Sängerin Marianne Rosenberg und Anwältin Nizaquete Bislimi - zwei Frauen, die eine kulturelle Herkunft teilen. Über das Leben von Sinti und Roma in Deutschland erzählten sie auf ihrer Lesung im Rahmen der lit.Cologne!
http://www.firstlife.de/ihr-gehoert-zu-uns-marianne-rosenberg-und-nizaquete-bislimi-auf-der-lit-cologne/
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Dienstag, 29. März 2016
Montag, 8. Februar 2016
Tagebücher des Victor Klemperer - Nachwort
1933 - 1945: 12 Jahre, 6 Bücher und ein bedeutendes Stück deutscher Geschichte. Eine Reise durch das dunkelste Kapitel der deutschen Vergangenheit an der Seite eines Menschen, der die Bedingungen dieser Zeit beispielhaft miterleben musste. Ein Tagebuch, das Welten öffnet und Bewusstsein schafft.
Victor Klemperer ist Professor, Philologe, bedeutender Intellektueller der Zeit, vor allem aber ist er Jude. Er notiert seine Erlebnisse bald schon mit dem Ziel der späteren Veröffentlichung, ist sich der Bedeutung seiner Aufzeichnungen schnell bewusst. Er riskiert damit nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das derer die er in seinen Notizen erwähnt. Aber es ist gerade das Schreiben und die Leidenschaft für Literatur, die ihn am Leben hält. Er lebt weil er schreibt, und er schreibt, weil er lebt.
Klemperer verliert durch die Nazis sein Hab und Gut, den Beruf, ja, auch seien Würde - nicht aber seine Liebe zur Sprache. Er sieht sich in der Verantwortung, das was er erlebt an die Nachwelt weiterzugeben, notiert aufmerksam und fast akribisch die Eigenheiten der Zeit, die Sprache und Propaganda der Nazis und seine Nöte. Von den öffentlichen Beleidigungen abgesehen, wird ihm erst sein Auto, dann sein Haus, und letztlich sein Selbstbestimmungsrecht entzogen. Er lebt in Judenhäusern, leidet Hunger, arbeitet in Fabriken und flüchtet nach der völligen Zerstörung Dresdens nach Süddeutschland. Das Tagebuch von 1945 ist, auch wenn es nur die Monate Januar bis Juni umfasst, das packendste, ergreifendste und spannendste Buch: die Flucht scheint unwirklich wie ein Actionfilm, gar utopisch für meine Vorstellungskraft. Klemperer, der alte gebrechliche Mann rafft all seine Kräfte zusammen und marschiert Kilometer für Kilometer in eine ungewisse Zukunft. Die Angst um sein Tagebuch scheint dabei zeitweise größer als die um sein Leben.
Klemperer schreibt mit der Feder eines Philologen, d.h. anspruchsvoll, herausfordernd und wundervoll literarisch.
Seine Tagebücher aus dem dritten Reich sollen für alle Zeit mahnend für die Umstände des Terrors stehen, und an das Durchhaltevermögen eines einzelnen stellvertretend für das vieler erinnern.
Victor Klemperer ist Professor, Philologe, bedeutender Intellektueller der Zeit, vor allem aber ist er Jude. Er notiert seine Erlebnisse bald schon mit dem Ziel der späteren Veröffentlichung, ist sich der Bedeutung seiner Aufzeichnungen schnell bewusst. Er riskiert damit nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das derer die er in seinen Notizen erwähnt. Aber es ist gerade das Schreiben und die Leidenschaft für Literatur, die ihn am Leben hält. Er lebt weil er schreibt, und er schreibt, weil er lebt.
Klemperer verliert durch die Nazis sein Hab und Gut, den Beruf, ja, auch seien Würde - nicht aber seine Liebe zur Sprache. Er sieht sich in der Verantwortung, das was er erlebt an die Nachwelt weiterzugeben, notiert aufmerksam und fast akribisch die Eigenheiten der Zeit, die Sprache und Propaganda der Nazis und seine Nöte. Von den öffentlichen Beleidigungen abgesehen, wird ihm erst sein Auto, dann sein Haus, und letztlich sein Selbstbestimmungsrecht entzogen. Er lebt in Judenhäusern, leidet Hunger, arbeitet in Fabriken und flüchtet nach der völligen Zerstörung Dresdens nach Süddeutschland. Das Tagebuch von 1945 ist, auch wenn es nur die Monate Januar bis Juni umfasst, das packendste, ergreifendste und spannendste Buch: die Flucht scheint unwirklich wie ein Actionfilm, gar utopisch für meine Vorstellungskraft. Klemperer, der alte gebrechliche Mann rafft all seine Kräfte zusammen und marschiert Kilometer für Kilometer in eine ungewisse Zukunft. Die Angst um sein Tagebuch scheint dabei zeitweise größer als die um sein Leben.
Klemperer schreibt mit der Feder eines Philologen, d.h. anspruchsvoll, herausfordernd und wundervoll literarisch.
Seine Tagebücher aus dem dritten Reich sollen für alle Zeit mahnend für die Umstände des Terrors stehen, und an das Durchhaltevermögen eines einzelnen stellvertretend für das vieler erinnern.
Nach Kriegsende traten Eva und Victor Klemperer der KPD bei und engagierten sich beim Aufbau der DDR. Von 1947 bis 1960 lehrte er an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und an der Humboldt-Universität zu Berlin. Im Jahr 1950 trat er als Abgeordneter des Kulturbundes der Volkskammer der DDR bei und wurde ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Nach dem Tod von Eva Klemperer im Jahr 1951 heiratete Klemperer ein Jahr später die 45 Jahre jüngere Germanistin Hardwig Kirchner, die nach Klemperers Tod an der Herausgabe seiner Tagebücher mitwirkte. Victor Klemperer starb am 11. Februar 1960 im Alter von 78 Jahren. Seine Grabstelle befindet sich auf dem Friedhof Dölzschen. Hadwig Klemperer starb 2010 in Dresden. Klemperer veröffentlichte die "LTI- Notizbuch eines Philologen" im Jahr 1947 und die "Geschichte der französischen Literatur im 18. Jahrhundert" in den Jahren 1954 & 1966.
| Victor Klemperer, 1954 |
Mittwoch, 23. Dezember 2015
Tagebücher des Victor Klemperer (1944)
"Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten"
Klemperer lässt sich auf Grund seines Herzleidens bei seinem Arzt von Arbeitsdienst befreien, stellt einen Antrag auf komplette Dienstentpflichtung. Er klammert sich an die Hoffnung, so mehr Zeit für seine Studien zu haben, doch der Zweifel an der Sinnhaftigkeit und Qualität seiner Arbeit bleibt.
Am 24.Juni ist Klemperer nach vierzehn Monaten vom Arbeitsdienst befreit worden. Doch die Erleichterung überschattet die dunkle Vermutung, der Arzt habe ihn nur freigestellt, weil er keine lange Lebensdauer für ihn voraussehe....
Er verzeichnet auch eine Veränderung der Todesanzeigen: Während früher der Heldentod eines jeden Soldaten in einer eigenen Anzeige glorifiziert wurde, werden nun bloß noch die Namenslisten der Gefallenen gedruckt.
Es gibt mittlerweile Gerüchte um die Auflösung von Mischehen und die anschließende Deportation jüdischer Ehemänner in KZs. Dresden ist jetzt von regelmäßigem Fliegeralarm betroffen, ein längerer Aufenthalt im Luftschutzkeller war aber noch nicht notwendig. Bis zum Oktober wird Dresden von Fliegerbomben verschont bleiben als eine der wenigen so lange verschont gebliebenen Großstädte Deutschlands.
"Heute bin ich durchaus nicht sicher, dass "er" in diesem Jahr erledigt wird. Resistent, Tyrannei, Dummheit sind alle drei grenzenlos." (01.Januar 1944)Klemperer ist und bleibt Realist, versucht sich so wenig wie möglich von der "vox populi" beeinflussen oder falsche Hoffnungen machen zu lassen. Die Bevölkerung ist gespalten in fanatische Anhänger Hitlers, die sich von der rechten Propaganda und den vermeintlichen Kriegserfolgen befeuern lassen, und in verdeckte Antinazisten. Doch es gibt immer mehr Menschen, die ihm auf offener Straße Worte des Trostes zusprechen.
"In der Kriegsführung mögen sich die Nationalsozialismus verrechnet haben, in der Propaganda nicht. Ich muss mir immer wieder Hitlers Worte ins Gedächtnis rufen, er rede nicht mit Professoren." (19. März 1944)Die Nationalsozialisten setzen in ihrer Kriegsführung nun verstärkt auf ihre auf grenzenlos primitive und verwerfliche Stimmungsmache. Kriegsniederlagen werden vertuscht, mit Vergeltungsdrohungen abgewiesen und das "Weltjudentum" für das Kriegsleid verantwortlich gemacht. Das letzte Kriegsjahr erfordert stärkere Propaganda denn je, es gibt Gerüchte über eine Invasion der Alliierten und die Zurückdrängung der deutschen Truppen an den Fronten. Klemperer notiert immer mehr über die LTI, die Sprache des dritten Reichs. Den Fluch der Superlative, Pejorative und der Einfältigkeit des Wortschatzes durch primitive und radikale Steigerung von vorhandenen Worten durchschaut er mit intellektueller Überlegenheit, und benennt anhand von Meldungen aus dem "Reich" oder dem Heeresbericht die Absurditäten des nationalsozialistischen Sprachgebrauchs.
"Es kommt nicht auf den großen Schlag an, sondern auf den Alltag der Tyrannei, der vergessen wird. Tausend Mückenstiche sind schlimmer als ein Schlag auf den Kopf." (08. April 1944)Das Leben der Juden in Deutschland ist gefährdeter denn je. Fast täglich hört Klemperer von Deportationen - bringt die Gestapo sie erst nach Theresienstadt, fahren sie direkt in Tod nach Auschwitz, überleben sie den Aufenthalt auf der Gestapozentrale? Klemperer unternimmt Spaziergänge zum jüdischen Friedhof, wo er mit den Arbeitern "die Lage berät" und Neuigkeiten erfährt. Zeitungen beschafft er sich durch Freunde und Bekannte. Täglich tauscht er sich mit ihnen über die aktuelle Kriegslage aus.
"Man sehe in Berlin keine Sternjuden. Die Gestapo sei damit einverstanden, drücke mindestens beide Augen zu. Der Stern wird nicht getragen oder versteckt. (...) Sei die Gestapo durch eine Denunziation zum Einschreiten gezwungen, dann erhalte der Angezeigte zuerst eine Verwarnung, danach eine Geldstrafe... Bei uns dagegen kostet der verdeckte Stern unweigerlich via KZ das Leben.-" (1. Mai 1944)In Zeiten in denen das Zeitung lesen und Radio hören für Juden verboten ist, die Hoffnungen auf ein baldiges Ende überschwellen, und die Propaganda der Nationalsozialisten Niederlagen verschleiert, ist es schwer, Erfundenes von Wahrheit zu trennen; Gerüchte von tatsächlichen Ereignissen. Die vox populi neigt zu Übertreibungen, die vox judae, überschwänglich ein baldiges Ende herbeisehnend dazu, nationalsozialistische Gräueltataten gegenüber Juden überspitzt darzustellen oder vermeintliche Erfolge vorschnell als Indiz für ein baldiges Kriegsende zu werten. Klemperers Herz sehne das Ende des Leidens herbei, der Verstand aber könne nicht daran glauben. Seine Rationalität bewahrt ihn vor allzu großen Enttäuschungen.
"Wie viel Arbeit werde ich mit einem Auge leisten können. Und wie viel Zeit bleibt mir? Ursache wahrscheinlich Zucker - daher der qualvolle Durst in der letzen Zeit. Hergang: ein minimaler aber doch ernster Schlaganfall. Ich habe gehofft, an der Angina auf eine anständige Weise zu sterben. Was macht der zweite Schlaganfall aus mir? Einen Haufen Blödsinn im beschissenem Bette, wie aus Grete, wie aus Vater? Soll sich Eva vor mir ekeln oder mit mir plagen? Aber ich habe kein Veronal, ich habe keinen Mut, und ich muss ja das 3.Reich zu überleben suchen, damit Evas Witwenpension sichergestellt wird." (6. Mai 1944)Klemperer leistet seit dreizehn Monaten Fabrikdienst - aktuell in einer Papierverarbeitungsfirma. Das Pensum schafft er längst nicht, das Abzählen fällt ihm schwer. Die stumpfsinnige und eintönige Arbeit ist reine Zeitverschwendung für den Professor, der immer noch seinen philologischen Studien nachgeht und intellektuell anspruchsvolle Arbeit gewohnt ist. Zudem folgt nach einem leichten Schlaganfall in Folge seiner Angina eine einsetzende Augenlähmung, die ihm selbst den verbliebenen Rest seiner philologischen Tätigkeit zu nehmen droht. Klemperer ist aussichtsloser denn je, in der Fabrik muss er Nachtdienst übernehmen. Schlafmangel, Augenleiden und Herzleiden, das sich durch das regelmäßige beschwerliche Kohlenbeschaffen in der Stadt nur verschlimmert, rauben ihm jegliche Perspektive. In seinem Tagebuch schreibt er offen über Selbstmord.
"Ob nicht das ganze in der Hauptsache zur Ablenkung und Beruhigung des deutschen Publikums "aufgezogen" ist, und dabei unsicherer aufgezogen ist, wie es früher üblich war? oder sehe ich das zu rosig. Die Schlacht in der Normandie schwankt, in Italien kommt England rasch vorwärts, in Südrussland ist es immer noch still, in Finnland gewinnen die Russen Boden- welches Fazit sollte man ziehen? Ich urteile je nach Stimmung, alle paar Stunden anders. -" (19. Juni 1944)Der Friedhof wird zur Nachrichtenzentrale und wichtigsten Anlaufpunkt für die Beschaffung von Neuigkeiten. Aber jeder Gang nach draußen mit seinem Judenstern bedeutet für Klemperer eine große Überwindung. Nur ein Bespiel für die Grausamkeit gegenüber den Juden: Neben dem Judenhaus wurde ein Lager für russische Gefangene errichtet, und erst kürzlich wurde eine ganze Familie nach Theresienstadt deportiert weil die Tochter ein Verhältnis mit einem Häftling führte.
