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Sonntag, 11. Oktober 2015

Arnes Nachlass - Siegfried Lenz (Rezension & Filmkritik)

Rührende Tragödie - hinreichende filmische Umsetzung

  • Autor: Siegfried Lenz
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 1999
  • Seitenanzahl: 208
  • Preis: 8,90 Euro
  • ISBN: 978-3-423-12915-2

Über den Autor

Siegfried Lenz wurde 1926 in Ostpreußen geboren und wird zu den berühmtesten deutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit gezählt. Er lebte als freier Journalist in Hamburg bis er im Oktober 2014 starb. Er schreibe eine Vielzahl von Romanen und veröffentlichte Erzählungen; zu seinen berühmtesten Werken gehört die „Deutschstunde“, die in verschiedenen Sprachen übersetzt und verfilmt wurde.

Inhalt

Arne ist anders als die meisten Kinder in seinem Alter, er ist besonders. Nach dem Bankrott seiner Firma will sein Vater erst sich selbst und dann seine Familie töten, doch Arne kann auf sonderbare Weise überleben. Er lebt fortan bei einem befreundeten Ehepaar und dessen Kindern, Lars, Hans und Wiebke, an der Hamburger Elbe. In der Schule ist er zunächst ein Außenseiter, und auch Lars und Wiebke wollen sich nicht mit ihm abgeben, nur in Hans findet er einen Freund. Schnell erweist er sich als echtes Sprachtalent und Wunderkind, doch mit seiner ruhigen, wissbegierigen und rücksichtsvollen Art ist er seinen Altersgenossen weit voraus und überfordert sie in seiner Reife,Weitsicht und Moral. Sein größter Wunsch ist es, endlich seinen Platz in der Welt zu finden, dazuzugehören. Als er bei der Restauration eines alten Schiffes mitwirken darf, ist er mit vollem Eifer dabei, aber bei der Einweihung passiert ihm ein Missgeschick. Blind vor Zuneigung zu Wiebke, und benommen von dem Drang nach Bestätigung begeht er einen großen Fehler als er geplagt von seinen Schuldgefühlen auf eine folgenschwere Mutprobe eingeht.
In der Szenerie des Hamburger Hafens spielt sich die Tragödie um einen außergewöhnlichen Jungen ab, der verzweifelt um Anerkennung kämpft, und am Leben scheitert.

"Ach Arne, an diesem Abend brachte ich es anfangs nicht fertig, dein Hinterlassenschaften einfach einzusammeln und still wegzuräumen und für unbestimmte Zeit in die ewige Dämmerung des Bodens zu verbannen. Zuviel kam da herauf und bot sich an, jedes Ding bezeugte etwas, gab etwas preis, wie von selbst stiftete es dazu an, Vergangenheit zum Reden zu bringen." (S.8)

Persönliche Meinung

Lenz nutzt in dieser besonderen Erzählung keine Anführungszeichen, lässt die wörtliche Rede ohne Kennzeichnung, und zieht den Leser damit in den Sog der Ereignisse. So plötzlich Arne auf die neue Familie trifft, so tief sind die Spuren die er hinterlässt. Seine Geschichte wird aus der Sicht von Bruders Hans erzählt, der beim Verstauen des Nachlasses von den vielen gemeinsamen Erinnerungen und Erlebnissen erzählt. Leise und still war Arne in die Familie gekommen, kraftvoll und laut verlässt er sie wieder.
Mit der Geschichte des kleinen großen Jungen, der mit seiner Unbedarftheit und Selbstbestimmung Wellen bricht, und im Sturm darin untergeht, hält Lenz der Gesellschaft in ihrer Engstirnigkeit und Ignoranz gegenüber dem Andersartigen den Spiegel vor.




