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Montag, 21. März 2016

Er ist wieder da - lit.Cologne macht "Mein Kampf" zum Thema

Siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stellen wir uns erneut die Frage: Wie gehen wir mit Hitlers Erbe um? Seit diesem Jahr gibt es die kommentierte Edition von "Mein Kampf" frei in den Buchhandlungen zu kaufen. Über die Zugänge zum einstigen Tabu wurde auch auf dem Kölner Literaturfest lit.Cologne diskutiert!

Mein Beitrag zu dieser Veranstaltung habe ich diesmal Hier veröffentlicht, ich hoffe, ich bekomme trotzdem ein paar Leser und vielleicht auch ein kleines Feedback!



Montag, 8. Februar 2016

Tagebücher des Victor Klemperer - Nachwort

1933 - 1945: 12 Jahre, 6 Bücher und ein bedeutendes Stück deutscher Geschichte. Eine Reise durch das dunkelste Kapitel der deutschen Vergangenheit an der Seite eines Menschen, der die Bedingungen dieser Zeit beispielhaft miterleben musste. Ein Tagebuch, das Welten öffnet und Bewusstsein schafft.
Victor Klemperer ist Professor, Philologe, bedeutender Intellektueller der Zeit, vor allem aber ist er Jude. Er notiert seine Erlebnisse bald schon mit dem Ziel der späteren Veröffentlichung, ist sich der Bedeutung seiner Aufzeichnungen schnell bewusst. Er riskiert damit nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das derer die er in seinen Notizen erwähnt. Aber es ist gerade das Schreiben und die Leidenschaft für Literatur, die ihn am Leben hält. Er lebt weil er schreibt, und er schreibt, weil er lebt.

Klemperer verliert durch die Nazis sein Hab und Gut, den Beruf, ja, auch seien Würde - nicht aber seine Liebe zur Sprache. Er sieht sich in der Verantwortung, das was er erlebt an die Nachwelt weiterzugeben, notiert aufmerksam und fast akribisch die Eigenheiten der Zeit, die Sprache und Propaganda der Nazis und seine Nöte. Von den öffentlichen Beleidigungen abgesehen, wird ihm erst sein Auto, dann sein Haus, und letztlich sein Selbstbestimmungsrecht entzogen. Er lebt in Judenhäusern, leidet Hunger, arbeitet in Fabriken und flüchtet nach der völligen Zerstörung Dresdens nach Süddeutschland. Das Tagebuch von 1945 ist, auch wenn es nur die Monate Januar bis Juni umfasst, das packendste, ergreifendste und spannendste Buch: die Flucht scheint unwirklich wie ein Actionfilm, gar utopisch für meine Vorstellungskraft. Klemperer, der alte gebrechliche Mann rafft all seine Kräfte zusammen und marschiert Kilometer für Kilometer in eine ungewisse Zukunft. Die Angst um sein Tagebuch scheint dabei zeitweise größer als die um sein Leben.

Klemperer schreibt mit der Feder eines Philologen, d.h. anspruchsvoll, herausfordernd und wundervoll literarisch.
Seine Tagebücher aus dem dritten Reich sollen für alle Zeit mahnend für die Umstände des Terrors stehen, und an das Durchhaltevermögen eines einzelnen stellvertretend für das vieler erinnern.
Nach Kriegsende traten Eva und Victor Klemperer der KPD bei und engagierten sich beim Aufbau der DDR. Von 1947 bis 1960 lehrte er an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und an der Humboldt-Universität zu Berlin. Im Jahr 1950 trat er als Abgeordneter des Kulturbundes der Volkskammer der DDR bei und wurde ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Nach dem Tod von Eva Klemperer im Jahr 1951 heiratete Klemperer ein Jahr später die 45 Jahre jüngere Germanistin  Hardwig Kirchner, die nach Klemperers Tod an der Herausgabe seiner Tagebücher mitwirkte. Victor Klemperer starb am 11. Februar 1960 im Alter von 78 Jahren. Seine Grabstelle befindet sich auf dem Friedhof Dölzschen. Hadwig Klemperer starb 2010 in Dresden. Klemperer veröffentlichte die "LTI- Notizbuch eines Philologen" im Jahr 1947 und die "Geschichte der französischen Literatur im 18. Jahrhundert" in den Jahren 1954 & 1966. 
Victor Klemperer, 1954

Dienstag, 26. Januar 2016

Tagebücher des Victor Klemperer (1945)

"Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten"

"Eines steht fraglos fest: die ungeheure Zähigkeit und immer neue Erfindungskraft, mit der die Regierung den Krieg weiterführt. Sie haben schon ein Recht, vom "deutschen Wunder" zu reden, und ich bin mir wahrhaftig ihrer Niederlage nicht mehr gewiss; mindestens werden sie sich noch überlange wehren. Dass sie die masse bei der Stange halten, verdanken sie nicht bloß ihrer Tyrannei. Sondern vor allem dem immer wiederholten (und selbst von Leuten wie Frau Stühler geglaubten!) Die Feinde, und besonders die Bolschewisten wollen euch vernichten, euch buchstäblich töten. Sie verdanken alles dem Schreckensgespenst Bolschewismus, trotzdem sie selbst Bolschewikissimi sind. -" (4. Januar 1945)
Anfang des Jahres tauchen Gerüchte über die Krankheit Hitlers auf, zerschlagen sich aber schnell als "der Führer" wieder im Radio spricht. Die Angst vor der russischen Offensive mischt sich mit der Unklarheit über ihr Vorankommen. Klemperers leiden unter dem Frost und großer Lebensmittelknappheit. Der Dresdener Bahnhof ist überfüllt mit Flüchtlingen, sie kommen in immer größeren zahlen aus Berlin. 'Das Ende scheint nah zu sein', entnimmt Klemperer der vox populi, dem Volkstenor.


