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Montag, 23. Oktober 2017

Das Erwachen - Andreas Brandhorst (Rezension)

Was passiert, wenn unsere Existenz in die Hände einer intelligent denkenden Maschine gerät? Ein Szenario, so erschreckend wie realistisch.

  • Autor: Andreas Brandhorst
  • Verlag: Pieper
  • Erscheinungsdatum: 2.Oktober 2017
  • Seitenanzahl: 736 Seiten
  • Preis: 16,99 Euro
  • ISBN: 978-3-492-06080-6



Über den Autor

Andreas Brandhorst (*1956) hat als Übersetzer und Autor in Italien gelebt, wo auch Teile seines neuesten Romans spielen. Heute ist er in den Norden Deutschlands zurückgekehrt und widmet sich  dem Schreiben von Sciens-Fiction Romanen.

Inhalt


Wir leben in einer Welt, in der wir ohne Elektrizität nicht mehr existieren könnten: Wir machen uns abhängig von intelligenten Technologien und dem ständigen Gebrauch von Mikrochips, Datenspeichern und dem World Wide Web. Dass uns das früher oder später zum Verhängnis wird, davon ist Andreas Brandhorst überzeugt: In seinem neuen Thriller zeichnet er die Welt nach dem Takeover einer Künstlichen Intelligenz.

Axel Krohn, früherer Kurdischer Cyber-Terrorist und Freiheitskämpfer, ist als Hacker im Darknet unterwegs. Als er versehentlich auf einen Virus der NSA stößt, löst er eine Kettenreaktion aus und leitet das Ende der menschlichen Herrschaft über die Welt ein. Ein Maschinenintelligenz erwächst aus dem Virus und unterwirft die Infrastruktur der gesamten Welt. Menschen entwickeln sich zu Barbaren im Kampf um das eigene Überleben und sterben in Massen. NSA, Polizei und UN machen sich auf die Suche nach der unsichtbaren und doch überall präsenten Maschinenmacht und es beginnt eine wilde Verfolgungsjagd. Doch die künstliche Intelligenz ist immer einen Schritt voraus: Der einzige, mit dem sie sich auf ein Gespräch einlässt, ist Axel Krohn. Der am intensivsten gesuchte Cyberterrorist, der für den drohenden Untergang der Welt verantwortlich gemacht wird...

Persönliche Meinung


Anders Brandhorst beschreibt ein Szenario in einer Welt, die der unseren gar nicht so fern liegt. Wie weit würden wir gehen, um das eigene Überleben zu sichern? Welche Rolle nehmen politische Konflikte ein, wenn es um die Existenz der Menschheit geht? Fragen, die wir uns bald selbst stellen müssen wenn es nach dem Autor geht. In einem spannenden und rasanten Thriller, multiperspektivisch und charakterstark erzählt, spielt er eine mögliche Zukunftsvision der Menschheit durch. Auf 700 Seiten kommen dabei Action, familiäre Konflikte, Liebesbeziehungen und Humor nicht zu kurz. Dabei nimmt die Handlung leider erst im zweiten Teil richtig fahrt auf, um sich zeitweise in kitschigen Kampfszenen zu verlieren und dann in rasantem Tempo auf ein schnelles und enttäuschend harmonisches Ende zuzusteuern. An manchen Stellen kommt das Buch dadurch etwas zu actionlastig und realitätsfremd daher im Vergleich zu den wissenschaftlichen Ausführungen zu Daten und KIs im ersten Teil.
Trotzdem lässt Brandhorst den Leser mit einer entscheidenen Frage zurück: Vielleicht ist die Entwicklung einer künstlichen Intelligenz nur die nächste Stufe auf der Leiter der Evolution? In "Das Erwachen" zeigt er letztlich eine Möglichkeit auf, wie Mensch und menschlich gewordene Maschine koexistieren können. Doch in einer Welt, in der eine künstliche Supermacht über das Schicksal der Zivilisation entscheidet, wird nichts mehr so sein wie vorher.
Fazit: Ein packender, durchweg spannender Krimi für Computernerds und solche, die es danach werden. Brandhorst regt mit seinem Thriller zum Nachdenken an über die Technik, die wir in unserem Alltag viel zu selbstverständlich nutzen.

* Das Buch wurde mir freundlicherweise als Rezensionsexemplar vom Piper-Verlag zur Verfügung gestellt.

Sonntag, 9. Juli 2017

Und ewig schläft das Pubertier - Jan Weiler (Rezension)


Geschichten aus dem Alltagswahnsinn auf dem Weg zum Erwachsenwerden.
  • Autor: Jan Weiler
  • Verlag: PIPER-Verlag*
  • Erschienen: 3.Juli 2017
  • Seitenanzahl: 176
  • Preis: 14,00 Euro (Hardcover)
  • ISBN: 978-3-492-05772-1



Über den Autor

Jan Weiler(*1967) lebt in München und hat lange Jahre als Chefredakteur des SZ-Magazins gearbeitet. Seinen größten Erfolg feierte er mit "Maria im schmeckt's nicht". Sein aktuelles Buch ist der dritte Teil seiner Pubertier-Serie: Nach "Das Pubertier" (2014) und "Im Reich der Pubertiere" (2016). ist am 6.Juli ist der dazugehörige Film mit den Schauspielern Jan Josef Liefers und Heike Makatsch in den deutschen Kino angelaufen.

Inhalt

Die Kinder von Jan Weiler werden erwachsen - und mit ihnen die Probleme. Ein spannendende Zeit, findet er und nutzt den neuen Lebensabschnitt für den dritten Teil seiner Buchreihe. Mittlerweile ist er Vater einer siebzehnjährigen Tochter und eines vierzehnjährigen Sohnes, beide durchleben die Pubertät gerade auf unterschiedliche Weisen. Während der eine viel schläft, Computerspiele spielt und bei seinem Versuch, Mädchen zu beeindrucken erst einmal kläglich scheitert, ist die andere gerade dabei ihre Verkehrstauglichkeit unter Beweis zu stellen, ihre erste ernste Beziehung zu kitten und ausgiebig Partys zu feiern. Jan Weiler nimmt dabei die Rolle des Versuchsleiters bei dem Experiment "Erwachsen werden" sehr ernst: ob auf dem Verkehrsübungsplatz, dem Elternabend oder der Suche nach Erklärungen für die manchmal merkwürdigen Verhaltensweisen seiner Kinder. Während die ersten Altersanzeichen wie seine Schwerhörigkeit immer schlechter verbergen kann, werden Clara und Nick zu jungen Erwachsenen - in manchen Situationen sind sie es bereits mehr, in manchen weniger.

Persönliche Meinung

Das leckere Gurke-Dill-Pausenbrot wird in der Schule gegen Nutellatoast getauscht und Papa muss die Tochter um vier Uhr von einer Party abholen - die Pubertiere strapazieren die Nerven des Versuchsleiters ganz schön. Der aber verbucht die Eigenheiten seiner Kinder als willkommene Ergebnisse seines Experiments und reagiert stets (und manchmal überraschend) besonnen und verständnisvoll. Auch wenn sich die Kommunikation mit seinen Kindern zuweilen auf das Mindeste beschränkt. Durch sehr amüsierende Rückblicke in seine eigene Jugend und seine Perspektive als mittlerweile fünfzig jähriger Mann auf die Entwicklung seiner Kinder ist "Und ewig schläft das Pubertier" mehr als eine Bestandsaufnahme der fremdartig anmutenden Verhaltensweisen von Clara und Nick: Es ist ein Versuch, die Lebenswelt der Pubertiere zu verstehen. Daraus ist ein sehr lustiger, alltagsnaher und kurzweiliger Familienroman geworden. Ein Buch, das einmal durch das ganze Haus gereicht werden sollte, damit sich sowohl Kinder als auch Eltern in Weilers Familie wiedererkennen und vielleicht sogar von ihr abschauen können. Ihm und seiner Frau gelingt es nämlich, angenehm entspannt und ausgeglichen auf jegliche Form der neue Eigenheiten ihrer Kinder zu reagieren. Wir dürfen gespannt sein, welche Geschichten das Leben der Pubertiere noch bereithält!