Klemperer lässt sich auf Grund seines Herzleidens bei seinem Arzt von Arbeitsdienst befreien, stellt einen Antrag auf komplette Dienstentpflichtung. Er klammert sich an die Hoffnung, so mehr Zeit für seine Studien zu haben, doch der Zweifel an der Sinnhaftigkeit und Qualität seiner Arbeit bleibt.
"Seit gestern von dem Gefühl beherrscht: vor dreißig Jahren! Daran schließt sich zuerst immerfort die Betrachtung des Altseins, Am-Ende-Stehens, Keinen-Anspruch-mehr-Haben. Aber es fehlt mir doch so ganz, was ich mir immer als Reife des Alters vorgestellt habe, ich bin weder satt, noch müde, noch irgendwie dem Letzten gegenüber ruhig. Nur absolut skeptisch. - Den Krieg anlangend, so scheint es mir eine grausame Ironie des Schicksals, dass die Russen Ostpreußen gegenüber genau da stehen, wo sie am 1.8.14 standen. Wer soll ihnen heute noch ein Tannenberg bereiten? Sieht man nur auf die Heeresberichte der allerletzten Tage: Normandie, Augustuswo, Warschau, dazu seit gestern Beskidenpaß und Schwanken der Türkei - so muss man sich sagen, dass der Krieg nur noch Wochen dauern kann. Liest man dann die Zeitungsartikel, Reden, Erlasse, so ist auf Jahre hinaus vorgesorgt, die Tyrannei unerschüttert und unerschütterlich, der "Endsieg" trotz aller momentanen "Krisen" - Krise ist das aktuelle Beschönigungswort für "Niederlage" - absolut sicher. Und da diese eiserne Stirn und dies einhämmernde Wiederholen selbst mich beeinflusst, wie sollte es die Masse des Volkes unbeeinflusst lassen? Ich sage mir immer wieder: Sie haben sich so lange gegen alle Natur und Berechnung gehalten, warum nicht noch ein Jahr länger?" (02. August 1944)Die Gerüchte über die Invasion der Aliierten haben sich bestätigt, die Deutschen Truppen schlagen mit der Vergeltungswaffe "V1" zurück. Die Nationalsozialisten propagieren anhaltende Kriegserfolge, die berichten Zurückdrängung der deutschen Fronten. Klemperer vergleicht die propagandistische Berichterstattung im "Reich" regelmäßig mit der anderer Zeitungen, um die Situation möglichst realistisch einschätzen zu können. Er hat die Vermutung, Deutschland halte die Stellungen an der Ostfront nur so kämpferisch aufrecht, damit es bei einer Eroberung durch die Alliierten nicht den Russen in die Hände falle. Währenddessen wächst das Misstrauen der Juden untereinander, jedes kleinste Vergehen kann sie das Leben kosten.
Am 24.Juni ist Klemperer nach vierzehn Monaten vom Arbeitsdienst befreit worden. Doch die Erleichterung überschattet die dunkle Vermutung, der Arzt habe ihn nur freigestellt, weil er keine lange Lebensdauer für ihn voraussehe....
"Evas Geburtstag. Meine Hände wieder ganz leer, nicht einmal eine Blume." (12. Juli 1944)Geburtstage, Hochzeitstage, Feiertage werden von den aktuellen Kriegsereignissen in den Hintergrund gerückt. Klemperer notiert überwiegend die aktuellen Kriegsmeldungen und neue Deportationen. Statt persönliches Befinden oder Alltagsleben protokolliert er die Gespräche über das Fortschreiten der Invasion oder die Fliegerangriffe auf Deutschland akribisch.
Er verzeichnet auch eine Veränderung der Todesanzeigen: Während früher der Heldentod eines jeden Soldaten in einer eigenen Anzeige glorifiziert wurde, werden nun bloß noch die Namenslisten der Gefallenen gedruckt.
"Ich will bis zum letzen Augenblick weiter beobachten, notieren, studieren. Angst hilft nichts, und alles ist Schicksal. (Aber natürlich packt mich doch von Zeit zu Zeit die Angst. So gestern im Keller, als die Amerikaner brummten)." (22. Juli 1944)Mit dem Schreiben seines Tagebuchs bringt er nicht nur sich selbst, sondern auch jegliche Personen, die er darin namentlich erwähnt, in Lebensgefahr. Die Manuskriptseiten bringt Eva zwar regelmäßig zu einer arischen Bekannten, doch auch dort sind sie im Falle eines Fliegerangriffes genauso gefärdet. Aber Klemperer gibt das Dokumentieren nicht auf, das Tagebuch ist sein Art, Widerstand zu leisten.
Es gibt mittlerweile Gerüchte um die Auflösung von Mischehen und die anschließende Deportation jüdischer Ehemänner in KZs. Dresden ist jetzt von regelmäßigem Fliegeralarm betroffen, ein längerer Aufenthalt im Luftschutzkeller war aber noch nicht notwendig. Bis zum Oktober wird Dresden von Fliegerbomben verschont bleiben als eine der wenigen so lange verschont gebliebenen Großstädte Deutschlands.
"Also Seuchenverdacht. Aber das Gesundheitsamt gibt nichts bekannt. Wer den Verdacht ausspräche wäre Defätist. Auch ist es jetzt, wo Tod an der Front und über den Städten wütet, einerlei, ob noch ein apokalyptischer Reiter zu den anderen stößt. Auch fehlt es an Ärzten, Platz in Krankenhäusern und Arzneien." (30. November 1944)Im Judenhaus sind gleich zwei Bewohner einer Seuche zum Opfer gefallen. Offiziell heißt es, sie seien an einer septischen Angina gestorben, da die Folgen der Äußerung eines Seuchenverdachts für die Bewohner unberechenbar wären. Das Haus muss desinfiziert werden um die Gefahr einer Ausbreitung einzudämmen. Über den Tod der zwei Freunde schreibt Klemperer nüchtern und distanziert, gar erschreckend kalt. Er versucht sich von deren Schicksal nicht berühren zu lassen, um sich selbst zu schützen.
"Das einzige wesentliche Datum war für mich der 24.Juni. Der Tag meiner Entpflichtung. Seitdem bin ich die Fabriksklaverei los, seitdem habe ich - erst fiel's mir schwer, jetzt bin ich's wieder gewohnt - ausgiebiger für mich arbeiten können. d.h.: aufs Geratewohl Lektüreschreiben sub specie LTI. Aber seit 24.Juni stehe ich auch sehr bewusst unter doppeltem Todesurteil: Wenn ich nicht sehr herzleidend wäre, hätte Katz diese Dienstentpflichtung nicht beantragen und nicht durchsetzen können (freilich half wohl auch die Augenlähmung ein bisschen mit, die sich inzwischen fraglos ein wenig gebessert hat.) Sodann! Wenn es zur Evakuierung Dresdens kommt, würde mich als Arbeitsfähig irgendwo schanzen müssen, während ich nutzloser Judengreis fraglos beseitigt werde. der Zukunft stehe mit geringer Hoffnung und stumpf gegenüber. es ist sehr fraglich wann der krieg zu ende sein wird (obschon im Augenblick die deutsche Chance bei stockender Westoffensive und verlorenem Budapest wieder gesunken ist). Und es ist mir noch fraglicher, ob ich aus dem Frieden nicht etwas werde herausholen können, da ich doch offenbar am Ende meines Lebens stehe. - Irgendwie mich mit dem Todesgedanken abfinden zu können vermag ich nicht; religiöse und philosophische Tröstungen sind mir vollkommen versagt. es handelt sich nur darum, Haltung bis zuletzt zu bewahren. Bestes Mittel dafür ist die Versenkung in Studium, als hätte das Stoffspeichern wirklich Zweck. Dunkel drückend ist auch meine Finanzlage: Bis zum April, bestimmt nicht länger, reicht mein Bankkonto. Aber diese Geldsorge bedrückt mich wenig. Sie scheint mir klein, wo ich mich immer, und zweifach, dreifach, in unmittelbarer Todesnähe sehe. Sehr enttäuschend geht das Jahr zu Ende. Bis in den Herbst hinein habe ich, hat die ganz Welt es für sicher gehalten, dass der Krieg bis Jahresende fertig sei: Jetzt ist das allgemeine Gefühl und auch meines: vielleicht in ein paar Monaten, vielleicht in zwei Jahren. Zweiter Silvesteralarm, ohne Keller 22.15 Uhr bis 22.30 Uhr. Wir wollten gerade schlafen gehen." (31. Dezember 1944)
Dienstag, 15. Dezember 2015
Tagebücher des Victor Klemperer (1943)
"Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten."
Außerdem machen es die Undurchschaubarkeit und Ungenauigkeit der Judengesetze den Juden leicht, gegen die Gebote zu verstoßen. Immer wieder kommen neue hinzu ohne die Betroffenen darüber zu informieren. "Irgendwas wird er wohl gemacht haben" - Verhaftungen geschehen ohne ersichtlichen Grund.
Die Sommeroffensive scheitert, die Front wird verkleinert. Im Lebensmittelgeschäft kommt man Klemperers oft entgegen. Auch die jüngeren Hitlerjungen sind meist freundlich.
Goebbels hat vor zehn Tagen den totalen Krieg erklärt.
Der Preis für ein Pfund Kaffee liegt auf dem Schwarzmarkt bei 200 Mark. Niemand glaubt mehr an den Wert des Geldes nach dem Krieg.
Der jüdische Friedhof wird für ihn zur Nachrichtenzentrale, überall sonst die Gefahr zu groß, dass Informationsaustausch als "Greuelpropaganda" aufgefasst wird.
"Aber im Innersten bin ich recht hoffnungslos. Ich vermag mir gar nicht vorzustellen, wie ich noch einmal sternlos als freier Mann und in leidlicher Wirtschaftslage leben könne." (1. Januar 1943)Das Ende des Kriegs liegt fern - Klemperer hat sich mit seinem Leben unter dem Nationalsozialistischen Terror so weit arrangiert, dass er sich einen Alltag in Frieden nicht mehr vorstellen kann.
"Es ist gar nicht zu sagen, wie sehr mir der Abreißkalender fehlt. Die Zeit steht still." (3. Januar 1943)Die Papiernot ist so groß, dass nun auch Kalender gestrichen werden. Die Stunden und Tage vergehen für Klemperer nun noch langsamer, unerträglicher. Währenddessen fordert Goebbels die Menschen zum absoluten Patriotismus auf, und plädiert für die Vereinigung von Nationalismus und Religion.
"-die Tage vergehen rasch und einförmig. Viele Gedanken absorbiert das Essen - Kartoffelnot und Hunger und Müdigkeit. Stagnierender Krieg." (13. Januar 1943)Die vox populi scheint sich zu ändern, man wünsche sich ein rasches Ende des Krieges zur Errettung der Juden. Auch die LTI (Sprache des Dritten Reichs) ändert sich: Statt vom "Sieg" spricht man jetzt vom "aushalten".
Juden, ohne den Druck des Antsemitismus oder und vor allem ohne die Furcht vor diesem Druck werden in ihrem gesamten Fühlen und Denken andere Menschen sein - sie werden aufgehört haben, Juden zu sein sie werden ganz zu den Nationen gehören, in deren Mitte sie leben." (28. Jnuar 1943)Die Unsicherheit treibe die Juden in den Internationalismus, in den Zionismus und auf der anderen Seite hinter die Mauern der Ghettos.
Außerdem machen es die Undurchschaubarkeit und Ungenauigkeit der Judengesetze den Juden leicht, gegen die Gebote zu verstoßen. Immer wieder kommen neue hinzu ohne die Betroffenen darüber zu informieren. "Irgendwas wird er wohl gemacht haben" - Verhaftungen geschehen ohne ersichtlichen Grund.
Die Sommeroffensive scheitert, die Front wird verkleinert. Im Lebensmittelgeschäft kommt man Klemperers oft entgegen. Auch die jüngeren Hitlerjungen sind meist freundlich.
"Ich lebe noch ich lebe noch ich lebe noch!" Darauf schränkt sich auch mein Empfinden; je nach Stimmung, von Stunde zu Stunde wechselnd, liegt der Ton auf "lebe" und "noch"." (28. Februar 1943)Fast alle Juden werden evakuiert und in Arbeitslager deportiert. Klemperer als in Mischehe mit einer Arierin lebend ist nicht betroffen.
Goebbels hat vor zehn Tagen den totalen Krieg erklärt.
Es geht das Gerücht um, Mischehen würden geschieden werden. Klemperer berät die Lage mit Bekannten auf dem jüdischen Friedhof: Entweder die Frauen würden Jüdinnen, und beide würden evakuiert, oder die Frau würde sich scheiden und nur der Mann müsste in ein Lager. In beiden Fällen würden Victor und Eva getrennt werden. Eva soll lieber retten was zu retten ist.
"Es ist das Gute am Übermaß an Sorgen, dass man gegen sie, jedenfalls gegen jede, die nicht unmittelbar drängt,erstaunlich abstumpft." (04. März 1943)
"Bei allem Variieren zermürbende Stagnation und dasselbigkeit. Immerfort Kämpfe im Osten,Rückzug an der einen, glückliche Gegenoffensiven an der anderen Stelle, immerfort Ruhe im Westen, immerfort Gerede von innerer Zuspitzung, immerfort Ruhe und Terror - Ruhe der Bevölkerung, Terror der Regierung. Immerfort extrem optimistische und extrem pessimistische Stimmungen der Juden." (10. März 1943)Klemperer befürchtet in einer neuen Unterkunft zusammengedrängt mit anderen Mischeheleuten leben zu müssen. Außerdem fürchtet er sich vor dem Arbeitsdienst und der Unterbrechung seines Studiums. Auch die Nahrungsmittelknappheit sorgt ihn sehr, die Vorräte würden keinen Monat lang ausreichen.
Der Preis für ein Pfund Kaffee liegt auf dem Schwarzmarkt bei 200 Mark. Niemand glaubt mehr an den Wert des Geldes nach dem Krieg.