"Eva sagte, ich dürfe keine Namen nennen, dürfte niemanden gefährden. Richtig - aber wie könnte ich ohne Namen genau notieren? Ich denke, im Luftschutzgepäck wird man nicht Haussuchen, ich hoffe, zum Haussuchen überhaupt dürfte es schon an zeit und Menschen fehlen." (29. Januar 1945) 
Berlin wird von der russischen Armee verwüstet, die Angst vor den Auswirkungen auf Dresden wächst.
Wenn auf der Straße offen vom nahen Kriegsende gesprochen wird, bleibt Klemperer stumm - die Angst vor Denunziation und dem Verlust des Tagebuchs - dem damit verbundene Schicksal der Genannten in seiner Verantwortung- ist groß.


"Vom Krieg seit 48 Stunden keine Neuigkeit. Es geht zu langsam für uns. -Angst haben alle. Die Juden vor der Gestapo, die sie ermorden könnte vor dem Eintreffen der Russen.d er Arier vor dem Russen, Juden uns Arier vor der Evakuierung, vor dem Hunger. An ein rasches Ende galubt keiner, und Jud und Christ fürchten auch gemeinsam die Bombenangriffe. Heute früh briet Eva eine Extrawurst für uns. Wenn die Russen kommen, sagt sie, werden die Brücken gesprengt; dann müssen wir aus unserem haus bestimmt heraus; entweder der Sprengung halber, oder weil es zur Verteudigung hergerichtet wird. - Wir mussten beide lachen, wie wir so als Selbstverständlichkeit besprachen, was uns früher romanhaft erschienen wäre. Im Grund efürchten wir gar nichts mehr, weil wir ja immerfort, in jeder Stunde, alles zu befürchten haben. Man stumpft ab." (3. Februar 1945)
Die Zahl der Deserteure der deutschen Armee steigt -  von zunächst angenommenen 700 auf 7000. Die Kinos werden geschlossen, es wird sich auf das Kriegsende bereit gemacht. Klemperer wird dazu verpflichtet, Einsatzberufungen zum Arbeitsdienst des Auswärtigen Amtes an die letzten in Dresden lebenden Juden zu verteilen, die noch als "einsatzfähig" gelten. Es ist das Todesurteil für sie.


"Dann sagte er zu mir: Evakuation für alle einsatzfähigen, es nennt sich auswärtiger Arbeitseinsatz, ich selber als Entpflichteter bleibe hier. Ich: also für mich sicherer das Ende als für die Herausgehenden. Er. das sei nicht gesagt, eher im gegenteil gelte das Hierbleiben als Vergünstigung (...) Mein Herz streikte in der ersten Viertelstunde vollkommen, später war ich dann vollkommen stumpf, d.h. ich beobachte für mein Tagebuch. (13. Februar 1945)
Der "auswärtige Arbeitseinsatz" wird als Marsch in den Tod aufgefasst, Klemperer sieht im Daheimbleiben eine noch größere Gefahr - Fliegerangriffe, Gestapo, Kriegsverlauf...
Er ist derjenige, der den vielen Dresdener Juden ihr Todesurteil überbringt, und erfährt die unterschiedlichsten Reaktionen: Von Resignation bis zum völligen Entsetzen.


"Ich war ohne Zeitgefühl, es dauerte endlos und dauerte doch wieder gar nicht so lange , da dämmerte es. Das Brennen ging immer weiter. Rechts und links war mir der Weg nach wie vor gesperrt - ich dachte immer: Jetzt noch zu verunglücken wäre jämmerlich." (13. Februar 1945)
Den 13 und 14. Februar beschreibt Klemperer in seinem Tagebuch als "Die Dresdener Vernichtung". Die Stadt liegt in Schutt und Asche, zwei tage irrt Klemperer von Bunker zu Bunker, verliert Eva, bangt, zu erfahren wer noch lebt und wie es weitergeht soll. Er selbst ist bei einer Detonation am Auge verletzt worden, Das Judenhaus ist zerbombt: Alle Möbel, Lexika, Bücher sind unwiederbringlich zerstört. Nur die Manuskriptseiten trägt Klemperer bei jedem Alarm in seinem Luftschutzgepäck mit sich, außerdem verschafft Eva die Tagebuchseiten regelmäßig zu einer Bekannten nach Pirna.
Auf dem Weg zur 'Nachrichtenzentrale jüdischer Friedhof' reißt Eva Victor den Judenstern von der Jacke herunter. Ab jetzt sind Klemperers das ausgebombte arische Flüchtlingsehepaar "Kleinpeter". Für sie beginnt eine lange Zeit der Flucht, die sie in die bayrischen Provinzen, nach München, Regensburg und schließlich wieder nach Dresden führt.
Bei der folgenden Beschreibung seiner Erlebnisse bis zum Juni des Jahres geht er über den Rahen eines Tagebuchs hinaus, es bekommt die Dimension eines Romans.