* Mit freundlicher Unterstützung des PIPER-Verlags, der mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Samstag, 18. Juni 2016

Lucia di Lammermoor - Oper im Staatenhaus Köln Deutz


  • Premiere: 12.Juni 2016
  • Inszenierung: Eva-Maria Höckmayr
  • Musikalische Leitung: Eun Sun Kim
  • Enrico: Boaz Daniel/ Florian Sempey
  • Lucia: Olesya Golovneva
  • Edgardo: Atalla Ayan/ Jeongki Cho
  • Arturo: Taejun Sun

Ein Zwist zwischen zwei Familienclans, eine hoffnungslose Liebe, eine Intrige und kein happy End - so könnte man die Geschichte von Lucia di Lammermoor kurz beschreiben. Donizettis Oper spielt im Schottland des ausgehenden 16.Jahrhunderts vor dem Hintergrund des Konflikts zwischen Katholiken und Protestanten. Die mächtige Dynastie der der Ashtons hat die Familie der Ravenswoods vertrieben und damit eine Heirat zwischen Lucia und Edgardo unmöglich gemacht. Als Lucias herrschsüchtiger Bruder Enrico von einem Verhältnis zwischen den beiden erfährt, kommt die Tragödie in Gang: Um seine Machtposition zu sichern, arrangiert er für eine Zwangsheirat dem einflussreichen Arturo. Es bedarf erst eines gefälschten Briefs von Lucia damit Edgardo von seiner Liebe entsagt, und seinen Schwur der ewigen Treue zu Lucia bricht. Die heiratet ihrem Bruder untergeben Arturo und verzweifelt an ihrem Schicksal. Sie wird wahnsinnig, tötet Arturo und begeht anschließend gemeinsam mit Enrico Selbstmord. Daraufhin schlitzt sich auch Edgardo die Kehle auf und stirbt mit der Hoffnung im Grab die ersehnte Vereinigung mit Lucia zu finden.
Die Oper stammt aus dem Jahr 1835 und dem aufmerksamen Zuschauer werden wahrscheinlich gewisse Parallelen zu Werken von  Schiller und Shakespeare aufgefallen sein: Die Intrige aus Kabale und Liebe und der Selbstmord zweier Liebenden die sich im Tod vereinen. Ob Gaetano Donizetti seine Inspiration hier gefunden hat..?
Die Kölner Inszenierung allerdings bringt einige Veränderungen der Originalfassung mit sich. Regisseurin Eva Maria Höckmayr verändert die gesamte Rahmenhandlung indem sie die Geschichte in den Kontext des Dritte Reichs versetzt. Die jüdische Familie Edgardos wird von den arischen Ashtons verraten und muss fliehen.  Die Darstellung dieses dramatischen Schicksals gelingt allerdings durch das schwer nachvollziehbare Auftreten einer Flüchtlingsfamilie eher mäßig und wirkt wie aus dem Zusammenhang gerissen. Auch der Einsatz einiger Nazi Offiziere in der ersten Szene des Stücks ist ohne Hintergrundwissen über die Inszenierung kaum zu verstehen. Als Kulisse dient ein Plattenbaubungalo ausgestattet mit einem großen Fenster, das den Blick in das Schlafzimmer Lucias frei macht und mit Spezialeffekten verdunkelt oder transparent gemacht werden kann. Trotz des Aufgebots an Spezialeffekten tötet Lucia ihren Ehemann nur mit einer dürftigen Nachttischlampe - die Mordszene wird dadurch leider in ihrer Dramatik entschärft. Daneben lenkt der Einsatz an Hochzeitsgästen in pompöser Kleidung vom eigentlichen Geschehen ab und verbraucht fast die Aufmerksamkeit der Zuschauer. Sowohl Atalla Ayan als Edgardo als auch die weibliche Hauptrolle Olesya Golovneva beweisen vokale Höchstleistungen, allerdings ist die instrumentale Begleitung durch das Gürzenich-Orchester oft gehetzt und hektisch, hier vermisst man ein weiches Instrument wie ein Klavier vergeblich.
Trotzdem zeigt das Ensemble  in seiner zweiten Aufführung der italienischen Kultoper im Ausweichquartier der Kölner Oper eine tolle Leistung; das Publikum zeigt seine Begeisterung in anhaltendem Applaus am Ende der Vorstellung.
Aus der Kreuzung aus Kabale und Liebe und Romeo und Julia lässt Donizetti eine dramatischen Familienfehde um Macht und Einfluss auf Kosten der Leben zweier Liebenden entsteht. Durch das Versetzen des Stück ins 20.Jahrhundert vor dem Hintergrund der Nazi-Herrschaft bekommt es eine nahbare Grundlage - ein gut gesetzter Akzent der Regisseurin.
Fazit: Eine gelungene Inszenierung, wenn auch in Punkto instrumentale Begleitung und Bühnenbau ausbaufähig.

Weitere Informationen & Tickets: hier

Montag, 2. Mai 2016

Kooperation mit Charssblog - Stabat Mater (Tiziano Scarpa)

Endlich ist es soweit: heute veröffentliche ich nicht meine eigene Rezension, sondern die von Charlotte von https://charlssblog.wordpress.com/. Sie schreibt tolle Texte und interessiert sich für Literatur, Kultur und Poesie. Ein Besuch bei ihr lohnt sich auf jeden Fall!
Im Gegenzug postet sie einen Artikel von mir zu Erich Maria Remarques "Die Nacht von Lissabon". 

Stabat mater handelt von einem sechzehnjährigen Mädchen, Cecilia, das in einem Waisenhaus im Venedig des 18. Jahrhunderts lebt. Sie ist dort aufgewachsen, ohne Mutter und ohne das Wissen, eine Mutter zu haben.
Als Kind sucht sie die Dunkelheit, auch wenn sie sie fürchtet. Sie sitzt auf einer Treppe im Waisenhaus und verbringt die Nacht mit Lauschen und Denken, bis sie eines Tages beginnt, Briefe an ihre unbekannte Mutter zu schreiben. Das Buch besteht aus ebenjenen Briefen. In ihnen beschreibt sie ihr Leben - wie sie als Kind voller Schrecken eine heimliche Geburt beobachtet hat, ohne zu wissen was vor sich geht – , die anderen Mädchen im Waisenhaus und ihre Träume, die guten wie die schlechten.
Für mich war es anfangs sehr schwer, mich auf diesen Schreibstil einzulassen. Es war sehr zähflüssig und so erst einmal stockend. Doch wenn man sich genug entspannt und akzeptiert, wie man die Handlung direkt von Cecilia erfährt ist es das Beste, was dieser Geschichte passieren konnte. Es war eine kleine Offenbarung für mich.
Durch die Art des Erzählens in Briefform (wobei diese Briefe fast eher einem Tagebuch ähneln)baut sich eine unheimliche, beinahe intime Nähe zur Protagonistin auf. Man hat das Gefühl direkt in ihren Kopf sehen zu können… oder noch dichter, dort neben ihr zu sitzen und zu beobachten, wie sich ihre Gedanken Formen.
Ihre Träume sind geprägt von Angst und Tod, zeichnen oft erschreckende Bilder der Hoffnungslosigkeit. Doch sie berichtet auch von der Musik, ihrer Neugierde und ihren Hoffnungen. Die Geschichte strahlt eine unendliche Hoffnung an die Zukunft aus, ohne jemals zu vergessen, dass das Letzte dort der Tod sein wird. Er scheint so allgegenwärtig, wie die Musik in dem Waisenhaus.
„Ich habe den Arm ausgestreckt, berühre die Bretter des Betts über mir, breche einen kleinen Span ab, kratze an der Rauen Oberfläche, als sich ein Frauenkopf über die Bettkante beugt, anstelle der Haare sind da viele, viele schwarze Schlangen.
                „Was ist, hast du mich gerufen?“
                „Wer bist du?“, frage ich.
                „Ich bin dein Tod“, sagt der Kopf mit den Schlangenhaaren. Die Stimme ist freundlich.
                „Würdest du mir Gesellschaft leisten?“, frage ich.“
So unterhält sich Cecilia mit ihren innersten Gedanken, die ihren Tod verkörpern. All diese Vorstellungen, Erfahrungen und Emotionen vermittelt Cecilia direkt über die Briefe, als könne man sie in diesem Augenblick denken hören und so diese Zeit unmittelbar miterleben. Man darf live dabei sein, wenn Cecilia das erste Mal die Stadt sieht, wenn sie bemerkt, wie anders die schlafenden Mädchen doch als die wachen sind, wenn sie ihr alltägliches Leben führt, wenn sie sich nachts Gedanken über den Tod und das Leben macht und vor allem, wenn sie Vivaldi trifft. Bereits vor dieser Begegnung ist Cecilia eine talentierte und begeisterte Violinistin. Die Musik gibt ihr Halt, doch der Komponist des Waisenhauses ist alt und ideenlos.
„Lange Zeit war Musik für mich gleichbedeutend mit Don Giulio, Musik, das war Don Giulio, nichts anderes, ich wusste nicht einmal, dass es Musik von anderen Leuten gab, Musik, das war etwas, das gänzlich in jenem alten Körper verschlossen war […] Wir Instrumentalistinnen sind fast alle noch jung, wir lassen unser junges Herzblut in diese altersschwache Musik fließen. […] Die Musik zerreißt, wenn wir sie spielen. […] Seine Musik zwingt uns, alt zu sein. […] Wir spielen aus der Höhe, von oben herunter, auf den Emporen zu beiden Seiten der Kirche, einige Meter vom Boden entfernt, denn die Musik fällt schwer nach unten. Wir gießen sie über den Köpfen derjenigen aus, die uns zu hören gekommen sind. Wir tauchen sie ein, ersticken sie mit unserer Musik.“
Vivaldi hingegen tritt strahlend in ihr Leben. Er bringt neue, schwebende Musik… durch Vivaldi entdeckt Cecilia nicht nur die Musik ganz neu, sondern auch sich selbst. Sie stellt alte Gewohnheiten in Frage.
In erster Linie empfinde ich dieses Buch als eines über das Erwachsenwerden, das Loskommen vom Bekannten, das Wagen von Neuem. Es ist auch ein Buch über die Angst vor dem Unbekannten, vor der Zukunft, vor der Nacht.
„Frau Mutter, zur Abwechslung habe ich heute Nacht wieder einmal mit aufgerissenen Augen an die Decke gestarrt. […] Wenn die Angst kommt, wie fast jede Nacht, darf man keinesfalls im Bett bleiben. Also komme ich hierher, um euch zu besuchen.“

