Posts mit dem Label Historisches werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Historisches werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 21. März 2016

Er ist wieder da - lit.Cologne macht "Mein Kampf" zum Thema

Siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stellen wir uns erneut die Frage: Wie gehen wir mit Hitlers Erbe um? Seit diesem Jahr gibt es die kommentierte Edition von "Mein Kampf" frei in den Buchhandlungen zu kaufen. Über die Zugänge zum einstigen Tabu wurde auch auf dem Kölner Literaturfest lit.Cologne diskutiert!

Mein Beitrag zu dieser Veranstaltung habe ich diesmal Hier veröffentlicht, ich hoffe, ich bekomme trotzdem ein paar Leser und vielleicht auch ein kleines Feedback!



Dienstag, 26. Januar 2016

Tagebücher des Victor Klemperer (1945)

"Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten"

"Eines steht fraglos fest: die ungeheure Zähigkeit und immer neue Erfindungskraft, mit der die Regierung den Krieg weiterführt. Sie haben schon ein Recht, vom "deutschen Wunder" zu reden, und ich bin mir wahrhaftig ihrer Niederlage nicht mehr gewiss; mindestens werden sie sich noch überlange wehren. Dass sie die masse bei der Stange halten, verdanken sie nicht bloß ihrer Tyrannei. Sondern vor allem dem immer wiederholten (und selbst von Leuten wie Frau Stühler geglaubten!) Die Feinde, und besonders die Bolschewisten wollen euch vernichten, euch buchstäblich töten. Sie verdanken alles dem Schreckensgespenst Bolschewismus, trotzdem sie selbst Bolschewikissimi sind. -" (4. Januar 1945)
Anfang des Jahres tauchen Gerüchte über die Krankheit Hitlers auf, zerschlagen sich aber schnell als "der Führer" wieder im Radio spricht. Die Angst vor der russischen Offensive mischt sich mit der Unklarheit über ihr Vorankommen. Klemperers leiden unter dem Frost und großer Lebensmittelknappheit. Der Dresdener Bahnhof ist überfüllt mit Flüchtlingen, sie kommen in immer größeren zahlen aus Berlin. 'Das Ende scheint nah zu sein', entnimmt Klemperer der vox populi, dem Volkstenor.


"Eva sagte, ich dürfe keine Namen nennen, dürfte niemanden gefährden. Richtig - aber wie könnte ich ohne Namen genau notieren? Ich denke, im Luftschutzgepäck wird man nicht Haussuchen, ich hoffe, zum Haussuchen überhaupt dürfte es schon an zeit und Menschen fehlen." (29. Januar 1945) 
Berlin wird von der russischen Armee verwüstet, die Angst vor den Auswirkungen auf Dresden wächst.
Wenn auf der Straße offen vom nahen Kriegsende gesprochen wird, bleibt Klemperer stumm - die Angst vor Denunziation und dem Verlust des Tagebuchs - dem damit verbundene Schicksal der Genannten in seiner Verantwortung- ist groß.


"Vom Krieg seit 48 Stunden keine Neuigkeit. Es geht zu langsam für uns. -Angst haben alle. Die Juden vor der Gestapo, die sie ermorden könnte vor dem Eintreffen der Russen.d er Arier vor dem Russen, Juden uns Arier vor der Evakuierung, vor dem Hunger. An ein rasches Ende galubt keiner, und Jud und Christ fürchten auch gemeinsam die Bombenangriffe. Heute früh briet Eva eine Extrawurst für uns. Wenn die Russen kommen, sagt sie, werden die Brücken gesprengt; dann müssen wir aus unserem haus bestimmt heraus; entweder der Sprengung halber, oder weil es zur Verteudigung hergerichtet wird. - Wir mussten beide lachen, wie wir so als Selbstverständlichkeit besprachen, was uns früher romanhaft erschienen wäre. Im Grund efürchten wir gar nichts mehr, weil wir ja immerfort, in jeder Stunde, alles zu befürchten haben. Man stumpft ab." (3. Februar 1945)
Die Zahl der Deserteure der deutschen Armee steigt -  von zunächst angenommenen 700 auf 7000. Die Kinos werden geschlossen, es wird sich auf das Kriegsende bereit gemacht. Klemperer wird dazu verpflichtet, Einsatzberufungen zum Arbeitsdienst des Auswärtigen Amtes an die letzten in Dresden lebenden Juden zu verteilen, die noch als "einsatzfähig" gelten. Es ist das Todesurteil für sie.


"Dann sagte er zu mir: Evakuation für alle einsatzfähigen, es nennt sich auswärtiger Arbeitseinsatz, ich selber als Entpflichteter bleibe hier. Ich: also für mich sicherer das Ende als für die Herausgehenden. Er. das sei nicht gesagt, eher im gegenteil gelte das Hierbleiben als Vergünstigung (...) Mein Herz streikte in der ersten Viertelstunde vollkommen, später war ich dann vollkommen stumpf, d.h. ich beobachte für mein Tagebuch. (13. Februar 1945)
Der "auswärtige Arbeitseinsatz" wird als Marsch in den Tod aufgefasst, Klemperer sieht im Daheimbleiben eine noch größere Gefahr - Fliegerangriffe, Gestapo, Kriegsverlauf...
Er ist derjenige, der den vielen Dresdener Juden ihr Todesurteil überbringt, und erfährt die unterschiedlichsten Reaktionen: Von Resignation bis zum völligen Entsetzen.


"Ich war ohne Zeitgefühl, es dauerte endlos und dauerte doch wieder gar nicht so lange , da dämmerte es. Das Brennen ging immer weiter. Rechts und links war mir der Weg nach wie vor gesperrt - ich dachte immer: Jetzt noch zu verunglücken wäre jämmerlich." (13. Februar 1945)
Den 13 und 14. Februar beschreibt Klemperer in seinem Tagebuch als "Die Dresdener Vernichtung". Die Stadt liegt in Schutt und Asche, zwei tage irrt Klemperer von Bunker zu Bunker, verliert Eva, bangt, zu erfahren wer noch lebt und wie es weitergeht soll. Er selbst ist bei einer Detonation am Auge verletzt worden, Das Judenhaus ist zerbombt: Alle Möbel, Lexika, Bücher sind unwiederbringlich zerstört. Nur die Manuskriptseiten trägt Klemperer bei jedem Alarm in seinem Luftschutzgepäck mit sich, außerdem verschafft Eva die Tagebuchseiten regelmäßig zu einer Bekannten nach Pirna.
Auf dem Weg zur 'Nachrichtenzentrale jüdischer Friedhof' reißt Eva Victor den Judenstern von der Jacke herunter. Ab jetzt sind Klemperers das ausgebombte arische Flüchtlingsehepaar "Kleinpeter". Für sie beginnt eine lange Zeit der Flucht, die sie in die bayrischen Provinzen, nach München, Regensburg und schließlich wieder nach Dresden führt.
Bei der folgenden Beschreibung seiner Erlebnisse bis zum Juni des Jahres geht er über den Rahen eines Tagebuchs hinaus, es bekommt die Dimension eines Romans.

