien, während Hitler im Männerhaus Sehenswürdigkeiten zeichnet, und Eva Braun wird im Mai bereits ein halbes Jahr alt.  Florian Illies unternimmt eine eindrucksvolle und mitreißende Reise durch die Ruhe vor dem Sturm, das Jahr bevor die große Urkatastrophe des 20.Jahrhunderts Europa erschüttern sollte.


Eigene Meinung

Es ist eine seltsame undefinierbare innere Zerrissenheit zwischen Zunkunftsfantasie und Todessehnsucht, die die Lebenswirklichkeiten der Intellektuellen im Jahrhundertjahr 1913 trennt und vereint. Florian Illies erzählt ihre Geschichten mit so viel Authenzität, Charme, Witz und bitterer Vorausschau, als schreibe er einen Kitschroman. Die Stimmung scheint zwischen einer Art Weltfremdheit und düsterer Vorahnung zu wanken, denn alles scheint möglich in dieser Zeit, nichts jedoch planbar. Man ist der Euphorie genauso nah wie der Depression, die verklärte Idylle der Romantik wird endgültig verdrängt von der tosenden Zukunftsversiertheit der Moderne. Fortschritt und Rückschritt sind sich so nah wie nur selten in diesem impulsiven Jahr.
So klar Illies die beeindruckend überraschenden Querverbindungen zwischen Literatur, Musik und Kunst auch zeichnet, bleibt doch immer Raum für Spekulation. Es sind merkwürdige Zusammenhänge und folgenreiche Begegnungen so kurz vor dem ersten Weltkrieg, in einer Zeit, in der die Richtung die die europäische Geschichte nehmen würde, noch unklar war. Ein einmaliges Portrait der Europäischen Intellektuellen, eingeholt von Expression und Moderne voll Liebe, Leidenschaft und Verzweiflung gleichermaßen.
Ein großes Buch; Florian Illies beschriebt nur 12 Monate, und doch fängt er das Gefühl einer ganzen Zeit ein. Ein Epochenjahr wird zum Epochenroman.



Hier geht es zu der Rezension von Florian Illies' erstem Buch "Generation Golf"!

Freitag, 13. März 2015

Rezension - Die Biene und der Kurt (Robert Seethaler)

Lit.Cologne Countdown #1: Eine verrückte Road Story über Leben, Liebe und der Suche nach der eigenen Persönlichkeit
  • Autor: Robert Seethaler
  • Verlag: Kein & Aber
  • Preis: 9,90 Euro (Taschenbuch)
  • Seitenanzahl: 288
  • ISBN: 978-3-0369-5915-3                                                        


Über den Autor

Robert Seethaler (*1966 in Wien) ist ein vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und Drehbuchautor. "Die Biene und der Kurt" ist sein erster Roman, für den er mit dem Debütpreis des Buddenbrookhauses ausgezeichnet wurde. Bis heute sind vier weitere Bücher gefolgt.


Inhalt

Die sechzehnjährige Biene ist anders als die meisten Jugendlichen in ihrem Alter. Sie wächst in einem katholischen Mädchenheim auf, begleitet von Ordnung, Regeln und wenig Freiraum zur eigenen Entfaltung. Biene passt nicht in dieses Muster, sticht aus der Normkonformität und Homogenität heraus. Mit wenig Selbstwertgefühl dafür viel Frust im Bauch reißt sie eines Tages aus der Eintönigkeit des Heimlebens aus, ohne Plan und Ziel für die Zukunft.
Dem Schlagersänger und selbsternannten "König des Rock 'n Roll", Kurt, geht es genauso. Mit seinem Silber glitzernden Wohnmobil schlägt er sich als Musiker durch. Allerdings trägt er sein viel zu großes Ego gerne nach außen, prahlt mit seinen vermeintlichen Star-Qualitäten.  Auf ihrer Flucht begegnet der schüchterne Teenager dem schrillen Schlagerstar und "Heartbreakin' and his Honey Bee" gehen gemeinsam auf Tour durch die Provinz. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten entwickelt sich zwischen ihnen eine Beziehung der besonderen Art:  Biene bewundert den erfahrenen und erfolgreichen Kurt, lässt sich auf ich ein und schaut zu ihm auf. Kurt aber ist in Wahrheit nichts weiter als ein unverbesserlicher Illusionist; seine Auftritte finden in alten Wirtshäusern und Viehhallen statt, und in seinem Alkoholexzessen feiert er sich als großen Held. Trotzdem -oder genau deswegen- entsteht zwischen dem ungleichen Paar eine äußerst skurrile Liebesgeschichte-  ohne Tabu aber auch ohne Happy End....
Eine verrückt gefühlvolle Road-Story, die mit ihrer Liebe zum Leben und ihrer Verzweiflung am jenem begeistert.


Persönliche Meinung

Was als kitschige trash-Komödie daherkommt, entpuppt sich als mitreißende Geschichte über Selbstfindung, Scheitern, Glück und die Frage nach dem, was letztendlich zählt im Leben.
Bei Biene und Kurt geht es um so viel mehr, als an der Oberfläche beschrieben: die unerfahrene Biene ist hoffnungslos, weiß keinen Ausweg aus ihrer Lage außer die Flucht nach vorn und ist sofort begeistert von Kurt, der so viel vom Leben zu verstehen scheint. Aber hinter dessen Fassade steckt ein nicht minder zerbrechlicher, an sich und dem Lebenssinn zweifelnder Versager, der einem Leben als Rock 'n Roller hinterherjagt, aber es niemals einholen wird. Durch seinen unverwechselbaren und detailverliebten Schreibstiel gelingt es Robert Seethaler, zwischenmenschliche Situationen und Gefühle auf ganz besondere Art zu beschreiben. Die gegenseitige Faszination, die sie aufeinander ausüben, und die Tragik der Lebensgeschichten beider regt in ihrer Absurdität zum Nachdenken an. Der Leser erfährt, wie die unbeholfene und etwas seltsame Biene zu einer Frau wird, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt; und darin Kurts Traum verwirklicht, der wahrscheinlich nie den Mut dazu gefunden hätte.
"Die Biene und der Kurt" ist eine urkomische und kurzweilige Road-Story, die jedoch nachhallt!

Hier geht's zu meinem Besuch bei der lit.Cologne Lesung mit Robert Seethaler und Hanns Zischler!