Vergleich mit Verfilmung

  • Genre: Drama
  • Produktionsland: Deutschland
  • Jahr: 2013
  • Regie: Thorsten Schmidt

Der Film glänzt zwar mit vielversprechender schauspielerischer Leistungen von Susanne von Borsody, Jan Vedder und Max Hegewald in extrem feinfühliger Verkörperung des Arne, aber die Umsetzung zeigt: modern ist nicht immer besser. Wiebke und Lars schlagen sich die Nachmittage mit saufen und rauchen um die Ohren und Hans erinnert eher an einen Proll als an den verantwortungsbewussten Ältesten aus dem Buch. Der Zauber der Geschichte verliert durch die Neuinterpretation der Charaktere seine Wirkung. Auch Schlüsselfigur Kalluk, ein Arbeiter aus der Firma der Familie, ein schweigsamer und seltsamer Ex-Häftling, der sich durch besondere Bindung zu Arne auszeichnet, wird hier als lustiger, verschrobener Kerl dargestellt, und die Beziehung zwischen den beiden nur oberflächlich beleuchtet. Ein wichtiger Bestandteil des Films ist jedoch die drohende Pleite des Familienunternehmens: Die Sorge um die Zukunft der Firma wird zwar wichtig als sich die Situation um Arne und Wiebke zuspitzt, aber im späteren Verlauf nicht mehr aufgegriffen. Auch der Rahmen der Erzählung, das Verstauen der Habseligkeiten Arnes, wird hier nur in der Schlusssequenz verpackt, und keine große Bedeutung geschenkt.  So auch Arnes Verbindung zu Hans, die sich im Buch zärtlich aufbaut, hier aber nur eine Nebenrolle spielt. Hans ist wider erwarten nicht der sensible, reife und aufmerksame Wegbegleiter, sondern unterstützt Arne eher nebenbei. Wollen die Filmemacher die Geschichte auf der einen Seite in die Moderne übertragen, spielen sie doch mit längst überholten Geschlechterklischees in der Beziehung zwischen Mutter und Vater.
Allerdings setzt der Film die Szene um den Selbstmord des Vaters und der Familie um. Er eröffnet mit der Tragödie um Arnes Familie, stellt sie als Horrorszenario am heimischen Abendbrottisch dar: der Vater mischt Gift in den Eistee, aber Arne verschüttet sein Glas. In seinen Erinnerungsfetzen holen ihn diese Bilder immer wieder ein; es sind Black-out-Momente, in denen er sich in seine Kindheit zurückversetzt fühlt. Die Liebe zu einer seiner verlorenen Schwestern wird hier aber unnötig betont, so bildet sich Arne ständig ein, sie vor sich zu sehen, und auch in Wiebke sieht er das Ebenbild ihrer. Mit der Projektion der verstorbenen Schwester wird die nötige Dramatik erzeugt, die der Film mit seiner modernen Interpretation der Geschichte nicht aufbringt. So auch Arnes Verbindung zu Hans, die sich im Buch zärtlich aufbaut, hier aber nur eine Nebenrolle spielt. Hans ist wider erwarten nicht der sensible, reife und aufmerksame Wegbegleiter, sondern unterstützt Arne eher nebenbei. Wollen die Filmemacher die Geschichte auf der einen Seite in die Moderne übertragen, spielen sie doch mit längst überholten Geschlechterklischees in der Beziehung zwischen Mutter und Vater.
Um die Einsamkeit und Labilität Arnes in den Vordergrund zu setzen, hätte man den Fokus des Films mehr auf die zwischenmenschlichen Beziehungen und emotionalen Momente aus der Romanvorlage, als auf die Übertragung in die Moderne legen müssen.




Dienstag, 21. April 2015

Du bist gegangen (Ulrich Schaffer) - Rezension

Was passiert, wenn sich die Liebe nach 20 Jahren Ehe verändert?
  • Autor: Ulrich Schaffer
  • Erschienen: 2014
  • Preis: 15 Euro
  • Seitenanzahl: 157


Über den Autor

Ulrich Schaffer (*1942) lebt als freier Fotograf und Schriftsteller in Kanada. Er ist studierter Anglist und Germanist und hat als Dozent für europäische Literatur an einem College in Vancouver gearbeitet. Die Gesamtauflage seiner Werke beläuft sich auf über fünf Millionen Exemplare; jedes Jahr hält er Vorträge und Lesungen in Europa