"In Klotzsche kamen mir zum ersten mal Gedanken über unsere Verluste. Alle meine Bücher, die Lexika, die eigenen Werke, ein Maschinenexemplar des 18.Jahrhunderts und des Curriculum. Geschied ein Unglück in Pirna, dann ist meine gesamte Arbeit seit 1933 vernichtet. - Im Schreibtisch lagen zusammengestellt die Stücke des dritten Bandes gesammelter Aufsätze. Wie soll ich das wieder zusammenfinden? Bei Thamm sind alle meine Sonderdrucke verrichtet... Das alles focht mich nicht übermäßig an. Das Curriculum würde ich in knapperer und vielleicht besserer Verfassung aus dem Kopfe wiederherstellen. (..) Nur um die LTI wäre es ewig schade." (Februar 1945)
Umstände der Flucht: Essensmarken sind ungültig, über den Wert des Geldes ist man sich unklar und wenn Eva und Victor etwas zu essen bekommen, dann meist umsonst. In der Besatzungszone der Amerikaner sehen sie die so fremdartigen Dunkelhäutigen, überall fahren die Soldaten in Autos. Sie sind freundlich im Verhalten gegenüber der Bevölkerung und den Kindern, denen sie oft Schokolade schenken. Auch lassen sie ihre Zigarettenstummel auf den Straßen liegen, und Victor und Eva gelangen so an etwas Tabak, den besonders Eva schmerzlich vermisst.

"Seit wir hier angekommen, dürften meine Chancen des Überlebens einigermaßen auf 50 Prozent gestiegen sein. Meinen Manuskripten in Pirna aber, die keinerlei Kopie mehr haben, und alle Arbeit und alle Tagebücher umfassen, gebe ich höchstens 10 Prozent Chance." (März 1945)
Und trotzdem notiert er immer weiter, "bis zum letzten". Aus den Stichpunkten die er während der Flucht macht, schreibt er, wenn er in einer passablen Unterkunft Zeit findet, seine Fluchtgeschichte.
Die ständige Angst, dass der Schwindel des fehlenden Judensterns auffliegen könnte - das Todesurteil zu kurz vor Kriegsende - quält ihn zunächst sehr. Aber niemand will mehr Anhänger Hitlers gewesen sein - die Menschen wollen in der Stunde der Niederlage ihren Kopf retten.

"Man unterscheidet die Geräusche. Die raschen und schmetternden Amerikanischen Autos und Autokolonnen kommen nicht in Frage, auch die von den Amerikanern gestellten Transportautos für Militärheimkehrer nicht. Ein Trecker bietet bessere Aussicht, aber manchmal führt er Mist. Am sichersten sind die Pferdefuhrwerke - aber plötzlich biegen sie, zehn Schritt ehe sie unsere Lagerstelle an der Straße erreichen, ins Feld ab. Es gibt auch die Enttäuschung geführter Pferde ohne Wagen. Und dann gibt es noch den Ochsenwagen, die sind nicht viel langsamer als Pferdewagen, aber sie fahren meist nur sehr kurze Strecken." (Mai 1945)
Schlechte Versorgung in Notunterkünften und Nagrungsmittelüebrfluss in vielen Bauernhäuser - doch nicht überall werden Klemperers herzlich aufgenommen. Viele schauen mit Argwohn auf sie herab, in den zerstörten Städten und Dörfern mangelt es auch den Einwohner am Nötigsten. Klemperers lernen die verschiedenen Facetten des Flüchtlingsdaseins kennen. Jeden Tag legen sie kilometerlange Wege zu Fuß zurück, der Zugverkehr ist bis Mai fast komplett eingestellt. Es kursieren Gerüchte um den Tod des Führers, aber an zuverlässige Nachrichten gelangen sie auf ihrer Flucht kaum.

"Überall das selbe Bild in immer neuen Variationen, mit immer neuen Kinoeffekten: Völlige Geröllhaufen, Häuser, die unversehrt scheinen, und nur noch Kulissen sind, Häuser mit abgerisenener Außenmauer und dachlos, aber die einzelnen Stockwerke, die einzelnen Zimmer mit ihren verschiedenfarbigen Tapeten sind noch da, irgendwo ist ein Waschbecken erhalten, schwebte ein Tisch, steht ein Ofen, Häuser, die innen ausgebrandt sind.. (Ende Mai 1945)
Klemperers waren im Februar nach Bayern aufgebrochen, um bei den Eltern von Bekannten Unterschlupf zu finden. Darauf folgt eine Odysee durch Süddeutschland, eine Flucht von Unterkunft zu Unterkunft, jeden Tag legen sie fast 20 Kilometer zu Fuß zurück - vor der Sperrstunde um 21 Uhr müssen sie eine Unterkunft gefunden haben. Sie folgen Evas Plan, sie ist diejenige die in der Stunde der Verzweiflung rational denkt, in dessen Hände Victor sein Leben gibt. Nach vier Monaten Flucht und dem sicheren Kriegsende beschließen sie wieder nach Dresden zurückzukehren, den Weg treten sie auf eigene Verantwortung an. Ein Bild der Zerstörung bietet sich in München, das sie einige Wochen zuvor noch als halbwegs verschont gebliebene Stadt kennenlernt haben, aber auch hier hat es letzte Kämpfe gegeben.  An das Lebens als "arischer Ausgebombter" hat er sich schnell gewöhnt, offenbart seine Identität allerdings jetzt wo er sich des Kriegsendes sicher sein kann. Als Jude kommt ihm an viele Stellen Sonderbehandlung zu. Eien Reiseerlaubnis der Amerikaner bekommen sie - trotz der Position Klemperers - nicht erteilt.

"Am späten Nachmittag stiegen wir nach Dölzschen hinauf." (Juni 1945) 


Victor Klemeperer (1881 - 1960)

Mittwoch, 23. Dezember 2015

Tagebücher des Victor Klemperer (1944)

"Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten"

"Heute bin ich durchaus nicht sicher, dass "er" in diesem Jahr erledigt wird. Resistent, Tyrannei, Dummheit sind alle drei grenzenlos." (01.Januar 1944)
Klemperer ist und bleibt Realist, versucht sich so wenig wie möglich von der "vox populi" beeinflussen oder falsche Hoffnungen machen zu lassen. Die Bevölkerung ist gespalten in fanatische Anhänger Hitlers, die sich von der rechten Propaganda und den vermeintlichen Kriegserfolgen befeuern lassen, und in verdeckte Antinazisten. Doch es gibt immer mehr Menschen, die ihm auf offener Straße Worte des Trostes zusprechen.