"In Klotzsche kamen mir zum ersten mal Gedanken über unsere Verluste. Alle meine Bücher, die Lexika, die eigenen Werke, ein Maschinenexemplar des 18.Jahrhunderts und des Curriculum. Geschied ein Unglück in Pirna, dann ist meine gesamte Arbeit seit 1933 vernichtet. - Im Schreibtisch lagen zusammengestellt die Stücke des dritten Bandes gesammelter Aufsätze. Wie soll ich das wieder zusammenfinden? Bei Thamm sind alle meine Sonderdrucke verrichtet... Das alles focht mich nicht übermäßig an. Das Curriculum würde ich in knapperer und vielleicht besserer Verfassung aus dem Kopfe wiederherstellen. (..) Nur um die LTI wäre es ewig schade." (Februar 1945)
Umstände der Flucht: Essensmarken sind ungültig, über den Wert des Geldes ist man sich unklar und wenn Eva und Victor etwas zu essen bekommen, dann meist umsonst. In der Besatzungszone der Amerikaner sehen sie die so fremdartigen Dunkelhäutigen, überall fahren die Soldaten in Autos. Sie sind freundlich im Verhalten gegenüber der Bevölkerung und den Kindern, denen sie oft Schokolade schenken. Auch lassen sie ihre Zigarettenstummel auf den Straßen liegen, und Victor und Eva gelangen so an etwas Tabak, den besonders Eva schmerzlich vermisst.

"Seit wir hier angekommen, dürften meine Chancen des Überlebens einigermaßen auf 50 Prozent gestiegen sein. Meinen Manuskripten in Pirna aber, die keinerlei Kopie mehr haben, und alle Arbeit und alle Tagebücher umfassen, gebe ich höchstens 10 Prozent Chance." (März 1945)
Und trotzdem notiert er immer weiter, "bis zum letzten". Aus den Stichpunkten die er während der Flucht macht, schreibt er, wenn er in einer passablen Unterkunft Zeit findet, seine Fluchtgeschichte.
Die ständige Angst, dass der Schwindel des fehlenden Judensterns auffliegen könnte - das Todesurteil zu kurz vor Kriegsende - quält ihn zunächst sehr. Aber niemand will mehr Anhänger Hitlers gewesen sein - die Menschen wollen in der Stunde der Niederlage ihren Kopf retten.

"Man unterscheidet die Geräusche. Die raschen und schmetternden Amerikanischen Autos und Autokolonnen kommen nicht in Frage, auch die von den Amerikanern gestellten Transportautos für Militärheimkehrer nicht. Ein Trecker bietet bessere Aussicht, aber manchmal führt er Mist. Am sichersten sind die Pferdefuhrwerke - aber plötzlich biegen sie, zehn Schritt ehe sie unsere Lagerstelle an der Straße erreichen, ins Feld ab. Es gibt auch die Enttäuschung geführter Pferde ohne Wagen. Und dann gibt es noch den Ochsenwagen, die sind nicht viel langsamer als Pferdewagen, aber sie fahren meist nur sehr kurze Strecken." (Mai 1945)
Schlechte Versorgung in Notunterkünften und Nagrungsmittelüebrfluss in vielen Bauernhäuser - doch nicht überall werden Klemperers herzlich aufgenommen. Viele schauen mit Argwohn auf sie herab, in den zerstörten Städten und Dörfern mangelt es auch den Einwohner am Nötigsten. Klemperers lernen die verschiedenen Facetten des Flüchtlingsdaseins kennen. Jeden Tag legen sie kilometerlange Wege zu Fuß zurück, der Zugverkehr ist bis Mai fast komplett eingestellt. Es kursieren Gerüchte um den Tod des Führers, aber an zuverlässige Nachrichten gelangen sie auf ihrer Flucht kaum.

"Überall das selbe Bild in immer neuen Variationen, mit immer neuen Kinoeffekten: Völlige Geröllhaufen, Häuser, die unversehrt scheinen, und nur noch Kulissen sind, Häuser mit abgerisenener Außenmauer und dachlos, aber die einzelnen Stockwerke, die einzelnen Zimmer mit ihren verschiedenfarbigen Tapeten sind noch da, irgendwo ist ein Waschbecken erhalten, schwebte ein Tisch, steht ein Ofen, Häuser, die innen ausgebrandt sind.. (Ende Mai 1945)
Klemperers waren im Februar nach Bayern aufgebrochen, um bei den Eltern von Bekannten Unterschlupf zu finden. Darauf folgt eine Odysee durch Süddeutschland, eine Flucht von Unterkunft zu Unterkunft, jeden Tag legen sie fast 20 Kilometer zu Fuß zurück - vor der Sperrstunde um 21 Uhr müssen sie eine Unterkunft gefunden haben. Sie folgen Evas Plan, sie ist diejenige die in der Stunde der Verzweiflung rational denkt, in dessen Hände Victor sein Leben gibt. Nach vier Monaten Flucht und dem sicheren Kriegsende beschließen sie wieder nach Dresden zurückzukehren, den Weg treten sie auf eigene Verantwortung an. Ein Bild der Zerstörung bietet sich in München, das sie einige Wochen zuvor noch als halbwegs verschont gebliebene Stadt kennenlernt haben, aber auch hier hat es letzte Kämpfe gegeben.  An das Lebens als "arischer Ausgebombter" hat er sich schnell gewöhnt, offenbart seine Identität allerdings jetzt wo er sich des Kriegsendes sicher sein kann. Als Jude kommt ihm an viele Stellen Sonderbehandlung zu. Eien Reiseerlaubnis der Amerikaner bekommen sie - trotz der Position Klemperers - nicht erteilt.