"Es erschüttert mich einigermaßen. es ist doch Todesgewissheit in sehr absehbarer Zeit. Ich habe in früheren Jahren gehofft, ich würde "später" dem Tod philosophischer gegenüberstehen; nun bin ich einundsechzig Jahre und so unruhig und bedrückt wie je. (...) Es fällt mir schwer, so weiterzuarbeiten, als wenn mir Zeit bliebe, etwas zu vollenden. Aber Arbeiten ist das beste Vergessen." (15. März 1944)Klemperer hat eine Verengung der Herzgefäße, eine Angina, diagnostiziert bekommen. Er sieht sich jetzt auf eine andere Weise mit dem Tod konfrontiert. Er ist oft müde und erschöpft, das fast tägliche und oft nicht erfolgreiche Kohlebeschaffen und die Fußwege strengen ihn an.
"Jede Stunde kann es mich treffen. Und dann in de Zelle sitzen und von Minute zu Minute auf den Henker warten, vielleicht einen Tag, vielleicht Wochen, vielleicht erwürgt mich hier auch niemand ("erhänge ich mich nicht"), sondern ich sterbe erst auf dem Weg ins KZ ("bei Fluchtversuch erschossen", oder in Auschwitz selber an "Insuffizienz des Herzmuskels. Es ist so entsetzlich, das in allen Einzelheiten auszudenken im Bezug auf mich, im Bezug auf Eva. Ich dränge es immer wieder zurück, will jeden Tag, jede Stunde ausnutzen.Vielleicht überlebe ich doch." (25. April 1943)Es ist Ostersonntag, Klemperer notiert im selben Einrag die Verhaftungen und den Tod von Mitarbeitern. Er gibt sich fatalistisch, doch eine winzige Hoffnung behält er. Die wirklichen Todesursachen der Verhafteten gelangen nicht an die Öffentlichkeit, Morde werden verschleiert, das Volk nicht beunruhigt. Die Judenheit stumpfe immer weiter ab und gewöhne sich an die Unterdrückung: die Verhafteten seien selbst schuld, wenn sie sich nicht streng an die Einhaltung der immer neuen Gesetze sorgten.
"Niemand kann aus der Geschichte lernen weil sie sich nie wirklich und ganz ohne Variante wiederholt. Vielleicht ist Geschichtskenntnis geradezu schädlich: sie macht befangen.Vielleicht ist es mit dem Geschichtswissen wie mit der Askese: beide machen unfrei." (22. Juni 1943)Klemperer ist zum Arbeitsdienst in einer Tee- und Heilbäderherstellungsfirma einberufen worden. Der Stumpfsinn der eintönigen Beschäftigung ist für ihn eine Geistlosigkeit, er trauert um die verlorene Zeit; sein Stundenlohn beträgt nach den Abzügen 35 bis 40 Pfennig.
"Seit dem 9.10.34 sagte ich an jedem Geburtstag 'nächstes Jahr sind wir frei' es stimmte nie! Diesmal sieht es so aus als müsste das Ende nah sein. Aber sie haben sich so oft, vom Röhmfall an, gegen alle Naturmöglichkeiten gehalten. Warum sollten se nicht noch weitere zwei Jahre Krieg führen und morden? Ich habe keine Zuversicht mehr. Inzwischen werden wir nun ins dritte Judenhaus ziehen und diesmal den Kopf in die engste Schlinge stecken. In der Zeughausstraße wird der zusammengestopfte Judenrest in ein paar Minuten erledigt, wenn es der Gestapo passt." (9. Oktober 1943)Eine verordnete Umsiedelung bereitet Klemperers große Sorgen. Erneutes Arrangement mit neuem Mitbewohnern, kleinerer Lebensraum und größere Angriffsfläche für die Gestapo. Daneben die große Lebensmittelnot - Kartoffeln sind das einzige Nahrungsmittel das Victor und Eva durch Betteln und mit den wenigen Marken beschaffen können. Die jüdische Kleiderkammer ist verstaatlicht worden, Klemperer muss einen schriftlichen Antrag darauf stellen, seine zerschlissenden Pullover, Socken und Hose ersetzen zu lassen. Außerdem ist Eva leidet schwer an Fieber und Ermüdung. Sie muss für ein paar Tage ins Krankenhaus, erholt sich dort gut. Aber die Angst Victors, ihr könne etwas passieren und er ohne arische Ehefrau völlig schutzlos zu sein, quält ihn sehr.
Der jüdische Friedhof wird für ihn zur Nachrichtenzentrale, überall sonst die Gefahr zu groß, dass Informationsaustausch als "Greuelpropaganda" aufgefasst wird.
Sonntag, 23. August 2015
Tagebücher des Victor Klemperer - 1942
"Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten"
Klemperer notiert viel in diesem Jahr. Sein Curriculum stagniert, sein Tagebuch ist das einzige was ihm bleibt, er beginnt darüber nachzudenken, es einmal veröffentlichen zu lassen. Er ist sich seiner Situation so ungewiss wie nie, jeden Tag rechnet er mit einer Haussuchung oder einem Deportationsbescheid. Außerdem kursieren Gerüchte über die Scheidung von Mischehen von Juden und Ariern, zu oft macht er sich Vorwürfe, Eva leide mehr als er. In seiner schriftlichen Korrespondenz mit Bekannten im Ausland kann er seine Situation nicht schildern, Briefe unterliegen längst der Kontrolle der Gestapo und auch sonst kann jedes kleine Vergehen tödlich enden. Immer lastet die Frage "Wie lang noch?" auf ihm, er sieht in seinem Dasein keine Zukunft mehr. Auf Beerdigungen wird von der Wertschätzung des Überlebens gepredigt, vom Schutz Gottes und der Bewahrung vor dem Übel. Um ihn herum begehen viele Juden Selbstmord oder werden in Arbeitslager deportiert, er erwartet das gleiche Schicksal. Zu schnell müssen sich Klemperers von gerade erst vertraut gewordenen Freunden verabschieden, was Victor und Eva von ihnen bleibt, sind oft nur einzelne Bücher aus deren Bibliotheken, die den Nazis nicht in die Hände fallen sollen, oder weitere Kleidungsstücke für den verschont gebliebenen Victor. Viele Arier wissen um die ausweglose Lage der Juden nicht einmal Bescheid.
"Judengesetze":
10.01.12: Abgabe von Woll- & Pelzsachen
17.02.42: Verbot des Beziehens von Zeitungen & Zeitschriften
03.42: Verbot von Blumenkäufen
24.04.42: Verbot der Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln
15.05.42: keine Haltung von Haustieren
29.05.42: keine Friseurbesuche
09.06.42: Abgabe aller entbehrlichen Kleidungsstücken
11.06.42: keine Raucherkarten
19.06.42: Abgabe aller elektrischer Geräte & Fahrräder
20.06.42: Schließung jüdischer Schulen
18.09.432: kein Fisch, Eiern &Milch
Hier geht es zur Vorstellung des Tagebuchs von 1940 - 1941
Hier geht es zur Vorstellung der Tagebücher von 1937 - 1939
Hier geht es zur Vorstellung der Tagebücher von 1935 - 1936
Hier geht es zur Vorstellung der Tagebücher von 1933 - 1934
Mit besonderem Dank an Moppi Moopenheimer!
"Das Curriculum schleicht. Aber ich halte zäh daran fest. Und ich möchte auch gar zu gern der Kulturgeschichtsschreiber der gegenwärtigen Katastrophe werden. Beobachten bis zum Letzten, notieren, ohne zu fragen, ob die Ausnutzung der Notizen noch einmal glückt." (17. Januar 1942)
Der harte Winter setzt Körper und Geist zu. Victor Klemperer leidet sehr unter dem Umstand, dass seine Vita als letzte große Lebensaufgabe nur schleppend voran kommt. Aber er hält daran fest, das Schreiben lässt den "Juden" wieder zum Menschen werden.
"Immer das gleiche Auf und Ab. Die Angst, meine Schreiberei könnte mich ins Konzentrationslager bringen. Das Gefühl der Pflicht zu schreiben, es ist meine Lebensaufgabe, mein Beruf. Das Gefühl vanitas vanitatum, des Unwerts meiner Schreiberei. Zum Schluss schreibe ich doch weiter, am Tagebuch, am Curriculum." (8. Februar 1942)
Klemperers Freizeit reicht immer seltener zum schreiben, sowohl die Haushaltsarbeit als auch Evas und sein eigener Gesundheitszustand lassen ihn immer weiter verzweifeln. Dazu wird er für zwei Wochen zum Schnee Schippen verordnet: Das bedeutet für ihn, den ganzen Tag über der Kälte und dem Frost ausgesetzt zu sein; eine Arbeit, die seinem schwachen Herzen schwer zusetzt. Und trotzdem kann er Kontakte zu Schicksalsgenossen knüpfen,er kommt so aus der zunehmenden Isolation durch die Judengesetze heraus. Dazu entgegnen ihm die meisten Aufseher als "judenfreundlich".
"Die Essnot wird immer qualvoller. Ich benasche das besser versehene Kätchen Sara (sie isst weniger und erhält vieles von ihrer Mutter), wo etwas offen und angebrochen herumsteht. Ein Löffel Honig, ein Löffel Marmelade, ein Stückchen Zucker oder Brot. Gestern stand ein angeschnittenes Würstchen auf dem Tisch. Ich säbelte einen winzigen Brocken herunter. Bald danach hörte ich, wie Eva den Muschel aus der Küche vertrieb: Auch er hatte von den Würstchen stehlen wollen." (16. März 1942)
Das Judenhaus weiß kaum mehr, wie es über die Runden kommen soll. Überall wird getauscht, Eva geht nun bei wohlhabenderen Freunden betteln. Oft bekommen sie etwas geschenkt, oft kann wenigstens Eva eine warme Mahlzeit in einem Restaurant bekommen, doch sie geraten immer mehr in Bedrängnis. Dazu kommt die ständige Angst vor einer Haussuchung der Gestapo, überall kursieren Schauergeschichten über das brutale und menschenverachtende Vorgehen der Nazis. Sie sollen die Wohnungen verwüsten, Lebensmittelvorräte stehlen und besinnungslos herumprügeln.
"Aber wir haben zu viele Sorgen, um uns noch Sorgen zu machen. Wir leben von Tag zu Tag, solange man und leben lässt. Eins muss im Laufe der nächsten Monate geschehen: Entweder Hitler geht zugrunde, oder wie gehen zugrunde. Jedenfalls ist das Ende nahe. Wir wollen es in Fassung erwarten." (24. März 1942)
Klemperers droht nun such der endgültige Verlust ihres Hauses, sie können die Schulden nicht mehr bezahlen. Trotz der aussichtslosen Lage schalten Sie einen Rechtsanwalt ein, und hoffen dass ihnen die Nazis nicht auch noch das letzte Stück ihres früheren Lebens nehmen. Dazu muss nun Eva die langen Einkaufswege zurücklegen, für den Juden Klemperer ist es angesichts der sich häufenden Gestapo-Übergriffe und neuen Judengesetzgebungen zu riskant. Außerdem kann Eva als Arierin dazu leichter an Lebensmittel gelangen. Aber neben ihrem Nervenleiden quält sie ihr Fuß sehr, sie verkraftet die langen Strecken nur schwer. Victor ist tagsüber müde und schlapp, oft muss er für Eva bis spät in die Nacht oder in den frühen Morgenstunden vorlesen um sie bei Laune zu halten. Beide sind stark unterernährt.
"Ich las viel Chamberlain vor, und schlief immer wieder über der Lektüre ein, teils aus allgemeiner Erschöpfung und buchstäblichem Hungergefühl, teils wegen meiner Unfähigkeit, Philosophisches zu verstehen. Es ist erstaunlich, mit wie eng begrenzten geistigen Fähigkeiten ich meine Laufbahn gemacht habe. (Ebenso erstaunlich: mit wie wenig Fachwissen!)" (7. April 1942)
Da er seine Manuskriptseiten längst zu arischen Bekannten zur sicheren Verwahrung gegeben hat, liest Klemperer nun, was er von Freunden ausgeliehen bekommt. Es soll seinem Curriculum und seinem geplanten Buch über die Sprache im Dritten Reich, über die er stetig und viel notiert, einmal nützen. Doch auch starke Selbstzweifel bestimmen sein Denken, er liest viel Fachliteratur und redet sich ein, auch sein Intellekt habe unter der Situation gelitten, er könne vieles nicht mehr verstehen.
"Es ist sehr wichtig, dass sie (Eva) dort etwas zu essen auftreibt; so bleibt mehr Brot für mich hier." (26. April 1942)
Die Lebensmittel werden immer knapper, es wird zum Sparen aufgerufen, doch Klemperers nagen längst am Hungertuch. Es gibt fast nur noch Kartoffeln, und wenn sie Glück haben, etwas Brot. Victor geht kaum mehr vor die Tür, Eva isst oft in Restaurants, um ihrem Mann die geschenkten oder erbettelten Lebensmittel zu lassen.
"Was gehen mir für Wünsche durch den Kopf? Nicht Angst haben vor jedem Klingeln! Eine Schreibmaschine. meine Manuskripte und Tagebücher im Hause haben. Bibliotheksbenutzung. Essen! Kino. Auto." (8. Mai 1942)
Das Judenhaus ist in die längst erwartete Haussuchung geraten. Die Gestapo Männer haben Klemperers Wohnungen verwüstet, Butter, Speck und Süßstoff für die nächsten Tage gestohlen und Eva bespuckt und ihr ein paar Ohrfeigen gegeben. Victors Tagebuchnotizen haben sie nicht gefunden, sie hätten ihn den sicheren Tod gekostet. Beide sind vergleichsweise glimpflich davon gekommen, andere Bewohner wurden schlimmer misshandelt. Doch die Angst vor einem erneuten Besuch von "Spucker" oder "Boxer" ist nun noch größer, gepeinigt und entwürdigt schrecken sie bei jedem Türklingeln zusammen, und verstecken Lebensmittel und Tabak unter den Schränken.