"In der Kriegsführung mögen sich die Nationalsozialismus verrechnet haben, in der Propaganda nicht. Ich muss mir immer wieder Hitlers Worte ins Gedächtnis rufen, er rede nicht mit Professoren." (19. März 1944)
Die Nationalsozialisten setzen in ihrer Kriegsführung nun verstärkt auf ihre auf  grenzenlos primitive und verwerfliche Stimmungsmache. Kriegsniederlagen werden vertuscht, mit Vergeltungsdrohungen abgewiesen und das "Weltjudentum" für das Kriegsleid verantwortlich gemacht. Das letzte Kriegsjahr erfordert stärkere Propaganda denn je, es gibt Gerüchte über eine Invasion der Alliierten und die Zurückdrängung der deutschen Truppen an den Fronten. Klemperer notiert immer mehr über die LTI, die Sprache des dritten Reichs. Den Fluch der Superlative, Pejorative und der Einfältigkeit des Wortschatzes durch primitive und radikale Steigerung von vorhandenen Worten durchschaut er mit intellektueller Überlegenheit, und benennt anhand von Meldungen aus dem "Reich" oder dem Heeresbericht die Absurditäten des nationalsozialistischen Sprachgebrauchs.


"Es kommt nicht auf den großen Schlag an, sondern auf den Alltag der Tyrannei, der vergessen wird. Tausend Mückenstiche sind schlimmer als ein  Schlag auf den Kopf." (08. April 1944) 
 Das Leben der Juden in Deutschland ist gefährdeter denn je. Fast täglich hört Klemperer von Deportationen - bringt die Gestapo sie erst nach Theresienstadt, fahren sie direkt in Tod nach Auschwitz, überleben sie den Aufenthalt auf der Gestapozentrale? Klemperer unternimmt Spaziergänge zum jüdischen Friedhof, wo er mit den Arbeitern "die Lage berät" und Neuigkeiten erfährt. Zeitungen beschafft er sich durch Freunde und Bekannte. Täglich tauscht er sich mit ihnen über die aktuelle Kriegslage aus.

"Man sehe in Berlin keine Sternjuden. Die Gestapo sei damit einverstanden, drücke mindestens beide Augen zu. Der Stern wird nicht getragen oder versteckt. (...) Sei die Gestapo durch eine Denunziation zum Einschreiten gezwungen, dann erhalte der Angezeigte zuerst eine Verwarnung, danach eine Geldstrafe... Bei uns dagegen kostet der verdeckte Stern unweigerlich via KZ das Leben.-" (1. Mai 1944) 
In Zeiten in denen das Zeitung lesen und Radio hören für Juden verboten ist, die Hoffnungen auf ein baldiges Ende überschwellen, und die Propaganda der Nationalsozialisten Niederlagen verschleiert, ist es schwer, Erfundenes von Wahrheit zu trennen; Gerüchte von tatsächlichen Ereignissen. Die vox populi neigt zu Übertreibungen, die vox judae, überschwänglich ein baldiges Ende herbeisehnend dazu, nationalsozialistische Gräueltataten gegenüber Juden überspitzt darzustellen oder vermeintliche Erfolge vorschnell als Indiz für ein baldiges Kriegsende zu werten. Klemperers Herz sehne das Ende des Leidens herbei, der Verstand aber könne nicht daran glauben. Seine Rationalität bewahrt ihn vor allzu großen Enttäuschungen.


"Wie viel Arbeit werde ich mit einem Auge leisten können. Und wie viel Zeit bleibt mir? Ursache wahrscheinlich Zucker - daher der qualvolle Durst in der letzen Zeit. Hergang: ein minimaler aber doch ernster Schlaganfall. Ich habe gehofft, an der Angina auf eine anständige Weise zu sterben. Was macht der zweite Schlaganfall aus mir? Einen Haufen Blödsinn im beschissenem Bette, wie aus Grete, wie aus Vater? Soll sich Eva vor mir ekeln oder mit mir plagen? Aber ich habe kein Veronal, ich habe keinen Mut, und ich muss ja das 3.Reich zu überleben suchen, damit Evas Witwenpension sichergestellt wird." (6. Mai 1944)
Klemperer leistet seit dreizehn Monaten Fabrikdienst - aktuell in einer Papierverarbeitungsfirma. Das Pensum schafft er längst nicht, das Abzählen fällt ihm schwer. Die stumpfsinnige und eintönige Arbeit ist reine Zeitverschwendung für den Professor, der immer noch seinen philologischen Studien nachgeht und intellektuell anspruchsvolle Arbeit gewohnt ist. Zudem folgt nach einem leichten Schlaganfall in Folge seiner Angina eine einsetzende Augenlähmung, die ihm selbst den verbliebenen Rest seiner philologischen Tätigkeit zu nehmen droht. Klemperer ist aussichtsloser denn je, in der Fabrik muss er Nachtdienst übernehmen. Schlafmangel, Augenleiden und Herzleiden, das sich durch das regelmäßige beschwerliche Kohlenbeschaffen in der Stadt nur verschlimmert, rauben ihm jegliche Perspektive. In seinem Tagebuch schreibt er offen über Selbstmord.


"Ob nicht das ganze in der Hauptsache zur Ablenkung und Beruhigung des deutschen Publikums "aufgezogen" ist, und dabei unsicherer aufgezogen ist, wie es früher üblich war? oder sehe ich das zu rosig. Die Schlacht in der Normandie schwankt, in Italien kommt England rasch vorwärts, in Südrussland ist es immer noch still, in Finnland gewinnen die Russen Boden- welches Fazit sollte man ziehen? Ich urteile je nach Stimmung, alle paar Stunden anders. -" (19. Juni 1944)
Der Friedhof wird zur Nachrichtenzentrale und wichtigsten Anlaufpunkt für die Beschaffung von Neuigkeiten. Aber jeder Gang nach draußen mit seinem Judenstern bedeutet für Klemperer eine große Überwindung. Nur ein Bespiel für die Grausamkeit gegenüber den Juden: Neben dem Judenhaus wurde ein Lager für russische Gefangene errichtet, und erst kürzlich wurde eine ganze Familie nach Theresienstadt deportiert weil die Tochter ein Verhältnis mit einem Häftling führte.
Klemperer lässt sich auf Grund seines Herzleidens bei seinem Arzt von Arbeitsdienst befreien, stellt einen Antrag auf komplette Dienstentpflichtung. Er klammert sich an die Hoffnung, so mehr Zeit für seine Studien zu haben, doch der Zweifel an der Sinnhaftigkeit und Qualität seiner Arbeit bleibt.