Inhalt

Was bedeuten 20 Jahre Ehe, wenn die Liebe mit der Zeit an Kraft und Bedeutung verloren hat? Wie kann der Verlassene die Gründe für die Abwendung des Partners nachvollziehen, und in das eigene Leben zurückfinden? Und die alles entscheidende Frage: Wird der zurückkommen und wenn nicht, wie wird die Zukunft ohne ihn aussehen?
Beeindruckend mitreißend und echt stellt Schaffer die innere Gefühlswelt der Sitzengelassenen Julia dar, deren Mann Michael sie für eine Jüngere Frau verlassen hat. Ihre Gedanken, Gefühle, Emotionen, Ängste und Erinnerungen lässt er Julia in mehreren Briefen an Michael aufschreiben, und eröffnet dem Leser eine Reise durch die verschiedensten Arten von Liebe und Zuneigung; eine völlig neue Dimension von Respekt und Anerkennung, die sie trotz der großen Lebensenttäuschung für ihn empfindet. Ihre Liebe hatte sich zwar mit den Jahren verändert, aber sie waren immer mit ihr gegangen. Die Beziehung der beiden war besonders: sie hatten sich immer geschätzt, und bemüht, füreinander da zu sein.
Aber was zählt die gemeinsame vergangene Zeit, wenn keine mehr in der Zukunft liegt? Viel. Denn was für immer bleibt, sind die Erinnerungen. Die Menschen, mit denen wir durchs Leben gehen, formen unsere Persönlichkeit und hinterlassen ihre ganz persönlichen Fußabdrücke in unseren Herzen. Ihre Dankbarkeit und der Glaube an die Sinnhaftigkeit der Trennung sind es, die die Julia letztendlich den Willen, ihre Leben allein zu bestreiten und sich tief in sich drin nach ihr zu suchen, nicht aufgeben lassen, und die Wut auf den Egoismus ihres Mannes unterdrücken. Sie lernt wieder, ein unabhängiges Leben zu führen, sich selbst zu spüren, und die Gründe für das Scheitern zu untersuchen. Dabei geht sie objektiv und fast analytisch vor, hält ihm und sich selbst den Spiegel vor, ohne ihm je etwas vorzuwerfen oder ihn allein für die Trennung verantwortlich zu machen. In Schaffers Briefen wird die Liebe zu einem fast philosophischem Phänomen, denn sie ist so viel mehr als ein psychologisches Konstrukt.


"Ich entdeckte die Zartheit, die nötig ist, um durch das Leben eines anderen zu gehen, ohne es zu zerstören. Und ´wenn ich etwas nicht verstand, dann traute ich mich, dich zu fragen und deine Antworten waren Wellen, die mir Welten erschlossen. Und dann bist du gegangen."




Persönliche Meinung

Kraftvoll und sanft, mal leise und oft laut, persönlich und objektiv reflektiert Julia ihre vermeintlich perfekte Beziehung. Aber eine Liebe ohne Fehler gibt es nicht, denn im Inneren hatten die Grundpfeiler des Gebildes längst angefangen zu bröckeln. Bewundernswert und aufrichtig beschreibt Julia ihre ganz persönlichen Eindrücke und Erinnerungen die sie zusammen mit Michael erleben konnte; sie schätzt, dass er ihren Weg geprägt hat, sie aber trotzdem in der Lage ist, ohne ihn zu leben. - Abhängigkeit voneinander und Eigenständigkeit zugleich sind Grundvoraussetzung jeder Beziehung und Trost in der Trennung. Bis zum Schluss hält Julia an der Hoffnung fest, dass ihr Mann zu ihr zurück kommt, auch wenn sie die Trennung emotional überwunden zu haben scheint. Aber 20 Jahre Ehe will und kann sie nicht ganz wegwerfen...
Schaffer scheint in den Briefen ganz persönlichen Gedanken über seine eigene Beziehung zu verarbeiten, und eröffnet damit einen sehr intimen Einblick in sein Empfinden von Liebe. Parallelen der Protagonisten zu seinem eigenen Leben lassen sich nicht verleugnen.
Ungewöhnlich, wie einfühlsam und tiefgründig Schaffer als Mann das Innenleben einer Frau nachvollziehen kann. Ich als relativ junge Leserin verstehe zwar nicht viel von dieser Liebesthematik, aber durch Schaffers kleines Wunderwerk der Gefühle habe ich eine Ahnung von ihrer Bedeutung, und vor allem von ihren verschiedenen Formen und Farben bekommen. Ein kraftvolles Buch, nicht nur für Verlassene und Paare, sondern auch für Menschen, die die eigene Entwicklung unter dem Aspekt der Fremdbeeinflussung durch die Liebe betrachten wollen.