Und doch, trotz ihrer eigenen Angst kehrt Cecilia immer wieder in ihre vertraute, beängstigende Dunkelheit zurück, sucht die allzu bekannte Furcht ständig aufs Neue auf und wagt letztendlich sogar den Sprung ins Unbekannte, wodurch man selbst auch alles in Frage zu stellen lernt.
Für mich waren die Bezüge zu Vivaldi besonders schön. Am Offensichtlichsten ist da der Titel. Doch diese Hommage an Vivaldi nimmt nicht nur Bezug zu Vivaldis wunderbarer Vertonung des Gedichts „Stabat mater“, sondern auch zu Cecilias fehlender Mutter
Es gibt eine Szene, in der Cecilia den jüngeren Waisenkindern Geigenunterricht gibt. Um sie für die Musik zu begeistern lässt sie sie dort die verschiedenen Vogelstimmen nachahmen. Vivaldi hört und später in seiner Musik als das berühmte Motiv des Frühlings in „Die vier Jahreszeiten“ verarbeitet. Er inspiriert Cecilia. Er lässt sie zu musikgewordenen Gedanken werden, zu musikgewordenem Unwetter, Donner, Blitz, zu den Vögeln, zu Hageln, Hitze und Eis. Er fordert die jungen Musikerinnen heraus und stellt sie in Frage, ganz besonders Cecilia. Er zwingt sie zu einem inneren Aufbruch, zur Bewegung. Und so lässt das Buch auch den Leser zurück, mit Fragen nach der Zukunft, der eigenen und Cecilias. Mit dem schmerzlichen Gefühl des Verlusts, ob dieses so abrupten Endes. Es lässt in einem ein Gefühl der Leere zurück, die wünscht ausgefüllt zu werden… mit Musik und mit Leben.


Dienstag, 29. März 2016

Über Sinti und Roma auf der lit.Cologne

Sängerin Marianne Rosenberg und Anwältin Nizaquete Bislimi - zwei Frauen, die eine kulturelle Herkunft teilen. Über das Leben von Sinti und Roma in Deutschland erzählten sie auf ihrer Lesung im Rahmen der lit.Cologne!

http://www.firstlife.de/ihr-gehoert-zu-uns-marianne-rosenberg-und-nizaquete-bislimi-auf-der-lit-cologne/

Montag, 21. März 2016

Er ist wieder da - lit.Cologne macht "Mein Kampf" zum Thema

Siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stellen wir uns erneut die Frage: Wie gehen wir mit Hitlers Erbe um? Seit diesem Jahr gibt es die kommentierte Edition von "Mein Kampf" frei in den Buchhandlungen zu kaufen. Über die Zugänge zum einstigen Tabu wurde auch auf dem Kölner Literaturfest lit.Cologne diskutiert!

Mein Beitrag zu dieser Veranstaltung habe ich diesmal Hier veröffentlicht, ich hoffe, ich bekomme trotzdem ein paar Leser und vielleicht auch ein kleines Feedback!



Mittwoch, 23. Dezember 2015

Tagebücher des Victor Klemperer (1944)

"Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten"

"Heute bin ich durchaus nicht sicher, dass "er" in diesem Jahr erledigt wird. Resistent, Tyrannei, Dummheit sind alle drei grenzenlos." (01.Januar 1944)
Klemperer ist und bleibt Realist, versucht sich so wenig wie möglich von der "vox populi" beeinflussen oder falsche Hoffnungen machen zu lassen. Die Bevölkerung ist gespalten in fanatische Anhänger Hitlers, die sich von der rechten Propaganda und den vermeintlichen Kriegserfolgen befeuern lassen, und in verdeckte Antinazisten. Doch es gibt immer mehr Menschen, die ihm auf offener Straße Worte des Trostes zusprechen.


"In der Kriegsführung mögen sich die Nationalsozialismus verrechnet haben, in der Propaganda nicht. Ich muss mir immer wieder Hitlers Worte ins Gedächtnis rufen, er rede nicht mit Professoren." (19. März 1944)
Die Nationalsozialisten setzen in ihrer Kriegsführung nun verstärkt auf ihre auf  grenzenlos primitive und verwerfliche Stimmungsmache. Kriegsniederlagen werden vertuscht, mit Vergeltungsdrohungen abgewiesen und das "Weltjudentum" für das Kriegsleid verantwortlich gemacht. Das letzte Kriegsjahr erfordert stärkere Propaganda denn je, es gibt Gerüchte über eine Invasion der Alliierten und die Zurückdrängung der deutschen Truppen an den Fronten. Klemperer notiert immer mehr über die LTI, die Sprache des dritten Reichs. Den Fluch der Superlative, Pejorative und der Einfältigkeit des Wortschatzes durch primitive und radikale Steigerung von vorhandenen Worten durchschaut er mit intellektueller Überlegenheit, und benennt anhand von Meldungen aus dem "Reich" oder dem Heeresbericht die Absurditäten des nationalsozialistischen Sprachgebrauchs.


"Es kommt nicht auf den großen Schlag an, sondern auf den Alltag der Tyrannei, der vergessen wird. Tausend Mückenstiche sind schlimmer als ein  Schlag auf den Kopf." (08. April 1944) 
 Das Leben der Juden in Deutschland ist gefährdeter denn je. Fast täglich hört Klemperer von Deportationen - bringt die Gestapo sie erst nach Theresienstadt, fahren sie direkt in Tod nach Auschwitz, überleben sie den Aufenthalt auf der Gestapozentrale? Klemperer unternimmt Spaziergänge zum jüdischen Friedhof, wo er mit den Arbeitern "die Lage berät" und Neuigkeiten erfährt. Zeitungen beschafft er sich durch Freunde und Bekannte. Täglich tauscht er sich mit ihnen über die aktuelle Kriegslage aus.

"Man sehe in Berlin keine Sternjuden. Die Gestapo sei damit einverstanden, drücke mindestens beide Augen zu. Der Stern wird nicht getragen oder versteckt. (...) Sei die Gestapo durch eine Denunziation zum Einschreiten gezwungen, dann erhalte der Angezeigte zuerst eine Verwarnung, danach eine Geldstrafe... Bei uns dagegen kostet der verdeckte Stern unweigerlich via KZ das Leben.-" (1. Mai 1944) 
In Zeiten in denen das Zeitung lesen und Radio hören für Juden verboten ist, die Hoffnungen auf ein baldiges Ende überschwellen, und die Propaganda der Nationalsozialisten Niederlagen verschleiert, ist es schwer, Erfundenes von Wahrheit zu trennen; Gerüchte von tatsächlichen Ereignissen. Die vox populi neigt zu Übertreibungen, die vox judae, überschwänglich ein baldiges Ende herbeisehnend dazu, nationalsozialistische Gräueltataten gegenüber Juden überspitzt darzustellen oder vermeintliche Erfolge vorschnell als Indiz für ein baldiges Kriegsende zu werten. Klemperers Herz sehne das Ende des Leidens herbei, der Verstand aber könne nicht daran glauben. Seine Rationalität bewahrt ihn vor allzu großen Enttäuschungen.