"Seit gestern von dem Gefühl beherrscht: vor dreißig Jahren! Daran schließt sich zuerst immerfort die Betrachtung des Altseins, Am-Ende-Stehens, Keinen-Anspruch-mehr-Haben. Aber es fehlt mir doch so ganz, was ich mir immer als Reife des Alters vorgestellt habe, ich bin weder satt, noch müde, noch irgendwie dem Letzten gegenüber ruhig. Nur absolut skeptisch. - Den Krieg anlangend, so scheint es mir eine grausame Ironie des Schicksals, dass die Russen Ostpreußen gegenüber genau da stehen, wo sie am 1.8.14 standen. Wer soll ihnen heute noch ein Tannenberg bereiten? Sieht man nur auf die Heeresberichte der allerletzten Tage: Normandie, Augustuswo, Warschau, dazu seit gestern Beskidenpaß und Schwanken der Türkei - so muss man sich sagen, dass der Krieg nur noch Wochen dauern kann. Liest man dann die Zeitungsartikel, Reden, Erlasse, so ist auf Jahre hinaus vorgesorgt, die Tyrannei unerschüttert und unerschütterlich, der "Endsieg" trotz aller momentanen "Krisen" - Krise ist das aktuelle Beschönigungswort für "Niederlage" - absolut sicher. Und da diese eiserne Stirn und dies einhämmernde Wiederholen selbst mich beeinflusst, wie sollte es die Masse des Volkes unbeeinflusst lassen? Ich sage mir immer wieder: Sie haben sich so lange gegen alle Natur und Berechnung gehalten, warum nicht noch ein Jahr länger?" (02. August 1944)
Die Gerüchte über die Invasion der Aliierten haben sich bestätigt, die Deutschen Truppen schlagen mit der Vergeltungswaffe "V1" zurück. Die Nationalsozialisten propagieren anhaltende Kriegserfolge, die berichten Zurückdrängung der deutschen Fronten. Klemperer vergleicht die propagandistische Berichterstattung im "Reich" regelmäßig mit der anderer Zeitungen, um die Situation möglichst realistisch einschätzen zu können. Er hat die Vermutung, Deutschland halte die Stellungen an der Ostfront nur so kämpferisch aufrecht, damit es bei einer Eroberung durch die Alliierten nicht den Russen in die Hände falle. Währenddessen wächst das Misstrauen der Juden untereinander, jedes kleinste Vergehen kann sie das Leben kosten.
Am 24.Juni ist Klemperer nach vierzehn Monaten vom Arbeitsdienst befreit worden. Doch die Erleichterung überschattet die dunkle Vermutung, der Arzt habe ihn nur freigestellt, weil er keine lange Lebensdauer für ihn voraussehe....


"Evas Geburtstag. Meine Hände wieder ganz leer, nicht einmal eine Blume." (12. Juli 1944) 
Geburtstage, Hochzeitstage, Feiertage werden von den aktuellen Kriegsereignissen in den Hintergrund gerückt. Klemperer notiert überwiegend die aktuellen Kriegsmeldungen und neue Deportationen. Statt persönliches Befinden oder Alltagsleben protokolliert er die Gespräche über das Fortschreiten der Invasion oder die Fliegerangriffe auf Deutschland akribisch.
Er verzeichnet auch eine Veränderung der Todesanzeigen: Während früher der Heldentod eines jeden Soldaten in einer eigenen Anzeige glorifiziert wurde, werden nun bloß noch die Namenslisten der Gefallenen gedruckt.


"Ich will bis zum letzen Augenblick weiter beobachten, notieren, studieren. Angst hilft nichts, und alles ist Schicksal. (Aber natürlich packt mich doch von Zeit zu Zeit die Angst. So gestern im Keller, als die Amerikaner brummten)." (22. Juli 1944) 
Mit dem Schreiben seines Tagebuchs bringt er nicht nur sich selbst, sondern auch jegliche Personen, die er darin namentlich erwähnt, in Lebensgefahr. Die Manuskriptseiten bringt Eva zwar regelmäßig zu einer arischen Bekannten, doch auch dort sind sie im Falle eines Fliegerangriffes genauso gefärdet. Aber Klemperer gibt das Dokumentieren nicht auf, das Tagebuch ist sein Art, Widerstand zu leisten.
Es gibt mittlerweile Gerüchte um die Auflösung von Mischehen und die anschließende Deportation jüdischer Ehemänner in KZs.  Dresden ist jetzt von regelmäßigem Fliegeralarm betroffen, ein längerer Aufenthalt im Luftschutzkeller war aber noch nicht notwendig. Bis zum Oktober wird Dresden von Fliegerbomben verschont bleiben als eine der wenigen so lange verschont gebliebenen Großstädte Deutschlands.


 "Also Seuchenverdacht. Aber das Gesundheitsamt gibt nichts bekannt. Wer den Verdacht ausspräche wäre Defätist. Auch ist es jetzt, wo Tod an der Front und über den Städten wütet, einerlei, ob noch ein apokalyptischer Reiter zu den anderen stößt. Auch fehlt es an Ärzten, Platz in Krankenhäusern und Arzneien." (30. November 1944)
Im Judenhaus sind gleich zwei Bewohner einer Seuche zum Opfer gefallen. Offiziell heißt es, sie seien an einer septischen Angina gestorben, da die Folgen der Äußerung eines Seuchenverdachts für die Bewohner unberechenbar wären. Das Haus muss desinfiziert werden um die Gefahr einer Ausbreitung einzudämmen. Über den Tod der zwei Freunde schreibt Klemperer nüchtern und distanziert, gar erschreckend kalt. Er versucht sich von deren Schicksal nicht berühren zu lassen, um sich selbst zu schützen.