"Der erhobene Katzenschwanz ist unsere Flagge, wir streicheln sie nicht, wir behalten die Nasen hoch, wir bringen das Tier durch...." (14. Mai 1942)
Juden ist es verboten Haustiere zu halten. Klemperers wollen dem Kater Muschel, seit elf Jahren ihr treuer Begleiter, den qualvollen Tod durch die Tiersammlungen der Nazis ersparen. Allerschwersten Herzens entscheiden sie sich, ihn einschläfern zu lassen. Dabei gehen sie ein hohes Risiko ein, von der Gestapo erwischt zu werden. Besonders Eva fällt der Abschied schwer.
"Aber ich schreibe weiter. Das ist mein Heldentum. Ich will Zeugnis ablegen, und exaktes Zeugnis." (27. Mai 1942)
Das Curriculum stagniert, doch Klemperer ist froh dass er die Seiten bei der Haussuchung sicher untergebracht hatte. Er rechnet jede Sekunde mit einem erneuten Besuch der Gestapo, sie waren bereits ein zweites Mal da. Der Hunger ist sein ständiger Begleiter, genauso wie die Verzweiflung und die Frage: wie lange noch, und ob überhaupt...?
"Ich war wieder kindisch, feige und egoistisch: Ich dachte an den riesigen Schuster und sah die ganz, ganz kleine Urne. Da kam mir der Gedanke der Vernichtung noch näher und schüttelte mich noch mehr als einem Sarg gegenüber. - Am Nachmittag, nachdem ich lange geschlafen, las ich viel im Grätz. Bei den Lebensdaten der Personen fiel mir immer wieder auf, wie wenige Leute über die Mitte Sechzig kommen, und immer wieder schüttelte mich das Gefühl der Vernichtung. Selbst wenn ich Hitler überlebe, wie viel bleibt mir noch? Es ist so dumm: Nur das Nichtsein, nichts anderes fürchte ich." (5. Juli 1942)Vier Haussuchungen in zwei Wochen haben das Judenhaus gezeichnet. Klemperers konnten der prügelnden Gestapo zwar wieder leidlich entgehen, doch der Schrecken sitzt ihnen tief in den Knochen. Oft erfahren sie in diesen Zeiten vom Tod oder "gestorben werden" Bekannter oder früherer Freunde. Auch die Schauergeschichten von Gestapo-Verhören und KZ-Deportationen häufen sich. Manchmal bringt Eva Erzählungen von ihren Restaurantbesuchen und Einkäufen in der Stadt nach Hause oder sie erfahren die Neuigkeiten von ihren Mitbewohnern. Auch besuchen sie wieder Bekannte außerhalb des Hauses, oft fungiert Klemperer dabei als tröstender Beistand, obwohl er selbst nicht an einen guten Ausgang der Situation glaubt.
"Als wir im Mai 40 hier einzogen , sagten wir uns, dies sei ein Provisorium. Und nun nach zweieinhalb Jahren wird ein neuen "Provisorium" beginnen, und unter welch verschlechterten Verhältnissen. Allein die Sommer! Im Sommer 40 die weiten Ausflüge, im Sommer 41 immer noch Spaziergänge und Sattessen, im Sommer 42 ist Eva an die Stadteinkäufe gebunden, und ich lebe wie ein Gefangener, und beide hungern wir. Und täglich lege ich mir die Frage vor, ob ich den Sommer 43 erlebe. Die anderen Männer des Judenhauses sind alle hin (...)" (21. Juli 1942)Evas und Victors Zustand verschlechtert sich stetig. Beide sind abgemagert, Victor stiehlt weiter Zucker oder Brot bei seiner Nachbarin im Judenhaus. Umgeben von immer grausameren Erzählungen von Bestrafungen der Gestapo für die kleinsten Vergehen, traut er sich nur noch selten nach draußen. Zu viele Juden werden derzeit die Arbeitslager und KZs deportiert, zu schnell erhalten die Familien die Todesnachricht. Entweder heißt es darin "bei der Flucht erschossen" oder "an Altersschwäche verstorben". Eva ist fast den ganzen Tag mit der Lebensmittelbeschaffung beschäftigt, oft steht sie stundenlang vergeblich vor den Lebensmittelgeschäften an.
"Wir sind jetzt Sechzig Jahre als, und von diesen sechzig haben wir sieben als Kriegszeit durchlebt., mehr als zehn Prozent. Europa im 20.Jahrhundert! Aber welch eine anständige Sache war der vorige Krieg, wie wenig Entsetzen im Vergleich zu diesem hatte er für mich. Unter allem, was ich tue und denke, immer das Bild des Galgens in einer Gefängniszelle." (31. Juli 1942)Viele Juden begehen in diesen Zeiten Selbstmord, wollen dem Hitler-Regime nicht zum Opfer fallen, und haben Angst vor einem qualvollen Verenden im KZ. Victors Gedanken kreisen Tag und Nacht um die Zukunft, wie lange wird der Krieg noch dauern? Die vox populi bewegt sich ständig zwischen Euphorie und Depression, er hat Albträume von einer erzwungener Selbsttötung in Gefangenschaft. Auch eine Judenhaus-Bewohnerin hat in diesen Tagen Selbstmord verübt, es war bereits ihr zweiter Versuch. Veronalvergiftung, sie hatte einen Bescheid zur Deportation nach Theresienstadt erhalten.
"Auf kein Alter, keine noch so völlige Gelähmtheit, keine Schmerzen werde im geringsten Rücksicht genommen. - Was ich an alldem soviel grässlicher finde als ähnliches bei den Russen: es ist nichts Spontanes dabei, es ist alles methodisch organisiert und angeordnet, es ist "kultivierte" Grausamkeit, und es geschieht heuchlerisch, im Namen der Kultur und verlogen. Bei uns wird nicht gemordet." (14. August 1942)Die Nazis bringen immer mehr alte Menschen nach Theresienstadt, wo sie entweder schon beim Transport verenden, sich zu Tode arbeiten, oder nach Auschwitz oder Mauthausen zur endgültigen Vernichtung deportiert werden.
"Es fällt mir alles ein, was ich entbehre und vielleicht nie wieder haben werde. Abstinenz macht schmutzig. Ob sie sich auf Zucker oder Kino, Tabak oder Frauen, Brot oder Auto bezieht. Man ist von dem Entbehrten immer in schmutziger Begehrlichkeit besessen." (16. August 1942)Auf den Straßen sind die abgemagerten Menschen mit dem vor Hunger aufgeblähten Bäuchen und aufgenähten Judensternen ein alltägliches Bild. Die Lebensmittelknappheit trifft Klemperers stark. Für Eva wird es immer schwieriger, eine Mahlzeit in einem Restaurant zu finden, satt wird auch sie dort längst nicht mehr. Zudem leidet Victor unter dem Zustand seiner Kleidung, oft bekommt er Jacken oder Schuhe von den verstorbenen oder deportierten Bekannten vererbt. Dienstleistungen wie Frisör oder Schuster sind für ihn nur schwer zu erhalten. Seine Gedanken kreisen um sein Überleben und die Markenknappheit, ohne die Lebensmittelspenden von Bekannten käme er wahrscheinlich nicht durch den Monat.
"In unseren Zimmer das Chaos, in Küche und Waschküche unten die Schwierigkeit , an meinem Korpus die Ungewaschenheit auch heute noch kaum viel anders als am Donnerstag. Ich rasiere mich, aber ich schlafe ohne Nachthemd, tout nu. Eva ist bis zum Zusammenbrechen abgehetzt, kommt nur wenig zum Auspacken, Einordnen. Ich finde wenig Zeit zum lesen, zum Schreiben, das bisschen Abwaschen, das bisschen Michwaschen, ein gelegentlicher Weg fressen den Tag. Abends beim Vorlesen schlafen wir nach 20 Zeilen ein." (8. September 1942)Seit fünf Tagen wohnen Klemperers in einem neuen Judenhaus, das vorherige wurde aufgelöst. Bei der Wahl ihrer neuen Bleibe hat die Besuchsquote der Gestapo eine große Rolle gespielt. Jetzt leben sie mit zwanzig Leidensgenossen zusammen in einer alten Herrenvilla, die mit ihrer weiten Empfangshalle, hoher Decke und Galerie den Glanz der alten Zeit verkörpert. Viele Mitbewohner aber arbeiten tagsüber, sodass sie das Haus oft ganz für sich alleine haben. Eva begibt sich morgens auf Lebensmittelsuche, Victor holt sie von der Tramhaltestelle ab, und schleppt die Errungenschaften, meist schwere Kartoffelsäcke, nach Hause. Oft besuchen sie Freunde und Bekannte. Dort leiht sich Klemperer seine Bücher, die er zum Zeitvertreib und als Studium für sein Curriculum liest. Seine an Geisteskrankheit leidende Schwester ist kürzlich verstorben, doch Klemperer rührt der Verlust nicht sonderlich, er ist abgestumpft von den täglichen Todesmeldungen. Zu viele Menschen kehren nicht heim von ihren Gestapo-Besuchen, oder kommen in Theresienstadt auf ungeklärte Weise ums Leben.
Klemperer notiert viel in diesem Jahr. Sein Curriculum stagniert, sein Tagebuch ist das einzige was ihm bleibt, er beginnt darüber nachzudenken, es einmal veröffentlichen zu lassen. Er ist sich seiner Situation so ungewiss wie nie, jeden Tag rechnet er mit einer Haussuchung oder einem Deportationsbescheid. Außerdem kursieren Gerüchte über die Scheidung von Mischehen von Juden und Ariern, zu oft macht er sich Vorwürfe, Eva leide mehr als er. In seiner schriftlichen Korrespondenz mit Bekannten im Ausland kann er seine Situation nicht schildern, Briefe unterliegen längst der Kontrolle der Gestapo und auch sonst kann jedes kleine Vergehen tödlich enden. Immer lastet die Frage "Wie lang noch?" auf ihm, er sieht in seinem Dasein keine Zukunft mehr. Auf Beerdigungen wird von der Wertschätzung des Überlebens gepredigt, vom Schutz Gottes und der Bewahrung vor dem Übel. Um ihn herum begehen viele Juden Selbstmord oder werden in Arbeitslager deportiert, er erwartet das gleiche Schicksal. Zu schnell müssen sich Klemperers von gerade erst vertraut gewordenen Freunden verabschieden, was Victor und Eva von ihnen bleibt, sind oft nur einzelne Bücher aus deren Bibliotheken, die den Nazis nicht in die Hände fallen sollen, oder weitere Kleidungsstücke für den verschont gebliebenen Victor. Viele Arier wissen um die ausweglose Lage der Juden nicht einmal Bescheid.
"Judengesetze":
10.01.12: Abgabe von Woll- & Pelzsachen
17.02.42: Verbot des Beziehens von Zeitungen & Zeitschriften
03.42: Verbot von Blumenkäufen
24.04.42: Verbot der Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln
15.05.42: keine Haltung von Haustieren
29.05.42: keine Friseurbesuche
09.06.42: Abgabe aller entbehrlichen Kleidungsstücken
11.06.42: keine Raucherkarten
19.06.42: Abgabe aller elektrischer Geräte & Fahrräder
20.06.42: Schließung jüdischer Schulen
18.09.432: kein Fisch, Eiern &Milch
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Mit besonderem Dank an Moppi Moopenheimer!
Samstag, 11. Juli 2015
Tagebücher des Victor Klemperer 1940-1941
"Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten."
Klemperers ziehen ins Judenhaus und geben das letzte Stück Würde, persönliche Freiheit und Hoffnung auf eine bessere Zukunft ab. Die Fliegerangriffe häufen sich, die Volkstimmung ist schwer zu erfassen und Victors Arbeit kommt nur schleppend voran. Nur über den Fanatismus der Nazis in Verbindung mit ihrer Sprache notiert er viel, wenn er den Krieg, wenn er das Regime überlebt will er aus seinem Beobachtungen ein Buch machen.
"Judengesetze":
06.02.40: Entzug der Kleiderkarte
29.02.40: kein Fernsprechanschluss
01.09.40:Verpflichtung zum Tragen des Judensterns &Verlassen des Wohnbezirks nur mit Genehmigung
26.12.41: Verbot der Nutzung öffentlicher Fernsprecher
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Klemperers ziehen ins Judenhaus und geben das letzte Stück Würde, persönliche Freiheit und Hoffnung auf eine bessere Zukunft ab. Die Fliegerangriffe häufen sich, die Volkstimmung ist schwer zu erfassen und Victors Arbeit kommt nur schleppend voran. Nur über den Fanatismus der Nazis in Verbindung mit ihrer Sprache notiert er viel, wenn er den Krieg, wenn er das Regime überlebt will er aus seinem Beobachtungen ein Buch machen.
"Ein ständiges zerrüttetes in der Schwebe, und das gilt von der privaten und der allgemeinen Angelegenheit. Kommt die Offensive? Wann? Und wann müssen wir hieraus? (31.03.1940)Auch der große Traum vom Lebensabend im eigenen kleine Haus in Dölzschen wird nun von den Nazis zu Nichte gemacht. Ihnen droht die Übersiedelung in ein Judenhaus, die Behördenwillkür des Dritten Reichs macht auch vor den Professor und der Arierin keinen Halt. Was wird dort auf sie zu kommen? Eingepfercht mit anderen Schicksalsgenossen, warten sie auf die weiteren Einschränkungen ihres Lebens durch die perfiden Judengesetze.
"Das Chaos des Umzuges hat begonnen, neun Zehntel der Möbel müssen auf den Speicher, wir vernichten viel Schriftliches und Gedrucktes als Ballast, was wir solange bewahrt hatten. Im Garten legt Berger seine Ladenstufen an und zerstört, was Eva in Jahren aufgebaut hat. Und bei alledem das trostlose Gefühl, dass eine günstige Änderung unserer Lage auf keine Weise anzunehmen ist." (16.05.1940)Ein ganzes Leben wird in Kartons gepackt und weggesperrt. Werden Victor und Eva jemals wieder nach Dölzschen zurückkehren können? Hier wird nun eine arische Familie ihr Glück finden, Klemperers haben ihres endgültig verloren. Die neuen Bewohner zerstören, was die beiden mit viel Herzblut und Kampfgeist errichtet haben.