"Wie viel Arbeit werde ich mit einem Auge leisten können. Und wie viel Zeit bleibt mir? Ursache wahrscheinlich Zucker - daher der qualvolle Durst in der letzen Zeit. Hergang: ein minimaler aber doch ernster Schlaganfall. Ich habe gehofft, an der Angina auf eine anständige Weise zu sterben. Was macht der zweite Schlaganfall aus mir? Einen Haufen Blödsinn im beschissenem Bette, wie aus Grete, wie aus Vater? Soll sich Eva vor mir ekeln oder mit mir plagen? Aber ich habe kein Veronal, ich habe keinen Mut, und ich muss ja das 3.Reich zu überleben suchen, damit Evas Witwenpension sichergestellt wird." (6. Mai 1944)
Klemperer leistet seit dreizehn Monaten Fabrikdienst - aktuell in einer Papierverarbeitungsfirma. Das Pensum schafft er längst nicht, das Abzählen fällt ihm schwer. Die stumpfsinnige und eintönige Arbeit ist reine Zeitverschwendung für den Professor, der immer noch seinen philologischen Studien nachgeht und intellektuell anspruchsvolle Arbeit gewohnt ist. Zudem folgt nach einem leichten Schlaganfall in Folge seiner Angina eine einsetzende Augenlähmung, die ihm selbst den verbliebenen Rest seiner philologischen Tätigkeit zu nehmen droht. Klemperer ist aussichtsloser denn je, in der Fabrik muss er Nachtdienst übernehmen. Schlafmangel, Augenleiden und Herzleiden, das sich durch das regelmäßige beschwerliche Kohlenbeschaffen in der Stadt nur verschlimmert, rauben ihm jegliche Perspektive. In seinem Tagebuch schreibt er offen über Selbstmord.


"Ob nicht das ganze in der Hauptsache zur Ablenkung und Beruhigung des deutschen Publikums "aufgezogen" ist, und dabei unsicherer aufgezogen ist, wie es früher üblich war? oder sehe ich das zu rosig. Die Schlacht in der Normandie schwankt, in Italien kommt England rasch vorwärts, in Südrussland ist es immer noch still, in Finnland gewinnen die Russen Boden- welches Fazit sollte man ziehen? Ich urteile je nach Stimmung, alle paar Stunden anders. -" (19. Juni 1944)
Der Friedhof wird zur Nachrichtenzentrale und wichtigsten Anlaufpunkt für die Beschaffung von Neuigkeiten. Aber jeder Gang nach draußen mit seinem Judenstern bedeutet für Klemperer eine große Überwindung. Nur ein Bespiel für die Grausamkeit gegenüber den Juden: Neben dem Judenhaus wurde ein Lager für russische Gefangene errichtet, und erst kürzlich wurde eine ganze Familie nach Theresienstadt deportiert weil die Tochter ein Verhältnis mit einem Häftling führte.
Klemperer lässt sich auf Grund seines Herzleidens bei seinem Arzt von Arbeitsdienst befreien, stellt einen Antrag auf komplette Dienstentpflichtung. Er klammert sich an die Hoffnung, so mehr Zeit für seine Studien zu haben, doch der Zweifel an der Sinnhaftigkeit und Qualität seiner Arbeit bleibt.


"Seit gestern von dem Gefühl beherrscht: vor dreißig Jahren! Daran schließt sich zuerst immerfort die Betrachtung des Altseins, Am-Ende-Stehens, Keinen-Anspruch-mehr-Haben. Aber es fehlt mir doch so ganz, was ich mir immer als Reife des Alters vorgestellt habe, ich bin weder satt, noch müde, noch irgendwie dem Letzten gegenüber ruhig. Nur absolut skeptisch. - Den Krieg anlangend, so scheint es mir eine grausame Ironie des Schicksals, dass die Russen Ostpreußen gegenüber genau da stehen, wo sie am 1.8.14 standen. Wer soll ihnen heute noch ein Tannenberg bereiten? Sieht man nur auf die Heeresberichte der allerletzten Tage: Normandie, Augustuswo, Warschau, dazu seit gestern Beskidenpaß und Schwanken der Türkei - so muss man sich sagen, dass der Krieg nur noch Wochen dauern kann. Liest man dann die Zeitungsartikel, Reden, Erlasse, so ist auf Jahre hinaus vorgesorgt, die Tyrannei unerschüttert und unerschütterlich, der "Endsieg" trotz aller momentanen "Krisen" - Krise ist das aktuelle Beschönigungswort für "Niederlage" - absolut sicher. Und da diese eiserne Stirn und dies einhämmernde Wiederholen selbst mich beeinflusst, wie sollte es die Masse des Volkes unbeeinflusst lassen? Ich sage mir immer wieder: Sie haben sich so lange gegen alle Natur und Berechnung gehalten, warum nicht noch ein Jahr länger?" (02. August 1944)
Die Gerüchte über die Invasion der Aliierten haben sich bestätigt, die Deutschen Truppen schlagen mit der Vergeltungswaffe "V1" zurück. Die Nationalsozialisten propagieren anhaltende Kriegserfolge, die berichten Zurückdrängung der deutschen Fronten. Klemperer vergleicht die propagandistische Berichterstattung im "Reich" regelmäßig mit der anderer Zeitungen, um die Situation möglichst realistisch einschätzen zu können. Er hat die Vermutung, Deutschland halte die Stellungen an der Ostfront nur so kämpferisch aufrecht, damit es bei einer Eroberung durch die Alliierten nicht den Russen in die Hände falle. Währenddessen wächst das Misstrauen der Juden untereinander, jedes kleinste Vergehen kann sie das Leben kosten.
Am 24.Juni ist Klemperer nach vierzehn Monaten vom Arbeitsdienst befreit worden. Doch die Erleichterung überschattet die dunkle Vermutung, der Arzt habe ihn nur freigestellt, weil er keine lange Lebensdauer für ihn voraussehe....


"Evas Geburtstag. Meine Hände wieder ganz leer, nicht einmal eine Blume." (12. Juli 1944) 
Geburtstage, Hochzeitstage, Feiertage werden von den aktuellen Kriegsereignissen in den Hintergrund gerückt. Klemperer notiert überwiegend die aktuellen Kriegsmeldungen und neue Deportationen. Statt persönliches Befinden oder Alltagsleben protokolliert er die Gespräche über das Fortschreiten der Invasion oder die Fliegerangriffe auf Deutschland akribisch.
Er verzeichnet auch eine Veränderung der Todesanzeigen: Während früher der Heldentod eines jeden Soldaten in einer eigenen Anzeige glorifiziert wurde, werden nun bloß noch die Namenslisten der Gefallenen gedruckt.


"Ich will bis zum letzen Augenblick weiter beobachten, notieren, studieren. Angst hilft nichts, und alles ist Schicksal. (Aber natürlich packt mich doch von Zeit zu Zeit die Angst. So gestern im Keller, als die Amerikaner brummten)." (22. Juli 1944) 
Mit dem Schreiben seines Tagebuchs bringt er nicht nur sich selbst, sondern auch jegliche Personen, die er darin namentlich erwähnt, in Lebensgefahr. Die Manuskriptseiten bringt Eva zwar regelmäßig zu einer arischen Bekannten, doch auch dort sind sie im Falle eines Fliegerangriffes genauso gefärdet. Aber Klemperer gibt das Dokumentieren nicht auf, das Tagebuch ist sein Art, Widerstand zu leisten.
Es gibt mittlerweile Gerüchte um die Auflösung von Mischehen und die anschließende Deportation jüdischer Ehemänner in KZs.  Dresden ist jetzt von regelmäßigem Fliegeralarm betroffen, ein längerer Aufenthalt im Luftschutzkeller war aber noch nicht notwendig. Bis zum Oktober wird Dresden von Fliegerbomben verschont bleiben als eine der wenigen so lange verschont gebliebenen Großstädte Deutschlands.


 "Also Seuchenverdacht. Aber das Gesundheitsamt gibt nichts bekannt. Wer den Verdacht ausspräche wäre Defätist. Auch ist es jetzt, wo Tod an der Front und über den Städten wütet, einerlei, ob noch ein apokalyptischer Reiter zu den anderen stößt. Auch fehlt es an Ärzten, Platz in Krankenhäusern und Arzneien." (30. November 1944)
Im Judenhaus sind gleich zwei Bewohner einer Seuche zum Opfer gefallen. Offiziell heißt es, sie seien an einer septischen Angina gestorben, da die Folgen der Äußerung eines Seuchenverdachts für die Bewohner unberechenbar wären. Das Haus muss desinfiziert werden um die Gefahr einer Ausbreitung einzudämmen. Über den Tod der zwei Freunde schreibt Klemperer nüchtern und distanziert, gar erschreckend kalt. Er versucht sich von deren Schicksal nicht berühren zu lassen, um sich selbst zu schützen.