"Das einzige wesentliche Datum war für mich der 24.Juni. Der Tag meiner Entpflichtung. Seitdem bin ich die Fabriksklaverei los, seitdem habe ich - erst fiel's mir schwer, jetzt bin ich's wieder gewohnt - ausgiebiger für mich arbeiten können. d.h.: aufs Geratewohl Lektüreschreiben sub specie LTI. Aber seit 24.Juni stehe ich auch sehr bewusst unter doppeltem Todesurteil: Wenn ich nicht sehr herzleidend wäre, hätte Katz diese Dienstentpflichtung nicht beantragen und nicht durchsetzen können (freilich half wohl auch die Augenlähmung ein bisschen mit, die sich inzwischen fraglos ein wenig gebessert hat.) Sodann! Wenn es zur Evakuierung Dresdens kommt, würde mich als Arbeitsfähig irgendwo schanzen müssen, während ich nutzloser Judengreis fraglos beseitigt werde. der Zukunft stehe mit geringer Hoffnung und stumpf gegenüber. es ist sehr fraglich wann der krieg zu ende sein wird (obschon im Augenblick die deutsche Chance bei stockender Westoffensive und verlorenem Budapest wieder gesunken ist). Und es ist mir noch fraglicher, ob ich aus dem Frieden nicht etwas werde herausholen können, da ich doch offenbar am Ende meines Lebens stehe. - Irgendwie mich mit dem Todesgedanken abfinden zu können vermag ich nicht; religiöse und philosophische Tröstungen sind mir vollkommen versagt. es handelt sich nur darum, Haltung bis zuletzt zu bewahren. Bestes Mittel dafür ist die Versenkung in Studium, als hätte das Stoffspeichern wirklich Zweck. Dunkel drückend ist auch meine Finanzlage: Bis zum April, bestimmt nicht länger, reicht mein Bankkonto. Aber diese Geldsorge bedrückt mich wenig. Sie scheint mir klein, wo ich mich immer, und zweifach, dreifach, in unmittelbarer Todesnähe sehe. Sehr enttäuschend geht das Jahr zu Ende. Bis in den Herbst hinein habe ich, hat die ganz Welt es für sicher gehalten, dass der Krieg bis Jahresende fertig sei: Jetzt ist das allgemeine Gefühl und auch meines: vielleicht in ein paar Monaten, vielleicht in zwei Jahren. Zweiter Silvesteralarm, ohne Keller  22.15 Uhr bis 22.30 Uhr. Wir wollten gerade schlafen gehen." (31. Dezember 1944) 

Dienstag, 15. Dezember 2015

Tagebücher des Victor Klemperer (1943)

"Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten."

"Aber im Innersten bin ich recht hoffnungslos. Ich vermag mir gar nicht vorzustellen, wie ich noch einmal sternlos als freier Mann und in leidlicher Wirtschaftslage leben könne." (1. Januar 1943)
Das Ende des Kriegs liegt fern - Klemperer hat sich mit seinem Leben unter dem Nationalsozialistischen Terror so weit arrangiert, dass er sich einen Alltag in Frieden nicht mehr vorstellen kann.


"Es ist gar nicht zu sagen, wie sehr mir der Abreißkalender fehlt. Die Zeit steht still." (3. Januar 1943) 
Die Papiernot ist so groß, dass nun auch Kalender gestrichen werden. Die Stunden und Tage vergehen für Klemperer nun noch langsamer, unerträglicher. Währenddessen fordert Goebbels die Menschen zum absoluten Patriotismus auf, und plädiert für die Vereinigung von Nationalismus und Religion.


"-die Tage vergehen rasch und einförmig. Viele Gedanken absorbiert das Essen - Kartoffelnot und Hunger und Müdigkeit. Stagnierender Krieg." (13. Januar 1943) 
Die vox populi scheint sich zu ändern, man wünsche sich ein rasches Ende des Krieges zur Errettung der Juden. Auch die LTI (Sprache des Dritten Reichs) ändert sich: Statt vom "Sieg" spricht man jetzt vom "aushalten".


Juden, ohne den Druck des Antsemitismus oder und vor allem ohne die Furcht vor diesem Druck werden in ihrem gesamten Fühlen und Denken andere Menschen sein -  sie werden aufgehört haben, Juden zu sein sie werden ganz zu den Nationen gehören, in deren Mitte sie leben." (28. Jnuar 1943)
Die Unsicherheit treibe die Juden in den Internationalismus, in den Zionismus und auf der anderen Seite hinter die Mauern der Ghettos.
Außerdem machen es die Undurchschaubarkeit und Ungenauigkeit der Judengesetze den Juden leicht, gegen die Gebote zu verstoßen. Immer wieder kommen neue hinzu ohne die Betroffenen darüber zu informieren. "Irgendwas wird er wohl gemacht haben" - Verhaftungen geschehen ohne ersichtlichen Grund.
Die Sommeroffensive scheitert, die Front wird verkleinert. Im Lebensmittelgeschäft kommt man Klemperers oft entgegen. Auch die jüngeren Hitlerjungen sind meist freundlich.


"Ich lebe noch ich lebe noch ich lebe noch!" Darauf schränkt sich auch mein Empfinden; je nach Stimmung, von Stunde zu Stunde wechselnd, liegt der Ton auf "lebe" und "noch"." (28. Februar 1943) 
Fast alle Juden werden evakuiert und in Arbeitslager deportiert. Klemperer als in Mischehe mit einer Arierin lebend ist nicht betroffen.
Goebbels hat vor zehn Tagen den totalen Krieg erklärt.


"Es ist das Gute am Übermaß an Sorgen, dass man gegen sie, jedenfalls gegen jede, die nicht unmittelbar drängt,erstaunlich abstumpft." (04. März 1943) 
 Es geht das Gerücht um, Mischehen würden geschieden werden. Klemperer berät die Lage mit Bekannten auf dem jüdischen Friedhof: Entweder die Frauen würden Jüdinnen, und beide würden evakuiert, oder die Frau würde sich scheiden und nur der Mann müsste in ein Lager. In beiden Fällen würden Victor und Eva getrennt werden. Eva soll lieber retten was zu retten ist.


"Bei allem Variieren zermürbende Stagnation und dasselbigkeit. Immerfort Kämpfe im Osten,Rückzug an der einen, glückliche Gegenoffensiven an der anderen Stelle, immerfort Ruhe im Westen, immerfort Gerede von innerer Zuspitzung, immerfort Ruhe und Terror -  Ruhe der Bevölkerung, Terror der Regierung. Immerfort extrem optimistische und extrem pessimistische Stimmungen der Juden." (10. März 1943)
Klemperer befürchtet in einer neuen Unterkunft  zusammengedrängt mit anderen Mischeheleuten leben zu müssen. Außerdem fürchtet er sich vor dem Arbeitsdienst und der Unterbrechung seines Studiums. Auch die Nahrungsmittelknappheit sorgt ihn sehr, die Vorräte würden keinen Monat lang ausreichen.
Der Preis für ein Pfund Kaffee liegt auf dem Schwarzmarkt bei 200 Mark. Niemand glaubt mehr an den Wert des Geldes nach dem Krieg.


"Es erschüttert mich einigermaßen. es ist doch Todesgewissheit in sehr absehbarer Zeit. Ich habe in früheren Jahren gehofft, ich würde "später" dem Tod philosophischer gegenüberstehen; nun bin ich einundsechzig Jahre und so unruhig und bedrückt wie je. (...) Es fällt mir schwer, so weiterzuarbeiten, als wenn mir Zeit bliebe, etwas zu vollenden. Aber Arbeiten ist das beste Vergessen." (15. März 1944)
Klemperer hat eine Verengung der Herzgefäße, eine Angina, diagnostiziert bekommen. Er sieht sich jetzt auf eine andere Weise mit dem Tod konfrontiert. Er ist oft müde und erschöpft, das fast tägliche  und oft nicht erfolgreiche Kohlebeschaffen und die Fußwege strengen ihn an.