"Am späten Nachmittag stiegen wir nach Dölzschen hinauf." (Juni 1945) 


Victor Klemeperer (1881 - 1960)

Mittwoch, 23. Dezember 2015

Tagebücher des Victor Klemperer (1944)

"Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten"

"Heute bin ich durchaus nicht sicher, dass "er" in diesem Jahr erledigt wird. Resistent, Tyrannei, Dummheit sind alle drei grenzenlos." (01.Januar 1944)
Klemperer ist und bleibt Realist, versucht sich so wenig wie möglich von der "vox populi" beeinflussen oder falsche Hoffnungen machen zu lassen. Die Bevölkerung ist gespalten in fanatische Anhänger Hitlers, die sich von der rechten Propaganda und den vermeintlichen Kriegserfolgen befeuern lassen, und in verdeckte Antinazisten. Doch es gibt immer mehr Menschen, die ihm auf offener Straße Worte des Trostes zusprechen.


"In der Kriegsführung mögen sich die Nationalsozialismus verrechnet haben, in der Propaganda nicht. Ich muss mir immer wieder Hitlers Worte ins Gedächtnis rufen, er rede nicht mit Professoren." (19. März 1944)
Die Nationalsozialisten setzen in ihrer Kriegsführung nun verstärkt auf ihre auf  grenzenlos primitive und verwerfliche Stimmungsmache. Kriegsniederlagen werden vertuscht, mit Vergeltungsdrohungen abgewiesen und das "Weltjudentum" für das Kriegsleid verantwortlich gemacht. Das letzte Kriegsjahr erfordert stärkere Propaganda denn je, es gibt Gerüchte über eine Invasion der Alliierten und die Zurückdrängung der deutschen Truppen an den Fronten. Klemperer notiert immer mehr über die LTI, die Sprache des dritten Reichs. Den Fluch der Superlative, Pejorative und der Einfältigkeit des Wortschatzes durch primitive und radikale Steigerung von vorhandenen Worten durchschaut er mit intellektueller Überlegenheit, und benennt anhand von Meldungen aus dem "Reich" oder dem Heeresbericht die Absurditäten des nationalsozialistischen Sprachgebrauchs.


"Es kommt nicht auf den großen Schlag an, sondern auf den Alltag der Tyrannei, der vergessen wird. Tausend Mückenstiche sind schlimmer als ein  Schlag auf den Kopf." (08. April 1944) 
 Das Leben der Juden in Deutschland ist gefährdeter denn je. Fast täglich hört Klemperer von Deportationen - bringt die Gestapo sie erst nach Theresienstadt, fahren sie direkt in Tod nach Auschwitz, überleben sie den Aufenthalt auf der Gestapozentrale? Klemperer unternimmt Spaziergänge zum jüdischen Friedhof, wo er mit den Arbeitern "die Lage berät" und Neuigkeiten erfährt. Zeitungen beschafft er sich durch Freunde und Bekannte. Täglich tauscht er sich mit ihnen über die aktuelle Kriegslage aus.

"Man sehe in Berlin keine Sternjuden. Die Gestapo sei damit einverstanden, drücke mindestens beide Augen zu. Der Stern wird nicht getragen oder versteckt. (...) Sei die Gestapo durch eine Denunziation zum Einschreiten gezwungen, dann erhalte der Angezeigte zuerst eine Verwarnung, danach eine Geldstrafe... Bei uns dagegen kostet der verdeckte Stern unweigerlich via KZ das Leben.-" (1. Mai 1944) 
In Zeiten in denen das Zeitung lesen und Radio hören für Juden verboten ist, die Hoffnungen auf ein baldiges Ende überschwellen, und die Propaganda der Nationalsozialisten Niederlagen verschleiert, ist es schwer, Erfundenes von Wahrheit zu trennen; Gerüchte von tatsächlichen Ereignissen. Die vox populi neigt zu Übertreibungen, die vox judae, überschwänglich ein baldiges Ende herbeisehnend dazu, nationalsozialistische Gräueltataten gegenüber Juden überspitzt darzustellen oder vermeintliche Erfolge vorschnell als Indiz für ein baldiges Kriegsende zu werten. Klemperers Herz sehne das Ende des Leidens herbei, der Verstand aber könne nicht daran glauben. Seine Rationalität bewahrt ihn vor allzu großen Enttäuschungen.