"Gehobenes KZ" (06.06.1940)der Einzug ins Judenhaus stellt für Victor und Eva eine große Herausforderung dar. Sie müssen sich mit den anderen Bewohnern arrangieren, auf einen Großteil ihrer Privatsphäre verzichten.
"Niemand weiß genau, was erlaubt ist, überall fühlt man sich bedroht. Jedes Tier ist freier und rechtlich gesicherter." (06.07.1940)Die Schlinge aus perfiden Gesetzen zur Entwürdigung der Juden zieht sich immer weiter zu. Entrechtet und gepeinigt versuchen Klemperers ihren Lebensalltag im Judenhaus zu gestalten, Victor schreibt so viel wie möglich an seiner Biograhie während es um Evas Gesundheitszustand immer schlechter steht.
"Wir tappen im Dunklen, sind fatalistisch, hoffen immer wieder" (07.07.1940)Die politische Lage ist undurchschaubar, immer wieder tauchen neue Gerüchte auf, doch es ist schwer der Volksstimme einen Tenor zu entnehmen, zwischen Gerücht und Fakten zu unterscheiden. Die Lage zwischen England und Deutschland bleibt angespannt, wann greifen die deutschen Truppen an? Und was geschieht mit den Juden bei einer Niederlage Deutschlands?
"Jeden Tag tauschen Gerüchte über neue Torturen auf, und bisher sind die meisten in Erfüllung gegangen." (30.08.1940)Ständig neue Judengesetze und Verhaftungen bei kleinsten Vergehen. Die Lebensmittel sind knapp, neben den Rationskarten ist es schwer, an Essen zu gelangen. Auch wegen der "Juden verboten"-Schilder in Restaurants und Lokalen müssen Victor und Eva immer öfterauf ihren kleinen Luxus vom außerhäusigem Abendessen verzichten.
"Wie viel Lauferei und Herumstehen, wie viel äußerste Bitterkeit ist in dieser Notiz enthalten, welch ein raub und welch ein irreparabler Verlust. Wann soll ich je wieder zu einem Wagen kommen?" (20.02.1941)Nachdem Klemperer seinen Führerschein bereits1938 abgeben musste, verbietet ihm ein neues Judengesetz nun auch, ein Auto zu besitzen. All seine Bemühungen um den Wagen, all die Reparaturen für die er oft sein letztes Geld gegeben hat, und die nervliche Belastung - umsonst? Auch die kleinen Fahrten die ihn und Eva kurz aus ihrer tristen Lebenswirklichkeit befreien konnten, gehören nun der Vergangenheit an; die Hoffnung einmal wieder an ein Fahrzeug zu gelangen ist gleich null angesichts der ungewissen Zukunft.
"Ich habe mich sosehr an den Gedanken der Haft gewöhnt, dass er mich nicht mehr im Arbeiten stört, und dass ich die Sache fast humoristisch nehme." (24.03.1941)Verdunkeln - eine der wichtigsten Pflichten eines deutschen Bürgers zu Kriegszeiten. Victor und Eva halten sich immer genau an die Vorgaben, sie verdunkeln ihre Zimmer immer pünktlich - bis Victor einmal ein Fenster vergisst und denunziert wird. Ihm droht eine Woche Haft, denn auch nach großen Bemühungen lässt sich die Behörde nicht erweichen. Allerdings gestattet man ihm das Lesen und Notieren, und auch Eva geht es nach einem harten Winter nervlich deutlich besser.
"Aber vielleicht wird der Kelch an mir vorübergehen, vielleicht wird er nicht ganz so bitter sein, vielleicht werde ich vorher sterben. Ich sage mir jetzt oft: Schließlich liegt ein langes, interessantes nicht einmal ganz erfolgloses Leben hinter, auf alle Fälle nur noch ein Rest vor mir - was kommt es so groß auf ihn an?" (14.04.1941 Ostermontag)Dunkle Gedanken am Osterfeiertag. Die Zukunft Deutschlands liegt in völliger Ungewissheit, die Lebensumstände im Judenhaus werden immer schwieriger. Klemperers ziehen einen Umzug nach Berlin in Erwägung, dort sollen Juden mehr Freiheit besitzen, doch bevor ihre Planungen ernst werden können, wird die Hauptstadt für jüdische Einwanderer gesperrt.
"Und die Furcht vor dem vergeblichen Warten ist meine einzige Todesfurcht" (aus der Haft vom 23.06-01.07.1941)Klemperers Schilderungen aus der Haft sind erschreckend. Allein mit seinen Gedanken in Einzelhaft, ohne Bücher und Papier wie anfangs versprochen, erträgt er das Warten auf das Ende der Woche kaum. Als Eva ihn besuchen kommt, schämt er sich für seinen Zustand. Er beginnt darüber nachzudenken, ob er Eva mit der Verwirklichung seiner Ziele und Pläne in den letzten Jaren nicht übergangen hat.
"Aus der Hölle war ich wohl an meinem Bleistift hochgeklettert." (aus der Haft vom 23.06 bis zum 01.07.1941)Professor Victor Klemperer ist am Boden angelangt. Seine Gedanken kann er nicht mehr kontollieren, er zählt die Sekunden bis zu seiner Entlassung - bis ihm ein Beamter aus Mitleid ein Blatt Papier und einen Bleistift gibt. Es ist seine Rettung aus der Depression, die Möglichkeit einige weige Notizen machen zu können, die ihn die Tage überstehen lassen.
"Alles Schwanken hat nun ein Ende. Das Schicksal wird entscheiden. Während des Krieges können wir nicht mehr heraus, nach dem Krieg brauchen wir es nicht mehr, so oder so, Tod oder lebendig." (27.06.1941)Klemperers blicken den nächsten Jahren mit Resignation entgegen, der Glaube an eine Zukunft schwindet. Fliegerangriffe versetzen das Judenhaus immer öfter in Angst, Klemperer kommt nur langsam mit seiner Arbeit voran und Evas Nerven versagen zunehmends.
"Judengesetze":
06.02.40: Entzug der Kleiderkarte
29.02.40: kein Fernsprechanschluss
01.09.40:Verpflichtung zum Tragen des Judensterns &Verlassen des Wohnbezirks nur mit Genehmigung
26.12.41: Verbot der Nutzung öffentlicher Fernsprecher
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Samstag, 4. April 2015
Tabgebücher des Victor Klemperer 1937-1939
"Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten"
Einsamkeit, Depression und Perspektivlosigkeit bestimmen das Leben von Eva und Victor Klemperer in diesen Jahren. Die Judengesetze verbieten Victor Auto zu fahren und die Bibliothek zu nutzen, und auch ihr Haus werden er und seine Frau aufgeben müssen. Als aber im September 1939 der Krieg beginnt, und die lange Phase der Stagnation und Spekulation vorüber ist, gewinnt Klemperer neue Hoffnung auf einen Umbruch. Er sieht den Krieg als Chance, sein baldiges Ende ständig vor Augen.
Es ist ein großer Widerspruch entgegen die Zeichen der Zeit: Klemperers leben in ihrem eigenen neuen Haus, besitzen sogar ein Auto; doch werden sie von ständigen Geldsorgen und Existenzangst erdrückt. Victor berietet es mittlerweile sogar eins schlechtes Gewissen, dass er Zigarillos statt den minimal billigeren Pfeifen raucht.
Einsamkeit, Depression und Perspektivlosigkeit bestimmen das Leben von Eva und Victor Klemperer in diesen Jahren. Die Judengesetze verbieten Victor Auto zu fahren und die Bibliothek zu nutzen, und auch ihr Haus werden er und seine Frau aufgeben müssen. Als aber im September 1939 der Krieg beginnt, und die lange Phase der Stagnation und Spekulation vorüber ist, gewinnt Klemperer neue Hoffnung auf einen Umbruch. Er sieht den Krieg als Chance, sein baldiges Ende ständig vor Augen.
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| Victor Klemperer-Denkmal in Halle (Quelle) |
Von seinem "18. Jahrhundert" sagt Klemperer, es sei das beste Buch, das er je geschrieben habe, und doch wird es voraussichtlich niemand lesen werden. Auch brennt ihm das Verfassen seiner "Vita Mea" auf der Seele, er verspürt den Drang, sein leben aufzuschreiben, und in dieser unsicheren und hoffnungslosen Zeit seinem Leben einen Fortbestand zu geben."Aber ich bin so unendlich deprimiert was die allgemeine Situation und meine Situation anlangt. Zumeist glaube ich, dass alles ungeschrieben bleibt, und dass nicht einmal mein 18. Jahrhundert fertig wird." (18.01.1937)
Die Judengesetze verschärfen sich; für Arier wird es immer gefährlicher, Freundschaften mit Nichtariern zu pflegen. Viele Juden fliehen unterdessen ins Ausland in der Hoffnung auf ein neues Leben in Freiheit, nur Klepmerers bleiben zurück. Die Schlinge um ihren Hals zieht sich immer weiter zu, sie sehen sich von der Einsamkeit bedroht. Abende bei Freunden werden immer seltener, trotzdem bietet das Auto ihnen die Möglichkeit, Bekannte und Freunde zu besuchen, oder Fahrten in die umliegenden Gebiete mit ihnen zu unternehmen."So wird die Abgeschnittenheit jeden Tag schlimmer." (11.02.1937)
Klemperer will sein Meisterwerk nicht aufgeben - obwohl die politische Situation für die Sinnlosigkeit seiner Arbeit spricht."Es ist trostlos, und doch bleibt mir nicht anderes übrig als meine Arbeit fortzusetzen, nun schon das fünfte Jahr, denn schon seit 33 sitze ich ja nun schon daran." (27.03.1937)
Der Wagen bleibt ihr ganzer Stolz, das letzte Bisschen Freiheit und Selbstbestimmung, das ihnen in diesen Zeiten bleibt. Doch der Zustand es Wagens bleibt trotz der ständigen Reparaturen desolat."Der Messer zeigt jetzt 38000, im Herbst waren es 37000. Für diese tausend Kilometer haben wir Hunderte an Steuern und Reparaturen gezahlt, und soviel Enge gelitten. Eigentlich eine Verrücktheit, und doch führen alle Erwägungen zum beibehalten und Durchhalten. Es ist im vollsten Wortsinn tragigkomisch. " (15.04.1937)
Es ist ein großer Widerspruch entgegen die Zeichen der Zeit: Klemperers leben in ihrem eigenen neuen Haus, besitzen sogar ein Auto; doch werden sie von ständigen Geldsorgen und Existenzangst erdrückt. Victor berietet es mittlerweile sogar eins schlechtes Gewissen, dass er Zigarillos statt den minimal billigeren Pfeifen raucht.
Die politische Lage scheint still zu stehen - neben der ständigen Angst vor dem Krieg quält ihn immer wieder die Verzweiflung an seinem Werk, gefolgt von völliger Resignation. Enttäuscht von der Stagnation in der Weltpolitik und den innenpolitischen Geschehnissen, verliert Klemperer die Hoffnung mehr und mehr,"Und bei all der Quälerei immer das Gefühl, wahrscheinlich für den Schreibtisch und die Würmer zu arbeiten. (....) Und an Krieg glaubt wohl auch keiner mehr; man ist zu gewohnt dass das Ausland alles hinnimmt." (02.06.1937)
Die Juden sind der Willkür der Nationalsozialistischen Ordnung schutz- und rechtlos ausgeliefert. So werden Klemperers gezwungen, einen Gärtner zu beschäftigen, da sie ihren Garten auf Grund ihrer gesundheitlichen Probleme eine Zeit lang nicht pflegen konnten. Geld wird benötigt, das sie nicht haben; längst bekommen sie regelmäßige finanzielle Unterstützung von einem Freund im Ausland."Etwas findet sich immer, wenn man finden will. Und man will. (...) Ist es Stumpfsinn, Philosophie, Alter, oder ist es das Gefühl, in absolut regelloser Zeit zu leben? ich bin nur noch anfallweise bedrückt, lasse die Dinge im Übrigen laufen, und habe stundenweise ein ganz vergnügtes Lebensgefühl. Also jetzt wird unser Garten üppig. Wer wird um das Angst haben, was in vier Jahren geschieht? " (28.06.1937)
Klemperers Bild von Hitler aus der Sicht eines Philologen und Linguisten, vor allem aber aus der eines verängstigten und rechtlosen Juden, der sein Ende jeden Tag vor Augen hat."Ohne jede geringste Übertreibung: Der Mann schreit mit überanstrengter Stimme wie ein besoffener verfolgungswahnsinniger Arbeiter. Dem Ton entspricht Wortwahl und Inhalt: Dies ist das größte Werk, das je vollbracht wurde (...) Die Mischung aus Würdelosigkeit, Größenwahn, ohnmächtiger Angst ist furchtbar. Furchtbarer nur, das sich Deutschland davon regieren lässt."(19.07.1937)
Das nationalsozialistische Regime ist gestützt auf den Willen der Bürger Deutschlands, zu denen Klemperer sich ausnahmslos gezählt hatte. Die Tatsache, dass die Grausamkeiten und das brutale Vorgehen gegen die Juden von den eigenen Landsmännern gewollt ist, enttäuscht Klemperer so sehr, dass er Depressionen und große Selbstzweifeln verfällt."Die entsetzliche Stagnation der politischen Lage, das Lavieren Englands usw., nimmt mir alles Mut, ich glaube wieder mal, dass das Dritte Reich noch Jahrzehnte halten kann, und dass es wirklich dem Volkswillen und Volkscharakter Deutschlands entspricht, und in dieser Depression scheint mir mein Tun völlig zwecklos, und scheint es mir so völlig gleichgültig, ob bei meinem Tode ein paar Dutzend Manuskriptseiten mehr oder weniger herumliegen." (06.08.1937)
Klemperer will sich nicht mehr zu einem Volk zugehörig nennen, das die Tyrannei und Schreckensherrschaft eines Einzelnen bestärkt."Und immer mehr glaube ich, dass Hitler die Deutsche Volksseele verkörpert, dass er wirklich "Deutschland" bedeutet und dass er sich deshalb halten und zu Recht halten wird. Womit ich denn nicht nur äußerlich vaterlandslos geworden bin. Und auch wenn die Regierung einmal wechseln sollte: mein innerliches Zugehörigkeitsgefühl ist hin." (17.08.1937)
Dabei die Paradoxie der nationalsozialistischen Ideologie: Vaterlandsliebe wird vom Regime verlangt, aber ihm als Juden die Zugehörigkeit zu der Gesellschaft verwehrt.