"Das einzige wesentliche Datum war für mich der 24.Juni. Der Tag meiner Entpflichtung. Seitdem bin ich die Fabriksklaverei los, seitdem habe ich - erst fiel's mir schwer, jetzt bin ich's wieder gewohnt - ausgiebiger für mich arbeiten können. d.h.: aufs Geratewohl Lektüreschreiben sub specie LTI. Aber seit 24.Juni stehe ich auch sehr bewusst unter doppeltem Todesurteil: Wenn ich nicht sehr herzleidend wäre, hätte Katz diese Dienstentpflichtung nicht beantragen und nicht durchsetzen können (freilich half wohl auch die Augenlähmung ein bisschen mit, die sich inzwischen fraglos ein wenig gebessert hat.) Sodann! Wenn es zur Evakuierung Dresdens kommt, würde mich als Arbeitsfähig irgendwo schanzen müssen, während ich nutzloser Judengreis fraglos beseitigt werde. der Zukunft stehe mit geringer Hoffnung und stumpf gegenüber. es ist sehr fraglich wann der krieg zu ende sein wird (obschon im Augenblick die deutsche Chance bei stockender Westoffensive und verlorenem Budapest wieder gesunken ist). Und es ist mir noch fraglicher, ob ich aus dem Frieden nicht etwas werde herausholen können, da ich doch offenbar am Ende meines Lebens stehe. - Irgendwie mich mit dem Todesgedanken abfinden zu können vermag ich nicht; religiöse und philosophische Tröstungen sind mir vollkommen versagt. es handelt sich nur darum, Haltung bis zuletzt zu bewahren. Bestes Mittel dafür ist die Versenkung in Studium, als hätte das Stoffspeichern wirklich Zweck. Dunkel drückend ist auch meine Finanzlage: Bis zum April, bestimmt nicht länger, reicht mein Bankkonto. Aber diese Geldsorge bedrückt mich wenig. Sie scheint mir klein, wo ich mich immer, und zweifach, dreifach, in unmittelbarer Todesnähe sehe. Sehr enttäuschend geht das Jahr zu Ende. Bis in den Herbst hinein habe ich, hat die ganz Welt es für sicher gehalten, dass der Krieg bis Jahresende fertig sei: Jetzt ist das allgemeine Gefühl und auch meines: vielleicht in ein paar Monaten, vielleicht in zwei Jahren. Zweiter Silvesteralarm, ohne Keller  22.15 Uhr bis 22.30 Uhr. Wir wollten gerade schlafen gehen." (31. Dezember 1944) 

Mittwoch, 2. Dezember 2015

journalistische Nachwuschsförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung: Radio-Seminar in Düsseldorf


Viele Wege führen nach Rom -und in den Journalismus! Früh übt sich was ein Meister werden will, ein Sprichwort, das sich besonders Journalisten zu Herzen nehmen sollten. Ich habe mich für ein Seminar der Konrad-Adenauer -Stiftung angemeldet, und in der letzten Woche vier Tage in Düsseldorf verbracht. Radio -  so lautet das Thema des Intensivkurses. Vier Tage lang beschäftigen wir uns mit dem Hörfunk, die Trainerin ist eine freie Journalistin vom NDR. Wir, das sind 12 junge Menschen im Alter von 16 bis 18 Jahren, interessiert am Journalismus und der Neugier, neue Dinge auszuprobieren.

Donnerstag, 26.11.15: Ich fahre nach Düsseldorf. Eine Stadt, die gar nicht so weit von mit entfernt liegt, die ich aber trotzdem noch nie besucht habe. Die Jugendherberge, in der wir untergebracht sind, liegt auf der anderen Seite des Rheins, ich muss also ein paar Stationen mit der U-Bahn fahren - für ein Dorfkind wie mich eine ziemliche Herausforderung! Beim ersten Versuch nehme ich die Bahn in die falscher Richtung, komme aber doch noch gut an der Herberge an. Mein Zimmer dort teile ich mit mit einem Mädchen aus Berlin, wir verstehen uns gut, tauschen uns über unsere Erfahrungen aus. Am Nachmittag beginnt bereits der erste Theorie-Block des Seminars, die Trainerin führt uns in die Basics des Radio-Journalismus ein. Wir dürfen sowohl sie als auch den Seminarleiter duzen, es ist eine lockere Atmosphäre, schnell fassen wir Vertrauen zueinander.


















Freitag, 27.11.15: Ein Besuch beim WDR steht an. Darauf freue ich mich besonders, bin gespannt auf die Einblicke in den Fernsehjournalismus. Im Düsseldorfer Medienhafen steht das Glasgebilde, es ist das größte Regionalstudio des öffentlich-rechtlichen Senders. Die Führung bringt uns in ein Radiostudio und wir können ein Teile der Fernsehstudios durch eine große Glasscheibe von einer Galerie aus betrachten. Unten werden letzte Vorbereitungen für eine Sendung getroffen. Aber auch für uns wird es an diesem Tag praktisch: bewaffnet mit Mikrophon und Aufnahmegerät geht es in die Innenstadt zum Interviewtöne "holen". Wir wollen eine eigene kleine Radiosendung zum Thema "Weihnachtsblues" erstellen, zu der jeder von uns einen eigenen Beitrag zu einem frei gewählten Thema beisteuert. Einige entscheiden sich für Umfragen, z.B. zum Thema Weihnachtstraditionen, Sicherheit auf dem Weihnachtsmarkt oder Glühweinkonsum in der Adventszeit. Ich möchte mich mit Obdachlosigkeit in Düsseldorf beschäftigen, und wähle die Darstellungsform eines gebauten Beitrags; das heißt, ich möchte eigene Texte mit aufgenommenen O-Tönen mischen.















Eigentlich will ich dabei auch die Arbeit mit Obdachlosen beleuchten. Meine erste Anlaufstelle ist die Bahnhofsmission, dort habe ich leider keinen Erfolg: die Mitarbeiter dürfen mir keine Auskunft geben, bringen mich aber zum Bahnhofsvorplatz wo meine Interview-Reise beginnt. Ich treffe einige Punks und einen weiteren Obdachlosen, der mir im Gespräch erzählt, er habe die letzten 20 Jahre im Gefängnis verbracht - . Als nächstes fahre ich auf den Weihnachtsmarkt in die Altstadt. Dort interviewe ich zwei Pfandsammler, sowie ein paar Bettler in der Einkaufsstraße. Dort befrage ich auch einige Passanten nach ihrer Haltung zu Obdachlosen und den Einfluss der Weihnachtszeit auf ihre Geberlaune. Als es schon dunkel wird, fahre ich noch einmal zurück zum Bahnhof, hoffe, die Punker dort anzutreffen. Und tatsächlich - auf dem Vorplatz sitzt ein Mann mit Gitarre, "I wonna smoke" singt er dazu - "Was meinen Sie, sind die Drogenverdächtig?", fragt mich der alte Mann, der neben mir steht.. Und da sind sie, die Vorurteile gegen Unkonventionalität und Anderssein. In den Gesprächen, die ich an diesem Abend noch führe, erfahre ich viel über die Punksszene, vor allem aber über die Schicksale, die hinter den schwarzen Gestalten mit den bunten Haaren und Springerstiefeln stecken. Ein von ihnen, er sitzt im Rollstuhl und kann nur schwer sprechen, hat mit 14 Jahren sein Abitur geschafft, ein Studium abgeschlossen. Er hofft, an Weihnachten einmal Essen gehen zu können, wird an den Feiertagen wieder schnorren gehen.  Ein anderer ist erst 17 Jahre alt, wird bald Vater. Er hat den heiligen Abend noch nie gefeiert, wird auch in diesem Jahr wieder mit seinen Kumpels "einen saufen" gehen. Weihnachten ist für die meisten ein Tag wie jeder adere. Er ist genauso alt wie ich, und wir beide stellen diese Gemeinsamkeit überrascht fest - es sind zwei völlig unterschiedliche Lebenswelten, er wirkt so viel selbstständiger - auch in einer Weise reifer als ich. Er ist komplett auf sich allein gestellt, während ich es gewöhnt bin, immer meine Eltern im Rücken zu haben. Die Geschichten, die ich in nur vier Stunden Recherche erfahre, lassen mich nicht los. Schicksale und Menschen, die mir unglaublich leid tun, aber gleichzeitig viele neue Fragen aufwerfen. Die Offenheit der Menschen begeistert mich sehr, so viel Vertrauen und Freundlichkeit hatte ich nicht erwartet! Aber wie kann ich all die guten Töne in einem kurzen und knackigen Beitrag unterbringen? Ich habe Angst, den Geschichten nicht gerecht zu werden.




