"Jede Stunde kann es mich treffen. Und dann in de Zelle sitzen und von Minute zu Minute auf den Henker warten, vielleicht einen Tag, vielleicht Wochen, vielleicht erwürgt mich hier auch niemand ("erhänge ich mich nicht"), sondern ich sterbe erst auf dem Weg ins KZ ("bei Fluchtversuch erschossen", oder in Auschwitz selber an "Insuffizienz des Herzmuskels. Es ist so entsetzlich, das in allen Einzelheiten auszudenken im Bezug auf mich, im Bezug auf Eva. Ich dränge es immer wieder zurück, will jeden Tag, jede Stunde ausnutzen.Vielleicht überlebe ich doch."            (25. April 1943)
Es ist Ostersonntag, Klemperer notiert im selben Einrag die Verhaftungen und den Tod von Mitarbeitern. Er gibt sich fatalistisch, doch eine winzige Hoffnung behält er. Die wirklichen Todesursachen der Verhafteten gelangen nicht an die Öffentlichkeit, Morde werden verschleiert, das Volk nicht beunruhigt. Die Judenheit stumpfe immer weiter ab und gewöhne sich an die Unterdrückung: die Verhafteten seien selbst schuld, wenn sie sich nicht streng an die Einhaltung der immer neuen Gesetze sorgten.


"Niemand kann aus der Geschichte lernen weil sie sich nie wirklich und ganz ohne Variante wiederholt. Vielleicht ist Geschichtskenntnis geradezu schädlich: sie macht befangen.Vielleicht ist es mit dem Geschichtswissen wie mit der Askese: beide machen unfrei." (22. Juni 1943)
Klemperer ist zum Arbeitsdienst in einer Tee- und Heilbäderherstellungsfirma einberufen worden. Der Stumpfsinn der eintönigen Beschäftigung ist für ihn eine Geistlosigkeit, er trauert um die verlorene Zeit; sein Stundenlohn beträgt nach den Abzügen 35 bis 40 Pfennig.


"Seit dem 9.10.34 sagte ich an jedem Geburtstag 'nächstes Jahr sind wir frei' es stimmte nie! Diesmal sieht es so aus als müsste das Ende nah sein. Aber sie haben sich so oft, vom Röhmfall an, gegen alle Naturmöglichkeiten gehalten. Warum sollten se nicht noch weitere zwei Jahre Krieg führen und morden? Ich habe keine Zuversicht mehr. Inzwischen werden wir nun ins dritte Judenhaus ziehen und diesmal den Kopf in die engste Schlinge stecken. In der Zeughausstraße wird der zusammengestopfte Judenrest in ein paar Minuten erledigt, wenn es der Gestapo passt." (9. Oktober 1943)
Eine verordnete Umsiedelung bereitet Klemperers große Sorgen. Erneutes Arrangement mit neuem Mitbewohnern, kleinerer Lebensraum und größere Angriffsfläche für die Gestapo. Daneben die große Lebensmittelnot - Kartoffeln sind das einzige Nahrungsmittel das Victor und Eva durch Betteln und mit den wenigen Marken beschaffen können. Die jüdische Kleiderkammer ist verstaatlicht worden, Klemperer muss einen schriftlichen Antrag darauf stellen, seine zerschlissenden Pullover, Socken und Hose ersetzen zu lassen. Außerdem ist Eva leidet schwer an Fieber und Ermüdung. Sie muss für ein paar Tage ins Krankenhaus, erholt sich dort gut. Aber die Angst Victors, ihr könne etwas passieren und er ohne arische Ehefrau völlig schutzlos zu sein, quält ihn sehr.
Der jüdische Friedhof wird für ihn zur Nachrichtenzentrale, überall sonst die Gefahr zu groß, dass Informationsaustausch als "Greuelpropaganda" aufgefasst wird.

Dienstag, 13. Oktober 2015

Er ist wieder da - Kinofilm

Erschreckend realistisch umgesetze Verfilmung einer kontrovers diskutierten Romanvorlage

Romanvorlage 

  • Autor: Timur Vermes
  • Verlag: Eichborn 
  • Erschienen: 21.September 2015
  • Seitenanzahl: 396
  • Preis: 19,33 Euro
  • ISBN: 978-3-485-02815-8 

Vermes' Roman spaltet Deutschland in zwei Meinungen: In einigen Talkshows diskutiert, provoziert der Roman mit der Frage: Darf man mit Hitler lachen? Das Cover zeigt den Titel auf weißem Hintergrund dargestellt als typischen Hitler-Bart, und der Preis des Buches spielt auf sie Machtergreifung Hitlers im Jahr 1933 an. In der Geschichte sympathisiert der Leser mit der Schreckensfigur, und verliert die Distanz zu seinen Gräueltaten. Nichts desto trotz ist der Humor des Autors, mit dem er Hitler das Internet, Fernsehen und die Gesellschaft erkunden lässt unvergleichlich und zum schreien komisch. Die filmische Umsetzung ist eine Erweiterung des Rahmens, der einer Reportage über das menschliche Geschichtsbewusstsein in Form einer unterhaltsamen Polit-Satire nahe kommt.




Kinofilm

  • Kinostart: 08.Oktober 2015
  • Länge: 1h 56 min
  • Altersbegrenzung: freigegeben ab 12 Jahren
  • Gernre: Parodie & Satire
  • Regisseur: David Wnendt
  • Darsteller: Oliver Masucci, Fabian Busch, Christoph Maria Herbst, Katja Riemann, Michael Kessler
  • Produktionsland: Deutschland