Zeitung, Radio und Fernsehen propagieren ein ausnahmslos heroisches Bild vom neuen "Großdeutschland" und glorifizieren die Politik Hitlers. Zensur und Meinungsmache bestimmen nicht nur den Alltag, sondern sind längst auch in Bildung und intellektuellen Kreisen und angelangt."Und die Intelligenz und die Wissenschaft prostituiert sich." (12.09.1937)
Der Glaube an die Sinnhaftigkeit seines "18.Jahrhunderts" schwindet fast endgültig dahin, und Klemperers Abneigung gegen Hitler wächst von Tag zu Tag."Aber der Mut sinkt immer tiefer, wie sich die Manuskriptblätter aufspeichern. Im Grunde ist das Ganze Selbstbetrug und Zeittotschlagen. In der gegenwärtigen Situation finde ich rein gar nichts, woran sich die Hoffnung auf einen Umschlag stützen ließe. Hitlers Rede in Nürnberg von der moralisch und geistig minderwertigen jüdischen Rasse - so dick mein Fell allmählich geworden und so wahnsinnig der Vorwurf (und die Behauptung des rein jüdischen Bolschewismus) ist, peinigt es mich doch, den Rest meines Lebens hier verbringen zu müssen. Und ich bin immer überzeugter, dass Hitler wahrhaftig der Sprecher so ziemlich aller Deutschen ist." (20.09.1937)
Der hat sein Volk voll im Griff, und sichert sich durch Stimmungsmache und Wahlen, die nur den äußeren Anschein machen, geheim zu sein, seinen politischen Erfolg.
"So erlebt man Geschichte. Wie wissen vom Heute noch weniger als vom gestern und nicht mehr als vom Morgen." (11.09.1938)
Zum ersten mal denkt Klemperer an Suizid, die Sinnlosigkeit seines dahin Lamentierens stürzt ihn immer tiefer in die Depression, und auch sein Herzleiden lässt ihn physisch und psychisch immer schwächer werden. Aber die Sorge um Eva überwiegt; er kann sie nicht allein zurücklassen, sie wäre finanziell ruiniert, würde seinen Tod nicht verkraften können."Einen halben Tag lang meinte ich, nun müsste der Mut zum Selbstmord aufgebracht werden. Dann kam wieder das alte Zustand: Stumpfheit, Wartenwollen (...)" (02.10.1938)
Mit dem Hausbau haben Klemperers ihren Lebensabend in Dölzschen besiegelt, in dem kleinen Dorf eine Heimat gefunden. Nun zwingt sie die völlige Perspektivlosigkeit in Deutschland zu ernsthaften Überlegungen, ins Ausland zu emigrieren."Seitdem peinigt uns beide unablässig die Frage: Gehen oder Bleiben? Zu früh gehen, zu lange bleiben? Wir bemühen uns immerfort, die subjektiven Gefühle des Ekels, des verletzten Stolzes, alles stimmungshafte auszuscheiden, und nur die Konkreta der Situation abzuwägen." (27.11.1938)
Außerdem verbietet ein neues Judengesetz das Autofahren; für Victor und Eva bedeutet das die völlige Gefangenschaft in der Enge der Ausweglosigkeit, hatten ihnen die Fahrten in ihrem Wagen doch immer wieder Ausflüchte aus dem eintönigen und erdrückenden Alltag ermöglicht. Auch wurde Klemperer ein absolutes Bilbliothekenverbot auferlegt, seine Schreibarbeit steht somit dem sicheren Ende bevor. Die Lage ist düsterer denn je, ihr Leben in Deutschland ist nur noch eine Frage der Zeit. Aber ist es nicht schon zu spät für ein neue Existenz im Ausland...?
Er versucht, nicht über die Sinnhaftigkeit seines Daseins und Arbeitens nachzudenken.
Ein naher Bekannter nimmt sich unterdessen das Leben.
Allerdings empfängt Klemperer die Hiobsbotschaften, auch von Fahr- und Bibliotheksverbot, mit erschreckender Emotionslosigkeit und Resignation. Die Hoffnung auf die weitere Entwicklung der Ereignisse und das Ende des Nazi-Regimes lassen ihn auf eine positive Wendung vertrauen.
"Judengesetze":
02.07.37: Auslandspässe nur noch in Sozialfällen
26.04.38: Abgabe des Vermögens
30.04.38: jüdische Ärzte sind nur noch "Krankenbehandler"
12.11.38: Verbot des Betreibens von Geschäften & Handwerksbetrieben, Verbot von Theater-, Kino, Ausstellung-, Konzertbesuchen
15.11.38: jüdische Kinder werden aus Schulen entfernt
23.11.38; jüdische Betriebe werden aufgelöst
28.11.38: Ausgangssperre & Wegbeschränkungen
03.12.38 Führerscheinentzug; Ablieferung von Schmuck & Wertpapieren
08.12-38: Verbot des Studiums an Universitäten
30.04.39 Wegfall des Mieterschutzes
01.09.39: Ausgangssperre ab 21.00
23.09.39: Abgabe von Rundfunkgeräten
Hier geht es zur Vorstellung der Tagebücher 1940 - 1941
Mit besonderem Dank an Moppi Moopenheimer!
"Überall diese abscheuliche Hoffnungslosigkeit. Und ich glaube, bei den ausländischen Regierungen auch. Sie zittern alle, sie halten Hitler für unbesieglich - und deshalb ist er unbesieglich." (09.04.1939)Die Notwendigkeit der Emigration, der Druck, Deutschland schnellstmöglich zu verlassen bevor der Radikalismus und Fatalismus sie unter sich begräbt, dazu die unbändige Machtdemonstration und Kriegsbereitschaft der Nationalsozialisten bereitet Eva und Victor große Sorgen und gesundheitliche Probleme. Doch es scheint, als gebe es auch im Ausland keine Möglichkeit auf eine bessere Zukunft, sie sind zu Abwarten und Arrangieren gezwungen. Unterdessen werden die Lebensmittel immer knapper, auch Lebensmittelkarten können die Versorgung nicht sichern. Klemperers befürchten, ihre Katze töten zu müssen, da das Fleisch für ihre Ernährung nicht mehr ausreicht.
"Wenn die Tür des Schlachthauses hinter unsereinem geschlossen ist, dann sind wir der übrigen Herde draußen gleichgültig. Hier liegt es umgekehrt: Wenn einer aus dem Schlachthaus heraus ist, dann fragt er nicht mehr nach denen drin." (03.05.1939)Immer weniger Briefe von Freunden und Bekannten erreichen Klemperers, sie fühlen sich zunehmend einsam und zurückgelassen.
"Ich weiß nicht, ob die Zeit stillsteht oder fortschreited. Manchmal, eigentlich täglich, scheint es mir, diesmal renne er in sein Verderben." (07.06.1939)Der Krieg steht kurz bevor, die Meinungen im Volk über Zeitpunkt, Anlass und Gegner gehen weit auseinander, niemand weiß so recht, welcher Theorie er Glauben schenken soll. Inmitten des politischen Wirrwars und der Radikalität der Judengesetze lebt Klemperer ohne jede Perspektive oder Hoffnung auf eine Zukunft dahin. Auch seinen Namen hat man ihm inzwischen genommen, er heißt jetzt Victor-Israel, um ihn in seiner jüdische Abstammung kenntlich zu machen.
Er versucht, nicht über die Sinnhaftigkeit seines Daseins und Arbeitens nachzudenken.
"Absolutes Stillschweigen aller Angehörigen und Bekannten. Absolute Isolation." (20.06.1939)Für ihre arischen Bekannten wird es zunehmend gefährlicher, den Kontakt zu Victor und auch Eva als arische Frau eines Juden zu halten. Jeder muss in diesen Tagen um das eigene Überleben sichern.
Ein naher Bekannter nimmt sich unterdessen das Leben.
"Alles in allem: Nachrichten und Maßnahmen ernst, Volksstimmung absolut siegesgemäß, zehntausendmal überheblicher als 14.Dies gibt entweder einen überwältigenden, fast kampflosen Sieg, und England und France sind kastrierte Kleinstaaten, oder aber eine Katastrophe, zehntausendmal schlimmer als 1918. Und wir mitteninne, hilflos und wahrscheinlich in beiden Fällen verloren...Und doch zwingen wir uns, und es gelingt auch auf Stunden, unseren Alltag weiterzuleben: vorlesen, essen (so gut es geht), schreiben, Garten. Aber im Hinlegen denke ich: Ob sie mich diese Nacht holen? Werde ich erschossen, komme ich ins Konzentrationslager? Das Warten im friedlichen, ganz weltabgeschiedenen Dölzschen ist besonders schlimm. Man achtet auf jeden Laut, auf jede Miene, auf alles. Man erfährt nichts. Man wartet auf die Zeitung und liest nichts heraus. Im Augenblick neige ich doch zu der Meinung, der Krieg mit den Großmächten kommt." (03.09.1939)Die politischen Ereignisse überschlagen sich im September '39, der 2.Weltkrieg beginnt. Klemperers wird angekündigt, ihr Haus bis zum April zu räumen. Ihr kleines Stückchen Zuversicht und Beständigkeit, für dessen Bau sie mit unbändigem Willen gekämpft haben, wird ihnen unter den Füßen weggerissen.
Allerdings empfängt Klemperer die Hiobsbotschaften, auch von Fahr- und Bibliotheksverbot, mit erschreckender Emotionslosigkeit und Resignation. Die Hoffnung auf die weitere Entwicklung der Ereignisse und das Ende des Nazi-Regimes lassen ihn auf eine positive Wendung vertrauen.
"Trotzdem ist diese Weihnacht nicht so trostlos wie die vorherige. Damals war Friede, der Westen schien endgiltig kapituliert zu haben, Hitler für unabsehbare Zeit gesichert zu sein. Und jetzt ist die Entscheidung im Gange und muss gegen Hitler fallen. Bleibt für uns nur noch die Frage des Wann. (24.12.1939) Wir sind diese Weihnacht und dieses Silvester entschieden in böserer Lager als voriges Jahr, die Fortnahme des Hauses droht. Trotzdem ist mir wohler zumut als damals; es herrscht jetzt Bewegung, und damals stagnierte alles. Ich bin jetzt überzeugt, dass der Nationalsozialismus im kommenden Jahr zusammenbricht. Vielleicht werfe ich dabei zugrunde gehen -er aber wird bestimmt enden, und mit ihm, so oder so, der Schrecken. Ob wir freilich das Haus und den Kater retten? (...) Die Pogrome im November 1938 haben, glaube ich, weniger Eindruck auf das Volk gemacht als der Abstrich der Tafel Schokolade zu Weihnachten." (31.12.1939)
"Judengesetze":
02.07.37: Auslandspässe nur noch in Sozialfällen
26.04.38: Abgabe des Vermögens
30.04.38: jüdische Ärzte sind nur noch "Krankenbehandler"
12.11.38: Verbot des Betreibens von Geschäften & Handwerksbetrieben, Verbot von Theater-, Kino, Ausstellung-, Konzertbesuchen
15.11.38: jüdische Kinder werden aus Schulen entfernt
23.11.38; jüdische Betriebe werden aufgelöst
28.11.38: Ausgangssperre & Wegbeschränkungen
03.12.38 Führerscheinentzug; Ablieferung von Schmuck & Wertpapieren
08.12-38: Verbot des Studiums an Universitäten
30.04.39 Wegfall des Mieterschutzes
01.09.39: Ausgangssperre ab 21.00
23.09.39: Abgabe von Rundfunkgeräten
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Mit besonderem Dank an Moppi Moopenheimer!
Sonntag, 22. Februar 2015
Tagebücher des Victor Klemperer 1935-1936
"Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten"
"Der eine Hörer im Französischen, die zwei Hörerinnen im Italienischen, die entsetzliche Geldnot und Unsicherheit, die steten Herzbeschwerden (...) die ewigen rheumatischen und Augenbeschwerden, das Kriechen meines 18. Jahrhunderts - jetzt bei Lesage - nichts ändert sich." (17.04.35)
Es ist ein Wechselbad der Gefühle - tagesformabhängig. Es gibt Tage, an denen es Eva und Victor gesundheitlich besser geht, und sie unbeschwerte Abende mit Freunden verbringen können; Aber die Tage, an denen sie Sorge und Krankheit zu erdrücken scheinen überwiegen. Finanziell handeln sie, als gebe es den nächsten Monat nicht, aber in diesen Tagen sind sie sich einer Zukunft tatsächlich nicht sicher.
Klemperer konzentriert sich voll und ganz auf die Fertigstellung seines Buches über das 18.Jahrhundert, obwohl er weiß dass eine Publikation ins Deutschland so gut wie unmöglich ist. Trotzdem versucht er seine Probleme auszublenden, sich dem Schreiben hinzugeben.
Innere Zerrissenheit: Klemperer fühlt sich seinen jüdischen Leidensgenossen nicht zugehörig, wird ihnen aber von den Nationalsozialisten gemäß des Rassengesetzes zugeordnet. Mit den Freunden und deren politischen Gesinnungen gerät er zunehmend aneinander, vereinsamt regelrecht. Der Freundeskreis schrumpft bedrohlich, Eva und Victor bleiben allein zurück.
Die Judenhetze wird immer radikaler, brutaler und ist omnipräsent. Überall sind Juden Anfeindungen ausgesetzt, in der Presse und im Ausland stellt sich Deutschland als friedvolles Geberland dar.
Klemperer investiert seine Energie und Kraft in die Fertigstellung seines Buches, obwohl er immernoch keine Hoffnung auf Veröffentlichung sieht - weder in Deutschland noch im Ausland. Oft zweifelt er an der Qualität seiner Erzeugnisse, zweifelt an der Sinnhaftigkeit seines Wirkens. Trotzdem schreibt er weiter, will seine Wissenschaft nicht einfach aufgeben - auch nicht in diesen aussichtslosen Zeiten.