"Wie viel Arbeit werde ich mit einem Auge leisten können. Und wie viel Zeit bleibt mir? Ursache wahrscheinlich Zucker - daher der qualvolle Durst in der letzen Zeit. Hergang: ein minimaler aber doch ernster Schlaganfall. Ich habe gehofft, an der Angina auf eine anständige Weise zu sterben. Was macht der zweite Schlaganfall aus mir? Einen Haufen Blödsinn im beschissenem Bette, wie aus Grete, wie aus Vater? Soll sich Eva vor mir ekeln oder mit mir plagen? Aber ich habe kein Veronal, ich habe keinen Mut, und ich muss ja das 3.Reich zu überleben suchen, damit Evas Witwenpension sichergestellt wird." (6. Mai 1944)
Klemperer leistet seit dreizehn Monaten Fabrikdienst - aktuell in einer Papierverarbeitungsfirma. Das Pensum schafft er längst nicht, das Abzählen fällt ihm schwer. Die stumpfsinnige und eintönige Arbeit ist reine Zeitverschwendung für den Professor, der immer noch seinen philologischen Studien nachgeht und intellektuell anspruchsvolle Arbeit gewohnt ist. Zudem folgt nach einem leichten Schlaganfall in Folge seiner Angina eine einsetzende Augenlähmung, die ihm selbst den verbliebenen Rest seiner philologischen Tätigkeit zu nehmen droht. Klemperer ist aussichtsloser denn je, in der Fabrik muss er Nachtdienst übernehmen. Schlafmangel, Augenleiden und Herzleiden, das sich durch das regelmäßige beschwerliche Kohlenbeschaffen in der Stadt nur verschlimmert, rauben ihm jegliche Perspektive. In seinem Tagebuch schreibt er offen über Selbstmord.


"Ob nicht das ganze in der Hauptsache zur Ablenkung und Beruhigung des deutschen Publikums "aufgezogen" ist, und dabei unsicherer aufgezogen ist, wie es früher üblich war? oder sehe ich das zu rosig. Die Schlacht in der Normandie schwankt, in Italien kommt England rasch vorwärts, in Südrussland ist es immer noch still, in Finnland gewinnen die Russen Boden- welches Fazit sollte man ziehen? Ich urteile je nach Stimmung, alle paar Stunden anders. -" (19. Juni 1944)
Der Friedhof wird zur Nachrichtenzentrale und wichtigsten Anlaufpunkt für die Beschaffung von Neuigkeiten. Aber jeder Gang nach draußen mit seinem Judenstern bedeutet für Klemperer eine große Überwindung. Nur ein Bespiel für die Grausamkeit gegenüber den Juden: Neben dem Judenhaus wurde ein Lager für russische Gefangene errichtet, und erst kürzlich wurde eine ganze Familie nach Theresienstadt deportiert weil die Tochter ein Verhältnis mit einem Häftling führte.
Klemperer lässt sich auf Grund seines Herzleidens bei seinem Arzt von Arbeitsdienst befreien, stellt einen Antrag auf komplette Dienstentpflichtung. Er klammert sich an die Hoffnung, so mehr Zeit für seine Studien zu haben, doch der Zweifel an der Sinnhaftigkeit und Qualität seiner Arbeit bleibt.


"Seit gestern von dem Gefühl beherrscht: vor dreißig Jahren! Daran schließt sich zuerst immerfort die Betrachtung des Altseins, Am-Ende-Stehens, Keinen-Anspruch-mehr-Haben. Aber es fehlt mir doch so ganz, was ich mir immer als Reife des Alters vorgestellt habe, ich bin weder satt, noch müde, noch irgendwie dem Letzten gegenüber ruhig. Nur absolut skeptisch. - Den Krieg anlangend, so scheint es mir eine grausame Ironie des Schicksals, dass die Russen Ostpreußen gegenüber genau da stehen, wo sie am 1.8.14 standen. Wer soll ihnen heute noch ein Tannenberg bereiten? Sieht man nur auf die Heeresberichte der allerletzten Tage: Normandie, Augustuswo, Warschau, dazu seit gestern Beskidenpaß und Schwanken der Türkei - so muss man sich sagen, dass der Krieg nur noch Wochen dauern kann. Liest man dann die Zeitungsartikel, Reden, Erlasse, so ist auf Jahre hinaus vorgesorgt, die Tyrannei unerschüttert und unerschütterlich, der "Endsieg" trotz aller momentanen "Krisen" - Krise ist das aktuelle Beschönigungswort für "Niederlage" - absolut sicher. Und da diese eiserne Stirn und dies einhämmernde Wiederholen selbst mich beeinflusst, wie sollte es die Masse des Volkes unbeeinflusst lassen? Ich sage mir immer wieder: Sie haben sich so lange gegen alle Natur und Berechnung gehalten, warum nicht noch ein Jahr länger?" (02. August 1944)
Die Gerüchte über die Invasion der Aliierten haben sich bestätigt, die Deutschen Truppen schlagen mit der Vergeltungswaffe "V1" zurück. Die Nationalsozialisten propagieren anhaltende Kriegserfolge, die berichten Zurückdrängung der deutschen Fronten. Klemperer vergleicht die propagandistische Berichterstattung im "Reich" regelmäßig mit der anderer Zeitungen, um die Situation möglichst realistisch einschätzen zu können. Er hat die Vermutung, Deutschland halte die Stellungen an der Ostfront nur so kämpferisch aufrecht, damit es bei einer Eroberung durch die Alliierten nicht den Russen in die Hände falle. Währenddessen wächst das Misstrauen der Juden untereinander, jedes kleinste Vergehen kann sie das Leben kosten.
Am 24.Juni ist Klemperer nach vierzehn Monaten vom Arbeitsdienst befreit worden. Doch die Erleichterung überschattet die dunkle Vermutung, der Arzt habe ihn nur freigestellt, weil er keine lange Lebensdauer für ihn voraussehe....