Samstag, 28.November: Heute wird geschnitten: nach einer Einführung in das "Schreiben für's Hören", werden wir ins kalte Wasser in Sachen Technik geworfen. Ich bin vorher noch nie mit einem Schneideprogramm in Berührung gekommen, nun muss ich meine Interviewetöne schneiden, einen passenden Text schreiben, und einheitliche Atmosphäre darunter legen. Ich bin etwas überfordert, arbeite langsam. Das Manuskript, das heißt der geschriebene Text mit den ausgeschriebenen Interviewtönen, muss abgeliefert werde, und bei der Besprechung mit der Trainerin ist stellt sich heraus: mein Beitrag ist viel zu lang: fast 6 Minuten - dabei hätte ich locker eine viertel Stunde mit all den Aussagen und Eindrücken füllen können. Mein Beitrag wird gekürzt, danach geht es ans einsprechen: ein professionelles Mikrophon steht uns zum Aufnehmen unseres Textes zur Verfügung. Etwas befremdlich ist es, die eigene Stimme so klar und echt zu hören, eine völlig neue Erfahrung. Zuletzt wird das Gesagte zwischen die Interviewtöne geschnitten. Ich sitze bis 12 Uhr in der Nacht an meiner Reportage, und bin froh, sie nach anfänglichen Startschwierigkeiten doch zusammengebastelt bekommen zu haben.
Es ist der letzte Abend und eigentlich hatten wir uns vorgenommen, noch einmal in die Stadt zu fahren, entscheiden uns aber doch dazu, den Abend in einem der Zimmer ausklingen zu lassen. Es ist noch eine wunderschöne Zeit - wir verstehen uns untereinander so gut, obwohl wir uns erst seit 3 Tagen kennen. Morgens um vier gehen wir noch gemeinsam auf die Rheinbrücke - warum genau weiß ich auch nicht so genau - aber das Gefühl dort war unbeschreiblich. Eine tolle Zeit hinter uns, bleibende Erfahrungen interessante Bekanntschaften im Gepäck, leuchtet die nächtliche Düsseldorfer Skyline auf, und wir fühlen uns gut!




















Sonntag, 29.November: Nach einer kurzen Nacht hören wir uns am Morgen die fertige Radiosendung an. Unsere Trainerin hatte bis tief in die Nacht daran gearbeitet, alle Beiträge zusammen zu schneiden. Eine richtige Sendung ist entstanden, es gibt Moderatoren, Nachrichten und interessanten Themen rund um das Weihnachtsfest. Am Ende läuft Mariah Careys "All I want for Christmas" und man kann die Freude und Erleichterung in unseren Gesichtern sehen. Jetzt kann Weihnachtszeit kommen!

Hier geht es zur Seite der KAS-Medienwerkstatt, mit vielen interessanten Angeboten für Schülern, die sich für den Journalismus interessieren!

Donnerstag, 5. November 2015

The Circle - Dave Eggers (Review in English)

For my English Leistungskurs class I had to read this novel in connection with the topic utopia/distopia and modern technologies, and it turned out to build up an awareness for not only the use of techology but also the responsible reflection of the age we are living in. Of course I wanted to wirite a review about it, but due to the fact that we had to read the English version of the book, I decided to also wirte my review in English:


  • author: Dave Eggers
  • publishing house: penguin 
  • published: 24 April 2014
  • numb.er of pages: 512
  • price: 8.99 Pounds
  • ISBN: 978-0-241-14650-7 
  • Deutsche Ausgabe:
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch 
  • Seitenanzahl: 542
  • Preis: 10,99 Euro (Taschenbuch)
  • ISBN: 978-3-462-04854  

About the Author

Dave Eggers founded the "McSweeney's", an independent publishing house based in San Francisco. He has already written seven previous books, including "A Hologram for the King", wich reached the final round for the National Book Award in 2012, "Zeitoun", which is the winner of the American Book Award and the Dayton Literary Peace Prize, and "What is the What", which was a finalist for the 2006 National Book Critics Circle Award and won the France's Prix Médicis.

Content

One company, one aim, and the power over society. A society, where people are no longer diginfied in their privacy, individuality or interests. People are trackable, capable and overall seethrough. The internet has developed into a tangeled web with unlimited possibilities to explore, analyse and explain the world. But customers can only use its benefits if they accept the shadows:
Mae is a young woman in her twenties, full of dreams, hopes and depression in her old job and odd hometown. Through her best friend Annie, one of the top fourty members of the company, she gets a position at the most improtant instrument of the internet, the connector of modern life, the Circle. She is overwhelmed by the magnitude, significance and power of the company, that soon developes into her home, social life, and place to be - just like it intends to be for it's employees. "Humans work here" is one of the most important divises for the more than 10.000 Circlers, who are supposed to be be bound as close as possible to the company to assimilate the philosophy, world outlook and not scrutinise any of their propositions. It is a ingenious brainwash-system, Mae gets throgh and soon develops into one of the most important instruments of the coorprate management, the most influencial rank for the world outside the Circle. When she arrives at the company, she works her way up from the customer experience to the prototype of a transparent human. She releases all of her privacy and with the camera chain around her neck she shows millions of people everyday how the Circle improves the standart of living in the technological world it creates. Work becomes essential for her, she is captured by the company, and gets deeper and deeper into the idea of an idealistic utopia, where humans have no right of their privancy, can be found wherever they hide and regulate politics with their direct opinion. The Circle is about to engross everyone in it's system, and to invent a total new ethik - the way of life in the technological age - where sharing is mandatory, socialising is obligation. No one can escape the eyes of the Circle and it's supporters, and one of Mae's closest friends rather dies than beeing a bolt of the unstoppable machine. Even when she gets the chance to stop the instrument, she has lost any awareness of what the dangerous changes in human life will lead to. She is one of the Circle's captains and maneuvers the armada into a regime of a totalitarian monopoly. Dave Eggers creates a fourious and shocking realistic version of a distopia, closer to our reality than we would ever want it to be.

Personal opinion

A company that regulates most of our online activity? - could be Google. A socialising system where participation is duty? - our dependency from what’s app and facebook. A health care system where the personal data is watched improved and is always available for everyone? - smartwatches. A tracking system to follow everyone to any place, to get rid of privacy? - GPS data that get stored from our smartphone without us even knowing it. The scenario Eggers thinks of seems to me as a further developed version of our society. In the Circle company, politics is ran over the enterprise, politicians are set under pressure to get transparent because of their responsibility for the voters. Can it even get more absurd? Of course we are far away from that today, but Eggers wants us to think about how dependent we have already made ourselves on technology, companies and virtual communication. It is an irresistible maelstrom of more and more inventions to realise the three dogmas of the wise men, the founders of the company: 'Secrets are lies, sharing is caring and privacy is theft.' Through cameras all over the planet and chips in human bodies the world is supposed to be made visible, see-through and capable. Mae and most users of the Circle services got rid of any criticism and even ability for realistic evaluations and only consider the increase of living standard it goes along with. Don't we know this behaviour ourselves? We download an app without being aware of the interferences in our personal data. In some points we are already building up a society like it is depicted in the book. Still, we are probably way to enlighted to let our policy get ruled by an internet enterprise, hopefully. Dave Eggers' book could be the novel of our age, a more realistic continuation of "Brave New World" and "1984", but surely it is an important warning to everyone that takes the internet for self-evident. He illustrates the consequences of a jaunty use of modern technology by creating an intensive, shocking realistic portrait of human behaviour - a warning we should take serious.

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Dienstag, 3. November 2015

Lovely London - 48h trip nach England

Eine Weltstadt wie London kann man nicht in 12 Stunden erkunden, zumindest aber kann man sich einen ersten Eindruck verschaffen.
London wurde vor 2000 Jahren von den Römern gegründet, und teilt sich grob in zwei Bezirke auf: die City of London und die City of Westminster, auch "Westend" genannt. Die City of London beherbergt 560 Banken, 300.000 Menschen kommen jeden Tag zur Arbeit dort hin. Westminster ist benannt nach dem gleichnamigen Lord, vierzig Theater befinden sich dort. In London leben laut Schätzungen insgesamt 8,2 Millionen Menschen.



Die Burganlage, die in ihrer Gesamtheit "Tower of London" genannt wird, beherbergt 20 Türme und wurde im Jahr 1066 von König Wilhelm erbaut. Der war Franzose, und hatte sich um den Streit um den Königsthron gegen Harald in der Hastings-Schlacht durchgesetzt. Dementsprechend unbeliebt war er bei der englischen Bevölkerung; er setze die französische Sprache und Gesetze ein und führte Steuererhöhungen durch. Der eigentliche Tower der Burganlage, der "White Tower", fungierte damals als Gefängnis für die Gegner des Königs. Heute werden darin die Kronjuwelen der Queen aufbewahrt. 



Der Buckingham Palace ist im Jahr 1836 von Queen Victoria als Königssitz festgelegt worden. Die Es ist Wochenende und die britische Flagge weht, das heißt, die Queen ist nach Schloss Windsor gefahren.Wird allerdings die königliche Flagge auf dem Palast gehisst, befindet sie sich in London. 






