Handlung

Wir schreiben das Jahr 2014, der erste Weltkrieg jährt sich zum hundertsten Mal und der zweite ist längst aus den Bewusstsein vieler Menschen verschwunden. Da taucht plötzlich mitten auf einem Berliner Grünstreifen ein Mann mit Offiziersmütze, Uniform und Bärtchen auf, der den Weg zur Reichskanzlei wissen will und darauf besteht, mit 'Führer' angesprochen zu werden. Es ist Adolf Hitler, der in seiner wahrhaftigen Gestalt mit alter Grausamkeit und Ideologie fast 70 Jahre nach seinem vermeintlichen Tod im Deutschland der Neuzeit angekommen ist. Doch alles ist anders als 1945: Der Türke ist in Berlin angekommen und eine "klobige Frau mit dem Gesichtsausdruck einer Trauerweide" regiert die sogenannte Bundesrepublik. In einem Zeitungskiosk gestrandet, mit der Studie der aktuellen Geschehnisse beschäftigt, beschließt er, seiner Vorsehung zu folgen und die Menschen endlich unter seiner Macht zu vereinen.
Am anderen Ende der Stadt verliert gerade der hoffnungslose Filmemacher Fabian  seinen Job, und erkennt seine Chance zum beruflichen Neueinstieg, als er auf die vermeintliche Reinkarnation Hitlers trifft. So beginnt eine verrückte Reise durch ganz Deutschland, eine Bestandsaufnahme der Haltungen der Menschen gegenüber der aktuellen Politik. Mit original Mitschnitten der Begegnungen verwandelt sich der Film von einer komödiantischen Satire zu echter Gesellschaftskritik und erschreckender Warnung. Ob an im Fischrestaurant auf Sylt, bei der Hundezüchterin auf dem Land oder NPD-Aufmärschen, die Zustimmung und die Verdrossenheit gegenüber den aktuellen Lage ist enorm. Zwar glaubt keiner an seine Echtheit, trotzdem überkommt dem NPD-Vorsitzenden bei der Begegnung mit Hitler der Nationalstolz und das Ehrgefühl, und auch der Tenor der Mittelschicht tendiert in Richtung Fremdenhass und Intoleranz. Stammtischparolen und Pauschalisieren, Reaktionen, die Oliver Masucci in seiner Rolle provoziert, aber deutliche Zustimmung erfährt. Masucci, stets in seiner Rolle mit ernstem Blick und Starrsinn, hält uns mit dieser Bestandsaufnahme den Spiegel vor und zeigt: Es ist mehr rechtes Gedankengut vorhanden als wir denken mögen, und stellt uns vor die Frage: Wie würden wir reagieren wenn Hitler tatsächlich wieder in die Mitte unserer Gesellschaft treten würde? Würden auch wir ihn zum Fernsehstar machen, oder die Gefahr erkennen? Anhänger seiner Ideologie gäbe es scheinbar genug...

Persönliche Meinung 

Bereits Timur Vermes' Romanvorlage wirft Kontroversen auf: darf man statt über, mit Hitler lachen? Im Buch sympathisiert der Leser automatisch mit dem etwas hilflosen und mitleiderregenden Hitler, der beim Fernsehschauen am versäumte Propagandapotenzial für die deutsche Bevölkerung verzweifelt, oder auf die Frage nach seinem Namen immerfort und mit eisernem Blick 'Hitler, Adolf' antwortet. Der Film aber schweift von der eigentlichen Geschichte ab, und ergänzt die Handlung durch die Investigation der Bevölkerung, und wirkt dadurch erschreckend authentisch. Er stellt vordergründig nicht die Frage nach der Emphatie für Hitler, sondern nach dem Gefahrenpotenzial der Gesinnungen unserer Mitbürger. Besinnunglos gehen die Probanden aus dem Videomaterial auf Hitlers provokante Parolen ein, schimpfen auf die Regierung und verlangen Fotos und Selfie mit dem Diktator. In wie weit sind wir fähig, rechte Strukturen in unserer Gesellschaft früh genug zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken? Ist Deutschland nicht längst von Rechten unterwandert, und in wie weit können wir uns überhaupt von unserer Vergangenheit befreien? Lässt das Buch das Ende offen und bereitet den Weg für eine Fortsetzung, schließt der Film mit einem vernichtenden Urteil über die historische Reflexionsfähigkeit unserer Gesellschaft.  Im Gegenzug zeigt der Film auch Sequenzen, in denen sich die Menschen von Hitler abkehren, ihn beschimpfen und ihre Angst zeigen; mehrheitlich sind sie aber begeistert von der kommerzialisierten Figur, der Hetze gegen das vermeintliche Übel für das deutsche Kulturgut. Hitler wird im Jahr 2014 zum Internetstar, die Sender streiten sich um sein Programm, und auch Fabian schöpft das Potenzial für seine Karriere aus. Letztendlich ist er der einzige, der die drohende Gefahr erkennt. Allerdings wird er von der Sensationsgier und Besessenheit der Zuschauer übermannt, und sorgt für einen dramatischen Ausgang der Komödie.
Viele Fans hatten sich zwar Christoph Maria Herbst, der bereits das Hörbuch eingelesen hatte, als Hitler-Darsteller gewünscht. Herbst hätte Rolle mit seinem unvergleichlichen Akzent wahrscheinlich noch realistischer verkörpern können. Aber Oliver Masucci beweist großes schauspielerisches Talent wenn er in keinem der Interviews mit den Bürgern oder als Gast in den verschiedenen bekannten Talksendungen aus seiner Rolle fällt. Der Film punktet zudem mit vielen prominent besetzten Nebenrollen, wie Katja Riemann und Christoph Maria Herbst als erfolgsorientierte Senderchefs, oder Frank Plasberg und Jörg Thadeusz, die ihre eigenen TV-Shows nachstellen. Vor allem aber überzeugt er durch seine Verbindung von Fiktion und Realität, es ist eine politische Investigation, die Angst macht, aber wachrüttelt. Der richtige Film zum richtigen Zeitpunkt, eine Warnung, die wir ernst nehmen sollten.

Sonntag, 4. Oktober 2015

25 Jahre geeintes Deutschland - die Geschichte vom Wunsch nach Einigkeit

Beitrag zur Entwicklung des Nationalstaatsgedankens und der friedlichen Revolution in der DDR im Rahmen einer Feierstunde anlässlich des 25.Tags der Deutschen Einheit:

„Ab morgen Nacht sind wir 45 Jahre nach Kriegsende wieder für unser Schicksal verantwortlich. (…) Die Nachkriegszeit ist endgültig vorbei.“, so berichtete die Tagesschau am 01.10.1990. Wieder 25 Jahre später können wir Schüler uns ein Leben in einem geteilten Deutschland nicht mehr vorstellen; ein System, gebaut auf Unfreiheit und Repression - weit weg von unserer Lebenswirklichkeit. Die Deutsche Einheit scheint wie die Erfüllung der Geschichte unseres Landes, die Verwirklichung des Wunsches nach einem Nationalstaat, der sich wie ein roter Faden durch unsere Geschichte zieht. Der Weg zu dem heutigen Deutschland ist von vielen Irr- und Umwegen gezeichnet, und geprägt von dem Streben nach Einheit.