"Evas Geburtstag. Meine Hände wieder ganz leer, nicht einmal eine Blume." (12. Juli 1944) 
Geburtstage, Hochzeitstage, Feiertage werden von den aktuellen Kriegsereignissen in den Hintergrund gerückt. Klemperer notiert überwiegend die aktuellen Kriegsmeldungen und neue Deportationen. Statt persönliches Befinden oder Alltagsleben protokolliert er die Gespräche über das Fortschreiten der Invasion oder die Fliegerangriffe auf Deutschland akribisch.
Er verzeichnet auch eine Veränderung der Todesanzeigen: Während früher der Heldentod eines jeden Soldaten in einer eigenen Anzeige glorifiziert wurde, werden nun bloß noch die Namenslisten der Gefallenen gedruckt.


"Ich will bis zum letzen Augenblick weiter beobachten, notieren, studieren. Angst hilft nichts, und alles ist Schicksal. (Aber natürlich packt mich doch von Zeit zu Zeit die Angst. So gestern im Keller, als die Amerikaner brummten)." (22. Juli 1944) 
Mit dem Schreiben seines Tagebuchs bringt er nicht nur sich selbst, sondern auch jegliche Personen, die er darin namentlich erwähnt, in Lebensgefahr. Die Manuskriptseiten bringt Eva zwar regelmäßig zu einer arischen Bekannten, doch auch dort sind sie im Falle eines Fliegerangriffes genauso gefärdet. Aber Klemperer gibt das Dokumentieren nicht auf, das Tagebuch ist sein Art, Widerstand zu leisten.
Es gibt mittlerweile Gerüchte um die Auflösung von Mischehen und die anschließende Deportation jüdischer Ehemänner in KZs.  Dresden ist jetzt von regelmäßigem Fliegeralarm betroffen, ein längerer Aufenthalt im Luftschutzkeller war aber noch nicht notwendig. Bis zum Oktober wird Dresden von Fliegerbomben verschont bleiben als eine der wenigen so lange verschont gebliebenen Großstädte Deutschlands.


 "Also Seuchenverdacht. Aber das Gesundheitsamt gibt nichts bekannt. Wer den Verdacht ausspräche wäre Defätist. Auch ist es jetzt, wo Tod an der Front und über den Städten wütet, einerlei, ob noch ein apokalyptischer Reiter zu den anderen stößt. Auch fehlt es an Ärzten, Platz in Krankenhäusern und Arzneien." (30. November 1944)
Im Judenhaus sind gleich zwei Bewohner einer Seuche zum Opfer gefallen. Offiziell heißt es, sie seien an einer septischen Angina gestorben, da die Folgen der Äußerung eines Seuchenverdachts für die Bewohner unberechenbar wären. Das Haus muss desinfiziert werden um die Gefahr einer Ausbreitung einzudämmen. Über den Tod der zwei Freunde schreibt Klemperer nüchtern und distanziert, gar erschreckend kalt. Er versucht sich von deren Schicksal nicht berühren zu lassen, um sich selbst zu schützen.


"Das einzige wesentliche Datum war für mich der 24.Juni. Der Tag meiner Entpflichtung. Seitdem bin ich die Fabriksklaverei los, seitdem habe ich - erst fiel's mir schwer, jetzt bin ich's wieder gewohnt - ausgiebiger für mich arbeiten können. d.h.: aufs Geratewohl Lektüreschreiben sub specie LTI. Aber seit 24.Juni stehe ich auch sehr bewusst unter doppeltem Todesurteil: Wenn ich nicht sehr herzleidend wäre, hätte Katz diese Dienstentpflichtung nicht beantragen und nicht durchsetzen können (freilich half wohl auch die Augenlähmung ein bisschen mit, die sich inzwischen fraglos ein wenig gebessert hat.) Sodann! Wenn es zur Evakuierung Dresdens kommt, würde mich als Arbeitsfähig irgendwo schanzen müssen, während ich nutzloser Judengreis fraglos beseitigt werde. der Zukunft stehe mit geringer Hoffnung und stumpf gegenüber. es ist sehr fraglich wann der krieg zu ende sein wird (obschon im Augenblick die deutsche Chance bei stockender Westoffensive und verlorenem Budapest wieder gesunken ist). Und es ist mir noch fraglicher, ob ich aus dem Frieden nicht etwas werde herausholen können, da ich doch offenbar am Ende meines Lebens stehe. - Irgendwie mich mit dem Todesgedanken abfinden zu können vermag ich nicht; religiöse und philosophische Tröstungen sind mir vollkommen versagt. es handelt sich nur darum, Haltung bis zuletzt zu bewahren. Bestes Mittel dafür ist die Versenkung in Studium, als hätte das Stoffspeichern wirklich Zweck. Dunkel drückend ist auch meine Finanzlage: Bis zum April, bestimmt nicht länger, reicht mein Bankkonto. Aber diese Geldsorge bedrückt mich wenig. Sie scheint mir klein, wo ich mich immer, und zweifach, dreifach, in unmittelbarer Todesnähe sehe. Sehr enttäuschend geht das Jahr zu Ende. Bis in den Herbst hinein habe ich, hat die ganz Welt es für sicher gehalten, dass der Krieg bis Jahresende fertig sei: Jetzt ist das allgemeine Gefühl und auch meines: vielleicht in ein paar Monaten, vielleicht in zwei Jahren. Zweiter Silvesteralarm, ohne Keller  22.15 Uhr bis 22.30 Uhr. Wir wollten gerade schlafen gehen." (31. Dezember 1944) 