Evas gesundheitliche Probleme setzten Klemperer zu, ihr geht es zunehmend schlechter. Nur das Gärtnern und die Tiere helfen ihr, die schwere Situation für eine Weile zu vergessen. Als die Katze jedoch letztendlich stirbt, droht Eva ihren Lebensmut ganz zu verlieren.
Da Jahr 1935 geht zu Ende - was hat es gebracht? Nach seiner Entlassung im Mai quälten Klemperer die Sorgen um sein Pensionierungsgehalt. Auf die Ernüchterung der Anwendung des "Überflüssigkeitsparagraphen", der ihm nur die Hälfte seines früheren Einkommens zugesteht, folgten mehrere finanzielle Engpässe. Der Hausanbau und das Auto forderten immer wieder ungeahnte Summen. Aber der Garten und die Fahrten lenkten besonders Eva von der Verzweiflung des Alltages und der der Ausweglosigkeit des Lebens ab. Aber auch der Führerschein und das Fahren haben ihm schwer zugesetzt und an seinen Nerven gezehrt.
Sein Buch ist fertig geschrieben - ohne Hoffnung auf Interesse von Verlagen. Immer mehr Freunde und Bekannte setzten sich ins Ausland ab, Klemperers aber bleiben in Deutschland - längst fühlen sie sich nicht mehr zu Hause, Judenhass und Hetzparolen bedrängen die Juden immer mehr, auch er verzweifelt an der Wendung, die das neue Deutschland nimmt. Trotzdem planen die Klemperers eine Investition in die Zukunft: Ein eigenes Auto und ein Führerschein soll ihnen ein Stück Welt und Hoffnung zurückgeben...
Was die Zukunft des Dritten Reiches betrifft, so gehen die Meinungen der Freunde und Bekannten der Klemperers auseinander. Viele emigrieren, weil sie nicht an ein absehbares Ende des Hitler-Regimes festhalten. Aber der Glaube an eine positive Wendung und einen Putsch gegen Hitler lassen die Menschen bleiben. Doch der weit verbreitete Glaube, nach Hitler komme der noch üblere Kommunismus, lässt viele am Hitler-Regime festhalten.
"Judengesetze":
15.09.35 Nürnberger Gesetze: Verbot von Mischehen; Verbot von Anstellung jüdischer Hausangestellten unter 45 Jahren
30.09.35: Beurlaubung jüdischer Beamten
07.03.36: Kein Reichstagswahlrecht
Die Nazis gewinnen bedrohlich viel Macht, die Judengesetzte und öffentliche Diskriminierung von Nichtariern wird immer stärker; besonders als im Sommer 1936 die Olympischen Spiele in Berlin zu Ende gehen, und das internationale Interesse abflacht. Der Freundeskreis der Klemperers verkleinert sich, einige Bekannte emigrieren ins Ausland, andere sind ihnen mit ihren politischen Gesinnungen fremd geworden. Die Entlassung Klemperers aus seinem Dienst an der Universität und die schwindende Hoffnung auf Publikationsmöglichkeiten seiner Bücher lassen die Angst vor der Zukunft und die finanzielle Not stetig wachsen. Trotzdem gedeiht ihr kleines Haus und der Garten weiter, es bleibt ein Symbol der Hoffnung auf eine Zukunft, und auch ein Auto soll ihnen ein wenig Unabhängigkeit und Freude wiedergeben; allerdings kommen immer mehr Probleme auf sie zu...
"Der eine Hörer im Französischen, die zwei Hörerinnen im Italienischen, die entsetzliche Geldnot und Unsicherheit, die steten Herzbeschwerden (...) die ewigen rheumatischen und Augenbeschwerden, das Kriechen meines 18. Jahrhunderts - jetzt bei Lesage - nichts ändert sich." (17.04.35)
In der Universität bleiben die Studenten fast gänzlich weg, kurze Zeit später wird er entlassen. Ohne sein volles Gehalt als Professor weiß er nicht über die Runden zu kommen. Die Verzweiflung ist allgegenwärtig, schwere gesundheitliche Probleme und das schleppende Vorankommen beim Schreiben, dazu die immer brutaler und verlogener herrschenden Nationalsozialisten setzten ihm und Eva zu.
"Ich arbeite langsam am 18.Jahrhundert, lese vor, lebe wie sonst, aber anfallweise, morgens vor allem, bei ausbleibender Post, packt mich die grässliche Angst. was wird? Wie sollen wir leben, dies Haus festhalten? Wie soll ich bei Evas Zustand Ersparnisse machen? Eva pflanzt, gärtnert, ich kaufe neue Gewächse, die Katzen brauchen jeden Tag ein halben Pfund Kalbfleisch, Preis 120 - 140, Schulden bei Prätorius, meine Hemden, Strümpfe, Stiefel, mein Anzug, zu Ende - es ist wahrhaftig die nackte Misere, wenn mein jetzt schon knappes Einkommen halbiert wird." (15.05.35)
Klemperer steht am Rande des Abgrunds aber baut weiter an seinem Eigenheim, als gebe es kein Morgen. Er kann und will sich und Eva nicht auch noch den letzten Lebensmut nehmen, und investiert sein Geld in den Hausbau, das er eigentlich für Schuldentilgung und sie Sicherung seiner Existenz ausgeben sollte. Die Angst um sein Gehalt nach der Pensionierung lassen ihn jeden Tag zitternd zum Briefkasten gehen. Ringsherum blüht ihr neuer Garten auf.
"Schön gesagt. Aber wie soll ich auf Geratewohl hinaus? Und womit soll ich draußen "ein wenig verdienen"? Er kennt meine Lage nicht." (30.05.35)
Viele Freunde der Klemperers emigrieren ins Ausland, fliehen vor dem Naziterror in ein besseres Leben. Oft hören sie von Erfolgsgeschichten, von Neuanfängen, nur sie selbst sind an Deutschland gefesselt, und vereinsamen zunehmend. Klemperer sieht keine Chance in einer Zukunft im Ausland, Geisteswissenschaftler werden auch dort nicht mehr gebraucht. In Deutschland ist das eigenständige Denken längst nicht mehr erwünscht.
"Der Vertrag mit Prätorius zum Ausbau der beiden Veranden ist auf 1300 M abgeschlossen - alles, als wenn wir in gesicherter Lage wären. Manchmal ist mir dabei so furchtbar ums Herz, manchmal bin ich ganz ruhig, So ist wenigstens Eva annähernd zufrieden, und verkehrt könnt' ich's auf diese und auf jene Weise machen." (30.06.35)
Es ist ein Wechselbad der Gefühle - tagesformabhängig. Es gibt Tage, an denen es Eva und Victor gesundheitlich besser geht, und sie unbeschwerte Abende mit Freunden verbringen können; Aber die Tage, an denen sie Sorge und Krankheit zu erdrücken scheinen überwiegen. Finanziell handeln sie, als gebe es den nächsten Monat nicht, aber in diesen Tagen sind sie sich einer Zukunft tatsächlich nicht sicher.
"Ich muss mich an das Buch klammern, denn die Sorgen wachsen so, dass ich schon gar nicht mehr an sie denken darf und kann; es ist wie im Unterstand: Denkt man immerfort an den nächsten Einschlag, so wird man verrückt. " (21.07.35)
Klemperer konzentriert sich voll und ganz auf die Fertigstellung seines Buches über das 18.Jahrhundert, obwohl er weiß dass eine Publikation ins Deutschland so gut wie unmöglich ist. Trotzdem versucht er seine Probleme auszublenden, sich dem Schreiben hinzugeben.
"Wohin gehöre ich? Zum "jüdischen Volk", dekretiert Hitler. Und ich empfinde das von Isakowitz anerkannte jüdische Volk als Komödie und bin nichts als Deutscher und Europäer." (05.10.35)
"Mein Buch frisst mich auf und hält mich am Leben und im Gleichgewicht. Segen der Schreibmaschine. (...) ich habe nun doch wieder nach monatelanger Pause eine Zeitung abonniert. Mir wird beim Lesen jedes Mal übel, aber die Spannung ist jetzt zu groß, man muss wenigstens wissen was gelogen wird." (05.10.1935)
Die Judenhetze wird immer radikaler, brutaler und ist omnipräsent. Überall sind Juden Anfeindungen ausgesetzt, in der Presse und im Ausland stellt sich Deutschland als friedvolles Geberland dar.
"Könnte ich nicht durch die Maschine mir gewissermaßen den Druck ersetzen, das völlige Loslösen und Objektivieren, dazu mir die Hoffnung geben, dass dieser ganz fertige und lesbare Text auch ohne mich und nach mir publiziert werden kann - ich glaube, so ertrüge ich diese Zeit nicht, brächte jedenfalls nicht die Konzentration zum schreiben auf. In der Meinung über den Wert und die Originalität meiner Arbeit schwanke ich täglich mehrmals zwischen völligem Bejahen und völligem Verneinen. Die Herzbeschwerden werden immer intensiver, kein Tag an dem ich den Tod nicht vor Augen habe."
Klemperer investiert seine Energie und Kraft in die Fertigstellung seines Buches, obwohl er immernoch keine Hoffnung auf Veröffentlichung sieht - weder in Deutschland noch im Ausland. Oft zweifelt er an der Qualität seiner Erzeugnisse, zweifelt an der Sinnhaftigkeit seines Wirkens. Trotzdem schreibt er weiter, will seine Wissenschaft nicht einfach aufgeben - auch nicht in diesen aussichtslosen Zeiten.
"Wir sind in tragikomisch hohem Grad von unseren Katzen abhängig. Sooft Nickelchen leidend ist, verfällt Eva geradezu in Depressionen. Der Tierarzt hat für eine Weile geholfen; jetzt geht es dem Tier und Eva wieder schlecht." (19.11.1935)
"Nie ist die Spannung zwischen menschlicher Macht und Ohnmacht, menschlichem Wissen und menschlicher Dummheit so überwältigend groß gewesen wie jetzt Radio, Führer - und der Stürmer und Reichskanzler, die Rassengesetze, der "Stürmer" usw." (02.12.1935)
Da Jahr 1935 geht zu Ende - was hat es gebracht? Nach seiner Entlassung im Mai quälten Klemperer die Sorgen um sein Pensionierungsgehalt. Auf die Ernüchterung der Anwendung des "Überflüssigkeitsparagraphen", der ihm nur die Hälfte seines früheren Einkommens zugesteht, folgten mehrere finanzielle Engpässe. Der Hausanbau und das Auto forderten immer wieder ungeahnte Summen. Aber der Garten und die Fahrten lenkten besonders Eva von der Verzweiflung des Alltages und der der Ausweglosigkeit des Lebens ab. Aber auch der Führerschein und das Fahren haben ihm schwer zugesetzt und an seinen Nerven gezehrt.
Sein Buch ist fertig geschrieben - ohne Hoffnung auf Interesse von Verlagen. Immer mehr Freunde und Bekannte setzten sich ins Ausland ab, Klemperers aber bleiben in Deutschland - längst fühlen sie sich nicht mehr zu Hause, Judenhass und Hetzparolen bedrängen die Juden immer mehr, auch er verzweifelt an der Wendung, die das neue Deutschland nimmt. Trotzdem planen die Klemperers eine Investition in die Zukunft: Ein eigenes Auto und ein Führerschein soll ihnen ein Stück Welt und Hoffnung zurückgeben...
"Das Auto frisst mich auf, Herz, Nerven, Zeit, Geld. es ist nicht sosehr mein kümmerliches Fahren und die gelegentliche Aufregung dabei, nicht einmal die Mühe der Ein- und Ausfahrt, aber der Wagen ist nie in Ordnung, etwas versagt immer(...)"
Das Auto bereitet Klemperers nur Probleme und Sorgen. Er ist sich im Fahren sehr unsicher, immer wieder rammt er das Gartentor, oder vermeidet nur knapp einen Unfall. Auch ist der "Bock" ständig kaputt, die Reparaturen kann er sich finanziell eigentlich nicht leisten. Aber trotz allem ermöglicht der Wagen ihm und Eva immer wieder einen Ausbruch aus dem trostlosen Alltag, ein paar schöne Stunden ohne die Sorge um die eigene Existenz. Auf der einen Seite erdrücken ihn Geldnot und Angst, auf der anderen ist der Freiraum, der das Auto bietet für ihn unbezahlbar,
Vielleicht tritt doch irgendeine Wendung ein; und wenn nicht, dann gehen wir eben zu Grunde. Wir sind beide 54 und haben ein ganz inhaltsreiches Leben gehabt - ob es ein bisschen früher oder später endet, ist schließlich einerlei, wie viele Menschen kommen schon über die Fünfzig. Und Lächerlichkeit oder Schande? das sind doch Begriffe vergangener Zeit. Wir waren angesehene Leute. Was sind wir jetzt? Und was werden wir in zwei Monaten sein (...)? (16.07.1936)
"Wir sind eigentlich völlig proletarisiert, wesentlich proletarisierter als Gust - aber wir fühlen uns nicht als Proletarier und bewahren uns die Freiheit des Denkens." (18.07.1936)
Der Tagesablauf der Klemperers ist eintönig und gleich, Krankheit und Ermüdung quält beide. Dazu die finanziellen Sorgen, oftmals weiß Klemperer nicht einmal, wie er die nächste Arztrechnung zahlen soll. Sein Tagebuch ist sein Ausweg aus der Einengung. Er kann seine Gedanken frei aufschreiben, in diesen Tagen kann er niemandem mehr richtig vertrauen. Es ist ein großer Gegensatz zu seinem alten Leben als wohlhabender und geschätzter Professor, der ein sorgloses Leben führen konnte.
"Judengesetze":
15.09.35 Nürnberger Gesetze: Verbot von Mischehen; Verbot von Anstellung jüdischer Hausangestellten unter 45 Jahren
30.09.35: Beurlaubung jüdischer Beamten
07.03.36: Kein Reichstagswahlrecht
Freitag, 30. Januar 2015
Tagebücher des Victor Klemperer 1933-1934
"Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten"
Die Tagebücher des Victor Klemperer von 1933 bis 1949 stellen eines der umfangreichsten und wertvollsten Überlieferungen aus der Nazi-Zeit dar.