Seit 2012 heißt der Glockenturm des Parlaments "Elisabeth Tower". Trotzdem ist er den meisten Menschen weiterhin unter dem Namen "Big Ben" bekennt.



 Im Vorhof der Westminster Abbey reihen Menschen kleine Kreuze mit Mohnblumen aneinander, sogenannte "remembrance poppies". In Gedenken an Kriegsveteranen und ihre Familien, besonders an die Opfer der beiden Weltkriege, kann man gegen eine Spende kleine Ansteck-Mohnblume erhalten.





Die Säule auf dem Trafalgar Square erinnert an berühmte Seeschlacht des Admiral Nelson gegen Napoleon. Nelson selbst liegt in  Saint Paul's Cathedral begraben. 
An diesem Wochenende findet das Finale der Rugby WM in England statt, und Trafalgar Square wird zur Fanmeile umfunktioniert. Fernsehübertragungen, Attraktionen und Gastronomie  mitten auf dem zentralen Platz in London.













Der perfekte Ort für ein Mittagessen: Sandwich mit Würstchen, Bacon und Rührei- typisch englisch.



































Die National Gallery am Trafalgar Square bietet die bedeutendste Kunstsammlung des Landes - das nötige Kulturprogramm für unseren Trip ohne etwas dafür bezahlen zu müssen. Obwohl ich selbst ein kleiner Kunstbanause bin, war aber trotzdem begeistert von der monumentalen Innenarchitektur des Gebäudes und der Atmosphäre die von anderen Zeiten und Kulturen erzählt.




Chinatown im Stadtteil Westend: Hier wird die asiatische Kultur gefeiert, dabei steht das Kulinarische im Vordergrund. Wer Lust auf eine Pekingente am Stück hat, ist hier genau richtig. Bevor das Fleisch auf den Teller kommt kann man es im Schaufenster betrachten.

















Covent Garden war bis vor 40 Jahren der größte Obst- und Gemüsemarkt Londons, heute ist es der New Covent Garden auf der anderen Seite der Themse. Ursprünglich war der "Konvent Garden" der Garten des Klosters von Westminster, in dem die Mönche ihren Eigenanbeu verkauften.
Heute ist es der perfekte Ort um englische Köstlichkeiten zu genießen und nach außergewöhnliche Schmuckstücke oder Kunst zu stöbern. Leider ist die Markthalle traditionell überfüllt, trotzdem ist es eine kleine Oase im Großstadtdschungel.




Zum Mittagessen gibt es Fish 'n Chips - ungesund, fettig und sehr lecker!





Saint Paul's Cathedral - hier haben im Jahr 1981 Charles und Diana geheiratet, Westminster Abbey wäre für ihre 3000 Gäste zu klein gewesen. In Saint Pauls Cathedral sind viele bekannte Engländer begraben, und einige Gedenkstätten für die Opfer von verschiedenen Kriegen.
Auch hier ist der Eintrittspreis happig: 17 Pounds inkl. Besichtigung der Krypta und der Kuppel. Wir sind extra hierher gekommen um London von oben sehen zu können, weil wir uns die teure Fahrt mit London Eye sparen wollten. Leider passt dieser Preis allerdings auch nicht in unser Budget, und als ich unser Problem dem netten Mann an der Kasse erkläre, schenkt er uns kurzerhand die zwei Tickets. Gerührt von so viel Freundlichkeit, unternehmen wir eine Führung mit einem Audio Guide durch Kirche und Krypta, und gehen anschließend die mehreren hundert Stufen bis in die Kuppel hinauf. Auf dem Weg dorthin erreichen wir zunächst einmal die "Whisper Gallery", von wo aus man auf den Innenraum der Kathedrale aus 30m höhe hinabschauen kann; weit über dem prunkvollen Hochaltar und den wunderschönen Wandbemalungen. Der oberste Stock besteht aus einem schmalen Weg entlang der Kuppel. Wir befinden uns 111m übe dem Boden, das Wetter ist toll, und wir beobachten den einsetzenden Sonnenuntergang. Leider haben wir hier nicht viel Zeit, die Wachleute fordern zum schnellen Weitergehen auf.








Nach unserem etwas längeren Besuch in Saint Paul's wollen wir uns die Oxford Street ansehen. Leider wird uns aber der Weg dorthin durch die Menschenmassen am Trafalgar Square, die das Ruby Finale verfolgen, versperrt. Also beschließen wir, die restliche Zeit anders zu nutzen und gehen über die Millenium Bridge zum anderen Ufer der Themse. Es ist Halloween und viele Menschen sind unterwegs. Eine Fahrt mit dem niedlichen "merry-go-round" lassen wir uns nicht entgehen, und genießen die Aussicht auf London Eye und Big Ben bei Nacht.




Unser Ausflug nach London hat sich gelohnt! In zwölf Stunden haben wir uns die wichtigsten Sehenswürdigkeiten gut zu Fuß anschauen können. Die Engländer selbst sind uns immer freundlich und hilfsbereit begegnet, und der Mann in Sait Paul's wird uns noch lange in Erinnerung bleiben! London ist modern, und traditionell zugleich. Die Glasbauten und Hochhäuser einerseits, die altehrwürdigen Backsteingebäude und Kirchen andererseits. Auch die vielen Parks machen die Stadt grün und lassen Erholung mitten in einer Millionenstadt zu. 

 Für einen ersten Eindruck war ein solcher Trip sehr gut geeignet. Meine Freundin und ich haben unsere Reise übrigens bei einem Busunternehmen gebucht, und gute Erfahrungen damit gemacht. Am Freitagabend sind wir losgefahren, haben die Fähre von Dünkirchen nach Dover genommen, und waren bereits morgens um acht Uhr in London.

Gerne würde ich noch einmal nach London reisen, um mehr Zeit für eine ausgiebige Stadtbesichtigung zu nehmen. 
Lovely London, hope to see you soon again!









Freitag, 30. Oktober 2015

Interview mit dem Tod - Jürgen Domian (Rezension)

Ein Plädoyer für mehr Tod im Leben


  • Autor: Jürgen Domian
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 20.Oktober 2014
  • Seitenanzahl: 176
  • Preis: 9,30 Euro (Taschenbuch)
  • ISBN: 978-3-442-17493-5

Über den Autor

Jürgen Domian (*1957) in hat Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaften studiert, und führt sein nunmehr 19 Jahren durch seine nächtliche Talkshow "Domian" im WDR Fernsehen und im Radio bei 1live. Jede Nacht ist er Kummerkasten und Seelsorger für viele Menschen die in seiner Sendung Halt und Hilfe suchen. "Interview mit dem Tod" gingen bereits zwei weitere Romane voraus. Ende 2016 wird er seine Sendung aufgeben, weil er nach 20 Jahren "das Tageslicht wieder sehen will".


Inhalt

Wer oder was ist der Tod? Welche Bedeutung hat Trauer in unserer Gesellschaft? Warum wird dem Sterben in anderen Kulturen offener begegnet? Diesen Fragen geht Jürgen Domian auf den Grund, und kreiert in seinem Buch ein fiktives Gespräch mit Gevatter Tod höchstpersönlich. In den vielen Gesprächen, die der "Nachtfalke des WDR" in seiner nächtlichen Talksendung geführt hat, befasst ihn ein Thema immer wieder: das Sterben. Nun konfrontiert er den Tod mit seinen Erfahrungen, Erlebnissen und offenen Fragen - und erhält überraschende Antworten. Es entsteht ein emotionaler Schlagabtausch zwischen Leben und Tod, Übermacht und Mensch; es geht um die Frage nach Gott, die Seele und das Jenseits. Dabei plädiert Domian für die Legalisierung von aktiver Sterbehilfe, erläutert die Palliativmedizin und stellt Jenseitsvorstellungen anderer Glaubensrichtungen dar. Er schildert seine eigenen Erfahrungen mit Sterben und Religion, denn schon als Kind interessierte ihn die Endlichkeit des Lebens sehr. Mit dem nötigen Abstand von konventionellen Vorstellungen vom Ende des Lebens lockt Domian den Tod aus der Reserve, bohrt störrisch nach Antworten, und verzweifelt an den an Weisheit weit überlegenen Aussagen des Todes. Vor allem aber wehrt er sich gegen die Tabuisierung des Todes: sein Interview rückt dem Tod in die Mitte unserer Gesellschaft, denn er ist mehr als nur eine Randerscheinung unseres Daseins.