Dienstag, 15. Dezember 2015

Tagebücher des Victor Klemperer (1943)

"Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten."

"Aber im Innersten bin ich recht hoffnungslos. Ich vermag mir gar nicht vorzustellen, wie ich noch einmal sternlos als freier Mann und in leidlicher Wirtschaftslage leben könne." (1. Januar 1943)
Das Ende des Kriegs liegt fern - Klemperer hat sich mit seinem Leben unter dem Nationalsozialistischen Terror so weit arrangiert, dass er sich einen Alltag in Frieden nicht mehr vorstellen kann.


"Es ist gar nicht zu sagen, wie sehr mir der Abreißkalender fehlt. Die Zeit steht still." (3. Januar 1943) 
Die Papiernot ist so groß, dass nun auch Kalender gestrichen werden. Die Stunden und Tage vergehen für Klemperer nun noch langsamer, unerträglicher. Währenddessen fordert Goebbels die Menschen zum absoluten Patriotismus auf, und plädiert für die Vereinigung von Nationalismus und Religion.


"-die Tage vergehen rasch und einförmig. Viele Gedanken absorbiert das Essen - Kartoffelnot und Hunger und Müdigkeit. Stagnierender Krieg." (13. Januar 1943) 
Die vox populi scheint sich zu ändern, man wünsche sich ein rasches Ende des Krieges zur Errettung der Juden. Auch die LTI (Sprache des Dritten Reichs) ändert sich: Statt vom "Sieg" spricht man jetzt vom "aushalten".


Juden, ohne den Druck des Antsemitismus oder und vor allem ohne die Furcht vor diesem Druck werden in ihrem gesamten Fühlen und Denken andere Menschen sein -  sie werden aufgehört haben, Juden zu sein sie werden ganz zu den Nationen gehören, in deren Mitte sie leben." (28. Jnuar 1943)
Die Unsicherheit treibe die Juden in den Internationalismus, in den Zionismus und auf der anderen Seite hinter die Mauern der Ghettos.
Außerdem machen es die Undurchschaubarkeit und Ungenauigkeit der Judengesetze den Juden leicht, gegen die Gebote zu verstoßen. Immer wieder kommen neue hinzu ohne die Betroffenen darüber zu informieren. "Irgendwas wird er wohl gemacht haben" - Verhaftungen geschehen ohne ersichtlichen Grund.
Die Sommeroffensive scheitert, die Front wird verkleinert. Im Lebensmittelgeschäft kommt man Klemperers oft entgegen. Auch die jüngeren Hitlerjungen sind meist freundlich.


"Ich lebe noch ich lebe noch ich lebe noch!" Darauf schränkt sich auch mein Empfinden; je nach Stimmung, von Stunde zu Stunde wechselnd, liegt der Ton auf "lebe" und "noch"." (28. Februar 1943) 
Fast alle Juden werden evakuiert und in Arbeitslager deportiert. Klemperer als in Mischehe mit einer Arierin lebend ist nicht betroffen.
Goebbels hat vor zehn Tagen den totalen Krieg erklärt.


"Es ist das Gute am Übermaß an Sorgen, dass man gegen sie, jedenfalls gegen jede, die nicht unmittelbar drängt,erstaunlich abstumpft." (04. März 1943) 
 Es geht das Gerücht um, Mischehen würden geschieden werden. Klemperer berät die Lage mit Bekannten auf dem jüdischen Friedhof: Entweder die Frauen würden Jüdinnen, und beide würden evakuiert, oder die Frau würde sich scheiden und nur der Mann müsste in ein Lager. In beiden Fällen würden Victor und Eva getrennt werden. Eva soll lieber retten was zu retten ist.