Victor Klemperer ist gebürtiger Jude, aber längst zum Protestantismus konvertiert als Hitler in Deutschland an die Macht kommt. Er ist studierter Romanist, Philologe und Germanist und lehrt an verschiedenen Universitäten. Seine Tagebuchaufzeichnungen spiegeln die Stimmung und die Denkweise der Unterdrückten unter dem NS-Regime wieder, die Hoffnungs- und Ausweglosigkeit und die Ungewissheit und Angst vor der drohenden Gefahr.
Im Folgenden werde ich alle Tagebuchbände vorstellen, und bin gespant auf die Reise, auf der ich Victor Klemperer begleiten werde. Ich erhoffe mir, einen sehr privaten Eindruck von der Situation der Unterdrückten im Dritten Reich zu erhalten, und das Leid und die Angst an seinem persönlichen Schicksal nachzuvollziehen.
Ich habe die Bücher freundlicherweise von einem netten Blogger zur Verfügung gestellt bekommen. Er betreibt ein Online-Museum und einen Reiseblog, ein Besuch lohnt sich!
Es ist die Ungewissheit, die ihn zermürbt, die ungewisse Zukunft. Hat er als Jude überhaupt eine Perspektive im NS-Regime? Er beginnt sein Leben nicht mehr über längere Zeit zu planen; wagt es nicht, vorauszuschauen.
Es ist die unerbittliche Hoffnung auf eine Besserung seiner Situation, auf einen baldigen Zusammensturz der Regierung, die ihn am Leben hält. Klemperer veröffentlicht wissenschaftliche Artikel und Rezensionen in Fachzeitschriften und schreibt Bücher. Allerdings wird es immer schwieriger für ihn, seine Werke zu publizieren, die Verleger distanzieren sich von ihm. Die Zahl der Studierenden in seinen Vorlesungen und Seminaren an der Universität nimmt immer weiter ab, oft sind es nur noch eine Handvoll Studenten. Eine drohende "vorzeitigen Pensionierung" würde seinen finanziellen Ruin bedeuten.
An eine faire Wahl glaubt im November 1933 niemand mehr. Klemperer sieht sich in einem Zwiespalt; er will Hitler auf keinen Fall unterstützen, weiß aber gleichzeitig, dass er mit einer Gegenstimme nichts bewirken, und unter Umständen Probleme bekommen könnte. Das Wahlgeheimnis hat in Tagen wie diesen seine Bedeutung verloren.
Das Jahr 1934 hat Klemperer gezeichnet. Die vielen Sorgen um seine Existenz, die unsichere Zukunft, die Entwicklung Deutschlands unter den Nationalsozialisten, die sein Leben komplett verändert hat. Sein Hoffnungsschimmer ist das Haus, der Bau hat stark an seinen Nerven gezerrt, auch wenn das Häuschen nur halb so groß geworden ist, wie anfangs geplant. Das Veröffentlichen seiner Rezensionen und Bücher bereitete ihm ebenfalls Kummer, oft konnte er nicht einmal mehr schreiben. Er ahnt bereits, dass auch 1935 keine Besserung seiner Situation bringen wird, und blickt ein weiteres Mal angstvoll und müde in ein unheilvolles neues Jahr.
Victor Klemperer vor der Machtergreifung Hitlers war ein intelligenter, nachdenklicher, offener und bodenständiger Mann. Im Laufe der beiden durch die Nationalsozialisten geprägten Jahre wird aus seiner Intelligenz Einschränkung, das Nachdenken stürzt ihn in eine ständigen Melancholie, und seine Offenheit unterliegt der strengen Zensur der nationalsozialistischen Ordnung; der Boden unter seinen Füßen wurde kurzerhand weggerissen.
"Judengesetze":
01.04.33: eintägiger Boykott jüdischer Geschäfte
07.04.33: Entlassung nicht arischer Beamten
06.09.33: Verbot von Verkauf jüdischer Zeitungen
15.09.33 Nürnberger Gesetze: Verbot von Mischehen; Verbot von Anstellung jüdischer Hausangestellten unter 45 Jahren
Hier geht es zur Vorstellung der Tagebücher 1940 -1941
Mit besonderem Dank an Moppi Moopenheimer!
Die Tagebücher des Victor Klemperer von 1933 bis 1949 stellen eines der umfangreichsten und wertvollsten Überlieferungen aus der Nazi-Zeit dar.
Victor Klemperer ist gebürtiger Jude, aber längst zum Protestantismus konvertiert als Hitler in Deutschland an die Macht kommt. Er ist studierter Romanist, Philologe und Germanist und lehrt an verschiedenen Universitäten. Seine Tagebuchaufzeichnungen spiegeln die Stimmung und die Denkweise der Unterdrückten unter dem NS-Regime wieder, die Hoffnungs- und Ausweglosigkeit und die Ungewissheit und Angst vor der drohenden Gefahr.
Im Folgenden werde ich alle Tagebuchbände vorstellen, und bin gespant auf die Reise, auf der ich Victor Klemperer begleiten werde. Ich erhoffe mir, einen sehr privaten Eindruck von der Situation der Unterdrückten im Dritten Reich zu erhalten, und das Leid und die Angst an seinem persönlichen Schicksal nachzuvollziehen.
Ich habe die Bücher freundlicherweise von einem netten Blogger zur Verfügung gestellt bekommen. Er betreibt ein Online-Museum und einen Reiseblog, ein Besuch lohnt sich!
Tagebuch 1933 -1934
"Ich habe den bestimmten Eindruck, dass die Katastrophe nicht mehr lange ausbleiben kann." (30.04.1933)Am 30.Januar gewinnt Hitler die Wahl zum Reichskanzler. Bald darauf folgen die ersten Bestimmungen gegen Juden und Nichtarier. Klemperer ahnt bereits, dass das Schicksal Deutschlands unter den Nationalsozialisten keine gute Wendung nehmen wird.
Es ist die Ungewissheit, die ihn zermürbt, die ungewisse Zukunft. Hat er als Jude überhaupt eine Perspektive im NS-Regime? Er beginnt sein Leben nicht mehr über längere Zeit zu planen; wagt es nicht, vorauszuschauen.
"Manchmal verliere ich allen Mut, und glaube, dies Regime werde doch halten und mich überleben." (19.06.1933)
"Eva ist immerfort leidend und schwer deprimiert ; ich selber quäle mich ständig mit Herz- und Angstbeschwerden, mit Todesgedanken." (6.09.1933)Seiner Frau Eva und ihm geht es psychisch und physisch immer schlechter. Die ständigen Sorgen um die Zukunft, massive Geldprobleme und körperliche Beschwerden stürzen sie in eine tiefe Depression. Klemperer ist überfordert mit seiner Situation, neben dem Schreiben und seinem Beruf als Professor kümmert er sich um den Haushalt und seine kranke Frau. Er muss dabei zusehen, wie Eva seelisch immer weiter zerfällt. Längst wagt er nicht mehr über mehrere Tage hinaus zu denken, gibt eine Zukunft innerlich auf. Er ist zudem in einen zermürbenden Gerichtsprozess verwickelt, jeden Tag beginnt er in ängstlicher Erwartung, denn eine Niederlage in dem Verfahren wäre eine Katastrophe für ihn.
"Der Nationalsozialismus, sagt sie, genauer: das Verhalten der Juden zu ihm, mache sie antisemitisch." (9.10.1933)Klemperer und seine Frau pflegen den Kontakt zu ihren Freuden und Bekannten mit regelmäßigen Abendessen und Treffen gerne. Die Politik und die aktuellen Geschehnisse bestimmen die Gespräche. Schnell stellt sich dabei heraus, wo die eigene Meinung offen ausgesprochen werden darf und welche politischen Positionen vertreten werden. Einige der Bekannten sind bereits aus Deutschland geflohen, viele arrangieren sich mit den Bedingungen in Nazi-Deutschland. Letzteres kritisiert Klemperer stark, die Juden fügten sich widerstandslos der Tyrannei.
"An die Bewahrung des Wahlgeheimnisses glaubt niemand, an das richtige Stimmenzählen glaubt auch niemand; wozu also Märtyrer sein? Andererseits: dieser Regierung ja sagen? Es ist unausdenkbar ekelhaft." (2.11.1933)
An eine faire Wahl glaubt im November 1933 niemand mehr. Klemperer sieht sich in einem Zwiespalt; er will Hitler auf keinen Fall unterstützen, weiß aber gleichzeitig, dass er mit einer Gegenstimme nichts bewirken, und unter Umständen Probleme bekommen könnte. Das Wahlgeheimnis hat in Tagen wie diesen seine Bedeutung verloren.
"Ich bin schon zufrieden wenn ein Tag ohne schwere Depression Evas vorübergeht und ohne Prozess- oder Hochschulärger. Ich bin allmählich Meister darin geworden, alle Sorgen zu unterdrücken, mich "stur" (Hitlers Lieblingswort) in die Arbeit, in irgendwelche, zu stürzten." (22.11.1933)Der Prozessausgang bereitet Klemperer große Sorgen. In der Hochschule bleiben ihm die Studenten aus, und er rechnet mit einer Absetzung. Eva geht es unterdessen schlechter. Das Haus kann nicht vor der eisigen Kälte des Winters schützen. Sie planen im nächsten Jahr ein eigenes neues im Nachbarort zu bauen, doch Klemperers finanzielle Lage lässt keine größere Unternehmung zu. Die Arbeit an seinen Büchern geht nur schleppend vorwärts, zu oft ist den ganzen Tag über beschäftigt.
"Ereignisse des Jahres: das politische Unglück seit dem 30.Januar, das uns immer persönlich immer härter in Mitleidenschaft zog. Evas sehr schlechter Gesundheits- und -Gemütszustand. Der verzweifelte Kampf um das Haus. der Fortfall aller Publikationsmöglichkeit. die Vereinsamung. (31.12.1933)Das Jahr 1933 hat Klemperers Leben verändert. Plötzlich ist er in seiner Heimat, in der Antisemiten und Rassisten regieren, als Jüdisch stämmiger und Schriftsteller nicht mehr willkommen. Evas tiefe Depression , die zusätzliche Arbeit und die Sorge um seine Frau lassen ihn Hoffnung und Mut verlieren.
"Der Ekel und die Müdigkeit würgen mich oft derart, dass nur noch der Ekel vor dem Grabe die Wage hält." (7.11.1934)Der Bau des kleinen Hauses im Nachbarort ist Evas großer Wunsch, die Hoffnung auf ein besseres Leben hält sie am leben. Sie beschäftigt sich gerne mit der Planung und Gestaltung des Gartens, und geht in ihrer neuen Rolle voll auf. Victor Klemperer hingegen ist oft verzweifelt, denn er weiß nicht, wie er das Geld für die Handwerker aufbringen soll. Er bekommt keine Kredite mehr gewährt, findet nur mit Mühe und Not einen rettenden Geldgeber. Es ist die Evas Freude an dem Bau, und die Besserung ihres Gesundheitszustandes, die ihn das Haus errichten lassen. Um sie herum droht alles zu zerbrechen, nur sie bauen sich ihr kleines Glück auf, eine Insel der Hoffnung entsteht.
"Keiner fühlt sich irgendeiner Meinung sicher. Meinungen auszutauschen hat jeder verlangen, weil aus Zeitungen gar nichts mehr entnommen werden kann. Am widerlichsten ist mir der spezifisch jüdische Pessimismus mit seiner angenehmen Gefasstheit. Gettogesinnung neu erwacht. (...)
Was hat mir nun 1934 gebracht? Das Häuschen mit vieler Freude und vielen Sorgen- Evas im ganzen gehobene Stimmung. - das stärkere Gefühl der eigenen Todesnähe, des schweren Gealtertseins. Die ersten 72 Seiten meines achtzehntes Jahrhunderts, vorher die Dilillestudie . - Den unsäglichen Druck und Ekel des fortdauernden Hakenkreuzregimes." (30.12.1934)Die Treffen mit den Bekannten werden immer weniger, längst muss er genau abwägen, wen er zu seinen Vertrauten zählt. Oft werden aus den Gesprächen Diskussionen über die neue Politik, und was sie aus der Gesellschaft macht. Klemperer beschreibt in seinen Tagebucheinträgen einige Schicksalsgeschichten seiner Bekannten; es sind Erzählungen über Emigration und Flucht und gleichzeitig Aufstiegs- und Erfolgsgeschichten im Hitler-Reich der neuen Möglichkeiten.
Das Jahr 1934 hat Klemperer gezeichnet. Die vielen Sorgen um seine Existenz, die unsichere Zukunft, die Entwicklung Deutschlands unter den Nationalsozialisten, die sein Leben komplett verändert hat. Sein Hoffnungsschimmer ist das Haus, der Bau hat stark an seinen Nerven gezerrt, auch wenn das Häuschen nur halb so groß geworden ist, wie anfangs geplant. Das Veröffentlichen seiner Rezensionen und Bücher bereitete ihm ebenfalls Kummer, oft konnte er nicht einmal mehr schreiben. Er ahnt bereits, dass auch 1935 keine Besserung seiner Situation bringen wird, und blickt ein weiteres Mal angstvoll und müde in ein unheilvolles neues Jahr.
Victor Klemperer vor der Machtergreifung Hitlers war ein intelligenter, nachdenklicher, offener und bodenständiger Mann. Im Laufe der beiden durch die Nationalsozialisten geprägten Jahre wird aus seiner Intelligenz Einschränkung, das Nachdenken stürzt ihn in eine ständigen Melancholie, und seine Offenheit unterliegt der strengen Zensur der nationalsozialistischen Ordnung; der Boden unter seinen Füßen wurde kurzerhand weggerissen.
"Judengesetze":
01.04.33: eintägiger Boykott jüdischer Geschäfte
07.04.33: Entlassung nicht arischer Beamten
06.09.33: Verbot von Verkauf jüdischer Zeitungen
15.09.33 Nürnberger Gesetze: Verbot von Mischehen; Verbot von Anstellung jüdischer Hausangestellten unter 45 Jahren
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