Persönliche Meinung

Kann man mit dem Tod sprechen und wenn ja, was würde man ihm sagen? Domian traut sich an dieses schwierige Thema heran, und führt eine heikle Auseinandersetzung den größten Mysterium unserer Existenz. Es sind Domains ganz persönliche Gedanken über das Ende des Lebens, die er in seinem Buch verarbeitet und kontrovers diskutiert und Denkanstöße liefert. Auch aber ist es ein Ruf nach der Aufmerksamkeit der Gesellschaft für ein Tabuthema, ein Plädoyer für mehr Tod im Leben. Die Macht des Todes nährt sich von der Angst der Menschen, Domain will ihnen die Furcht nehmen. Ein Buch für all die, die dem Tod schonmal vorab persönlich begegnen wollen, und ein Appell, sich von Stigmata zu verabschieden.
"Auch das geht vorbei", sagt der Tod am Ende des Gesprächs, denn bevor er an der Haustür klingelt, sollen die menschen das Leben genießen.

Ich bin einer großer Domian-Fan, und verfolge seine Talkshow regelmäßig. Ein Grund mehr zur Freude, dass "Interview mit dem Tod" ab dem 19.11.2015 in den deutschen Kinos in Form eines Dokumentarfilms zu sehen sein wird!

Dienstag, 13. Oktober 2015

Er ist wieder da - Kinofilm

Erschreckend realistisch umgesetze Verfilmung einer kontrovers diskutierten Romanvorlage

Romanvorlage 

  • Autor: Timur Vermes
  • Verlag: Eichborn 
  • Erschienen: 21.September 2015
  • Seitenanzahl: 396
  • Preis: 19,33 Euro
  • ISBN: 978-3-485-02815-8 

Vermes' Roman spaltet Deutschland in zwei Meinungen: In einigen Talkshows diskutiert, provoziert der Roman mit der Frage: Darf man mit Hitler lachen? Das Cover zeigt den Titel auf weißem Hintergrund dargestellt als typischen Hitler-Bart, und der Preis des Buches spielt auf sie Machtergreifung Hitlers im Jahr 1933 an. In der Geschichte sympathisiert der Leser mit der Schreckensfigur, und verliert die Distanz zu seinen Gräueltaten. Nichts desto trotz ist der Humor des Autors, mit dem er Hitler das Internet, Fernsehen und die Gesellschaft erkunden lässt unvergleichlich und zum schreien komisch. Die filmische Umsetzung ist eine Erweiterung des Rahmens, der einer Reportage über das menschliche Geschichtsbewusstsein in Form einer unterhaltsamen Polit-Satire nahe kommt.




Kinofilm

  • Kinostart: 08.Oktober 2015
  • Länge: 1h 56 min
  • Altersbegrenzung: freigegeben ab 12 Jahren
  • Gernre: Parodie & Satire
  • Regisseur: David Wnendt
  • Darsteller: Oliver Masucci, Fabian Busch, Christoph Maria Herbst, Katja Riemann, Michael Kessler
  • Produktionsland: Deutschland

Handlung

Wir schreiben das Jahr 2014, der erste Weltkrieg jährt sich zum hundertsten Mal und der zweite ist längst aus den Bewusstsein vieler Menschen verschwunden. Da taucht plötzlich mitten auf einem Berliner Grünstreifen ein Mann mit Offiziersmütze, Uniform und Bärtchen auf, der den Weg zur Reichskanzlei wissen will und darauf besteht, mit 'Führer' angesprochen zu werden. Es ist Adolf Hitler, der in seiner wahrhaftigen Gestalt mit alter Grausamkeit und Ideologie fast 70 Jahre nach seinem vermeintlichen Tod im Deutschland der Neuzeit angekommen ist. Doch alles ist anders als 1945: Der Türke ist in Berlin angekommen und eine "klobige Frau mit dem Gesichtsausdruck einer Trauerweide" regiert die sogenannte Bundesrepublik. In einem Zeitungskiosk gestrandet, mit der Studie der aktuellen Geschehnisse beschäftigt, beschließt er, seiner Vorsehung zu folgen und die Menschen endlich unter seiner Macht zu vereinen.
Am anderen Ende der Stadt verliert gerade der hoffnungslose Filmemacher Fabian  seinen Job, und erkennt seine Chance zum beruflichen Neueinstieg, als er auf die vermeintliche Reinkarnation Hitlers trifft. So beginnt eine verrückte Reise durch ganz Deutschland, eine Bestandsaufnahme der Haltungen der Menschen gegenüber der aktuellen Politik. Mit original Mitschnitten der Begegnungen verwandelt sich der Film von einer komödiantischen Satire zu echter Gesellschaftskritik und erschreckender Warnung. Ob an im Fischrestaurant auf Sylt, bei der Hundezüchterin auf dem Land oder NPD-Aufmärschen, die Zustimmung und die Verdrossenheit gegenüber den aktuellen Lage ist enorm. Zwar glaubt keiner an seine Echtheit, trotzdem überkommt dem NPD-Vorsitzenden bei der Begegnung mit Hitler der Nationalstolz und das Ehrgefühl, und auch der Tenor der Mittelschicht tendiert in Richtung Fremdenhass und Intoleranz. Stammtischparolen und Pauschalisieren, Reaktionen, die Oliver Masucci in seiner Rolle provoziert, aber deutliche Zustimmung erfährt. Masucci, stets in seiner Rolle mit ernstem Blick und Starrsinn, hält uns mit dieser Bestandsaufnahme den Spiegel vor und zeigt: Es ist mehr rechtes Gedankengut vorhanden als wir denken mögen, und stellt uns vor die Frage: Wie würden wir reagieren wenn Hitler tatsächlich wieder in die Mitte unserer Gesellschaft treten würde? Würden auch wir ihn zum Fernsehstar machen, oder die Gefahr erkennen? Anhänger seiner Ideologie gäbe es scheinbar genug...

Persönliche Meinung 

Bereits Timur Vermes' Romanvorlage wirft Kontroversen auf: darf man statt über, mit Hitler lachen? Im Buch sympathisiert der Leser automatisch mit dem etwas hilflosen und mitleiderregenden Hitler, der beim Fernsehschauen am versäumte Propagandapotenzial für die deutsche Bevölkerung verzweifelt, oder auf die Frage nach seinem Namen immerfort und mit eisernem Blick 'Hitler, Adolf' antwortet. Der Film aber schweift von der eigentlichen Geschichte ab, und ergänzt die Handlung durch die Investigation der Bevölkerung, und wirkt dadurch erschreckend authentisch. Er stellt vordergründig nicht die Frage nach der Emphatie für Hitler, sondern nach dem Gefahrenpotenzial der Gesinnungen unserer Mitbürger. Besinnunglos gehen die Probanden aus dem Videomaterial auf Hitlers provokante Parolen ein, schimpfen auf die Regierung und verlangen Fotos und Selfie mit dem Diktator. In wie weit sind wir fähig, rechte Strukturen in unserer Gesellschaft früh genug zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken? Ist Deutschland nicht längst von Rechten unterwandert, und in wie weit können wir uns überhaupt von unserer Vergangenheit befreien? Lässt das Buch das Ende offen und bereitet den Weg für eine Fortsetzung, schließt der Film mit einem vernichtenden Urteil über die historische Reflexionsfähigkeit unserer Gesellschaft.  Im Gegenzug zeigt der Film auch Sequenzen, in denen sich die Menschen von Hitler abkehren, ihn beschimpfen und ihre Angst zeigen; mehrheitlich sind sie aber begeistert von der kommerzialisierten Figur, der Hetze gegen das vermeintliche Übel für das deutsche Kulturgut. Hitler wird im Jahr 2014 zum Internetstar, die Sender streiten sich um sein Programm, und auch Fabian schöpft das Potenzial für seine Karriere aus. Letztendlich ist er der einzige, der die drohende Gefahr erkennt. Allerdings wird er von der Sensationsgier und Besessenheit der Zuschauer übermannt, und sorgt für einen dramatischen Ausgang der Komödie.
Viele Fans hatten sich zwar Christoph Maria Herbst, der bereits das Hörbuch eingelesen hatte, als Hitler-Darsteller gewünscht. Herbst hätte Rolle mit seinem unvergleichlichen Akzent wahrscheinlich noch realistischer verkörpern können. Aber Oliver Masucci beweist großes schauspielerisches Talent wenn er in keinem der Interviews mit den Bürgern oder als Gast in den verschiedenen bekannten Talksendungen aus seiner Rolle fällt. Der Film punktet zudem mit vielen prominent besetzten Nebenrollen, wie Katja Riemann und Christoph Maria Herbst als erfolgsorientierte Senderchefs, oder Frank Plasberg und Jörg Thadeusz, die ihre eigenen TV-Shows nachstellen. Vor allem aber überzeugt er durch seine Verbindung von Fiktion und Realität, es ist eine politische Investigation, die Angst macht, aber wachrüttelt. Der richtige Film zum richtigen Zeitpunkt, eine Warnung, die wir ernst nehmen sollten.