"Bei allem Variieren zermürbende Stagnation und dasselbigkeit. Immerfort Kämpfe im Osten,Rückzug an der einen, glückliche Gegenoffensiven an der anderen Stelle, immerfort Ruhe im Westen, immerfort Gerede von innerer Zuspitzung, immerfort Ruhe und Terror -  Ruhe der Bevölkerung, Terror der Regierung. Immerfort extrem optimistische und extrem pessimistische Stimmungen der Juden." (10. März 1943)
Klemperer befürchtet in einer neuen Unterkunft  zusammengedrängt mit anderen Mischeheleuten leben zu müssen. Außerdem fürchtet er sich vor dem Arbeitsdienst und der Unterbrechung seines Studiums. Auch die Nahrungsmittelknappheit sorgt ihn sehr, die Vorräte würden keinen Monat lang ausreichen.
Der Preis für ein Pfund Kaffee liegt auf dem Schwarzmarkt bei 200 Mark. Niemand glaubt mehr an den Wert des Geldes nach dem Krieg.


"Es erschüttert mich einigermaßen. es ist doch Todesgewissheit in sehr absehbarer Zeit. Ich habe in früheren Jahren gehofft, ich würde "später" dem Tod philosophischer gegenüberstehen; nun bin ich einundsechzig Jahre und so unruhig und bedrückt wie je. (...) Es fällt mir schwer, so weiterzuarbeiten, als wenn mir Zeit bliebe, etwas zu vollenden. Aber Arbeiten ist das beste Vergessen." (15. März 1944)
Klemperer hat eine Verengung der Herzgefäße, eine Angina, diagnostiziert bekommen. Er sieht sich jetzt auf eine andere Weise mit dem Tod konfrontiert. Er ist oft müde und erschöpft, das fast tägliche  und oft nicht erfolgreiche Kohlebeschaffen und die Fußwege strengen ihn an.


"Jede Stunde kann es mich treffen. Und dann in de Zelle sitzen und von Minute zu Minute auf den Henker warten, vielleicht einen Tag, vielleicht Wochen, vielleicht erwürgt mich hier auch niemand ("erhänge ich mich nicht"), sondern ich sterbe erst auf dem Weg ins KZ ("bei Fluchtversuch erschossen", oder in Auschwitz selber an "Insuffizienz des Herzmuskels. Es ist so entsetzlich, das in allen Einzelheiten auszudenken im Bezug auf mich, im Bezug auf Eva. Ich dränge es immer wieder zurück, will jeden Tag, jede Stunde ausnutzen.Vielleicht überlebe ich doch."            (25. April 1943)
Es ist Ostersonntag, Klemperer notiert im selben Einrag die Verhaftungen und den Tod von Mitarbeitern. Er gibt sich fatalistisch, doch eine winzige Hoffnung behält er. Die wirklichen Todesursachen der Verhafteten gelangen nicht an die Öffentlichkeit, Morde werden verschleiert, das Volk nicht beunruhigt. Die Judenheit stumpfe immer weiter ab und gewöhne sich an die Unterdrückung: die Verhafteten seien selbst schuld, wenn sie sich nicht streng an die Einhaltung der immer neuen Gesetze sorgten.


"Niemand kann aus der Geschichte lernen weil sie sich nie wirklich und ganz ohne Variante wiederholt. Vielleicht ist Geschichtskenntnis geradezu schädlich: sie macht befangen.Vielleicht ist es mit dem Geschichtswissen wie mit der Askese: beide machen unfrei." (22. Juni 1943)
Klemperer ist zum Arbeitsdienst in einer Tee- und Heilbäderherstellungsfirma einberufen worden. Der Stumpfsinn der eintönigen Beschäftigung ist für ihn eine Geistlosigkeit, er trauert um die verlorene Zeit; sein Stundenlohn beträgt nach den Abzügen 35 bis 40 Pfennig.


"Seit dem 9.10.34 sagte ich an jedem Geburtstag 'nächstes Jahr sind wir frei' es stimmte nie! Diesmal sieht es so aus als müsste das Ende nah sein. Aber sie haben sich so oft, vom Röhmfall an, gegen alle Naturmöglichkeiten gehalten. Warum sollten se nicht noch weitere zwei Jahre Krieg führen und morden? Ich habe keine Zuversicht mehr. Inzwischen werden wir nun ins dritte Judenhaus ziehen und diesmal den Kopf in die engste Schlinge stecken. In der Zeughausstraße wird der zusammengestopfte Judenrest in ein paar Minuten erledigt, wenn es der Gestapo passt." (9. Oktober 1943)
Eine verordnete Umsiedelung bereitet Klemperers große Sorgen. Erneutes Arrangement mit neuem Mitbewohnern, kleinerer Lebensraum und größere Angriffsfläche für die Gestapo. Daneben die große Lebensmittelnot - Kartoffeln sind das einzige Nahrungsmittel das Victor und Eva durch Betteln und mit den wenigen Marken beschaffen können. Die jüdische Kleiderkammer ist verstaatlicht worden, Klemperer muss einen schriftlichen Antrag darauf stellen, seine zerschlissenden Pullover, Socken und Hose ersetzen zu lassen. Außerdem ist Eva leidet schwer an Fieber und Ermüdung. Sie muss für ein paar Tage ins Krankenhaus, erholt sich dort gut. Aber die Angst Victors, ihr könne etwas passieren und er ohne arische Ehefrau völlig schutzlos zu sein, quält ihn sehr.
Der jüdische Friedhof wird für ihn zur Nachrichtenzentrale, überall sonst die Gefahr zu groß, dass Informationsaustausch als "Greuelpropaganda" aufgefasst wird.