Gedanken zu Schaffers Text "Sand im Getriebe": Hier










Freitag, 13. März 2015

Rezension - Das Mädchen mit den Orangenpapieren (Hanns Zischler)

Lit.Cologne Countdown #2: Leichte und detailverliebte Beschreibung der Atmosphäre einer vergangenen Zeit
  • Autor: Hanns Zischler
  • Verlag: Galiani Berlin
  • Erschienen: 2014
  • Seitenanzahl: 122
  • Preis: 16,99 Euro (Gebunden mit Schutzumschlag)
  • ISBN 978-3-86971-096-9

Über den Autor

Hanns Zischler (*1947) ist vor allem als Schauspieler aus diversen deutschen Filmen bekannt, arbeitet aber auch seit einiger Zeit als Publizist. Bereits erschienen sind "Der Schmetterlingskoffer mit Hannah Zweckau, "Berlin ist zu groß für Berlin" und "Die Erkundung Brasiliens" mit Sabine Hackethal und Carten Eckert. In viele Sprachen übersetzt wurde seine Forschungsarbeit "Kafka geht ins Kino". 

Inhalt

Ein kleines Dorf inmitten der malerischen Bayrischen Alpenlandschaft, im Nachkriegsdeutschland der 1950ger Jahre: Die kleine Elsa ist gerade mit ihrem Vater aus Dresden hergezogen, und fühlt sich in der für sie völlig neuen Welt überhaupt nicht wohl. Zwischen Eingewöhnung und Sehnsucht denkt sie ständig an ihre Mutter, die sie seit ihrem Tod schmerzlich vermisst. Trotzdem versucht sie, in ihrem neuen Leben Fuß zu fassen, und entwickelt zunächst Vertrauen zu ihrem Klassenlehrer, der es liebt, Lebensweisheiten in scheinbar unlösbaren Rätsel zu verpacken. In dem einheimischen Jungen Pauli erfährt sie ihre erste Liebe, und als Saskia aus England in ihre Klasse kommt, entsteht zwischen Elsa und ihr eine innige Freundschaft. Denn auch sie versteht das bayrische Dialekt nicht, und muss sich an kulturelle Differenzen gewöhnen.
Um hin und wieder aus der Beklemmung der Berge auszubrechen, sammelt Elsa Orangenpapiere aus aller Welt, und träumt sich mit den exotischen Bildern aus ihrem Alltag fort.
Eine Geschichte von Heimatliebe und Fremde, vom Ankommen und der Freundschaft.

Persönliche Meinung

Eine Erzählung, so detailliert und genau beschrieben, als lebe man selbst bereits viele Jahre in dem kleinen Marstein. Auf ihrer Suche nach Geborgenheit und Heimat, wächst Elsa an ihren Begegnungen und bietet eine große Identifikationsfläche in ihrem Selbstbildungsprozess und ihrem Wunsch nach Heimat und Beständigkeit.
"Das Mädchen mit den Orangenpapieren" ist eine gefühlvolle und feine Geschichte, kurzweilig und literarisch geschrieben. Es scheint, als habe Zischler die Atmosphäre der Zeit archiviert, und in dieser Erzählung wieder ans Tageslicht gelassen.

Hier geht's zu meinem Besuch bei dir lit.Cologne Lesung mit Hanns Zischler und Robert Seethaler!