Es ist kein übersteigerter Patriotismus, sondern vielmehr den Umständen im Deutschland nach dem Wiener Kongress geschuldet, dass Hoffmann von Fallersleben im Jahr 1840 komponiert:
„Einigkeit und Recht und Freiheit für das Deutsche Vaterland
Danach lasst uns alle Streben, brüderlich mit Herz und Hand“
Territoriale Einheit für die Einzelstaaten, die Deutschland wie einen Flickenteppich zusammensetzten; Eine Verfassung nach den Idealen der Französischen Revolution auf Basis von Menschenrechten und Demokratie sowie Freiheit für einen geeinten Deutschen Staat.
Deutschland ist längst eine Kulturnation, vereint durch Sprache, Werte und Vergangenheit, die Bestrebungen zur territorialen Einheit unter gemeinsamer Regierung werden jedoch im Zuge der Angst vor einer Hegemonialstellung Deutschlands in Europa unterbunden. Pressezensur, Überwachung und Bestrafung für regimekritische Äußerungen sind die Instrumente der politischen Repression. Die Karlsbader Beschlüsse leiten die Biedermeierzeit ein, und damit die Anpassung der Gesellschaft an die bestehenden Systeme, die Flucht ins Private und Bürgerliche als Rückzug aus den politischen Geschehnissen der Zeit. Doch die revolutionären Kräfte in Deutschland können nicht unterbunden werden, Kundgebungen wie das Wartburgfest oder das Hambacher Fest sind Ausdruck des Dranges  nach Souveränität und Einheit. Künstler, das liberale Bürgertum, Akademiker und Mitglieder der verbotenen Burschenschaften demonstrieren unter Schwarz-rot-goldener Fahne gegen die europäische Politik zur Wahrung der Pentarchie unter den Großmächten. Die Proteste gipfeln in der Deutschen Revolution, in der eine konstituierende Versammlung die Verfassung eines geeinten Deutschen Staates auf Basis einer parlamentarischen Monarchie schaffen soll. Doch auch hier werden die Hoffnungen der Bürger nach der Ablehnung der Kaiserkrone durch den preußischen König enttäuscht. Nach dem Scheitern der Revolution wird durch die Einigungskriege gegen Dänemark, Österreich und Frankreich die Einigung Deutschlands erreicht – mittels Gewalt und  Annexionen. Die Kaiserreichsgründung im Jahr 1871 erfolgte noch in den Wirren des Deutsch-Französischen Kriegs, die Proklamation begleitet von Militärs. Zwar soll eine Parlamentarische Monarchie nach dem Vorbild der Deutschen Revolution die Meinung des Volkes im Reichstag repräsentieren, doch die Ambivalenz im Verfassungssystem schreibt der Volksvertretung nur eingeschränktes Mitbestimmungsrecht zu. Nach dem Untergang des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation im Zuge der Eroberungskriege Napoleons im Jahr 1806 wird Deutschland nach 65 Jahren wieder zu einem souveränen Nationalstaat. Doch der aufkommende Imperialismus der europäischen Großmächte und die „Platz-an-der- Sonne- Politik“  Willhelm des II. stürzt die Welt in die Urkatastrophe des 20.Jahhunderts, den 1.Weltkrieg. Das Kaiserreich verliert den in seinen Dimensionen ungeahnt grausamen Krieg, und wird im Waffenstillstandsabkommen zu einer Neuordnung in einer parlamentarischen Staatsform aufgefordert. In den revolutionären Unruhen im November 1918 wird die Weimarer Republik gegründet, die nach der Machtergreifung Hitlers im Jahr 1933 in einer nationalsozialistischen Diktatur endet. Der Zweite Weltkrieg und der Holocaust kennzeichnen das wohl dunkelste Kapitel der Deutschen Geschichte. Nach der bedingungslosen Kapitulation im Mai ’45 verliert Deutschland erneut seine Staatlichkeit. Die Terrorherrschaft ist vorüber, doch die Zukunft eines gesamten Volkes ungewiss. Wieder wird das deutsche Territorium aufgeteilt und auseinandergerissen. Die Besatzungszonen der Alliierten ebnen den Weg für die Teilung Deutschlands. Im Westen des Landes entsteht die Bundesrepublik Deutschland und im Osten mit der Deutschen Demokratischen Republik ein Sattelitenstaat der Sowjetunion. Ein Land unter dem Demokratiebegriff des Kommunismus, ein totalitäres Regime, Planwirtschaft.

Der Weg in den „goldenen Westen“ scheint für viele die bessere Alternative zum sozialistischen System der DDR zu sein. Als Reaktion auf die Massenfluchtbewegungen und auf die Gefahr des Ausblutens ihres Staates hin lässt das SED-Regime die Grenze zur DDR abschotten. Aus der Aussage „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“ entsteht in der Nacht zum 13.August 1961 die Berliner Mauer. Nach der Zweiteilung eines Landes wird hier eine Stadt auseinandergerissen, Familien getrennt und Schicksale besiegelt. Während im Westen das Wirtschaftswunder der fünfziger Jahre floriert, sind im Osten Nahrungsmittel knapp, die Menschen unzufrieden. Die Frustration spiegelt sich im Volksaufstand vom 17.Juni 1953, in der DDR-Bürger ihren Unmut gegenüber der Regierung äußern.
Ein Beteiligter erinnert sich: „Die Situation unserer Kollegen wurde kurz bekannt gegeben. Innerhalb ganz kurzer Zeit kamen die Kollegen, in Arbeitskleidung, so wie wir waren in Holzpantinen, und nur mit Hemd usw. bekleidet. Dann haben wir uns formiert zu einem Zug von etwa 300 bis 500 Leuten und sind auf der Straße zum Krankenhaus marschiert.“ Der Versuch eines Historikers die Beweggründe der Aufständischen zu formulieren lautet: „Die Bauarbeiter  agierten als Kämpfer ohne Pathos. ’Kollegen, reiht euch ein – wir wollen freie Menschen sein!’ Es ging nicht um die Verwirklichung einer fremden Idee sondern um die Realisierung einer eigenen, menschenwürdigeren Existenz. Nicht das Versprechen der Freiheit, sondern die unmittelbare Handlungsfreiheit, hier und jetzt: Runter vom Gerüst, ran an die Regierung, raus aus den Gefängnissen, rüber über die Grenze – der Drang nach elementaren Freiheiten als Unterpfand der großen allgemeinen Freiheit, das war das bewegende Motiv der Bauarbeiter und des ganzen Volksaufstandes.“ Für die Forderungen nach Freiheit und Demokratie nach dem Vorbild des Westens lassen mehr als 50 Menschen ihr Leben, das SED Regime lässt in Berlin Panzer auffahren um die Demonstration aufzulösen.



Berthold Brecht reflektiert den Aufstand in gekonnt pointierter Weise:


„Die Lösung: Nach dem Aufstand des 17.Juni
Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbandes
In der Stalinallee Flugblätter verteilen,
auf denen zu lesen war, dass das Volk
das Vertrauen der Regierung verscherzt habe
und es nur durch verdoppelte Arbeit
zurückerobern könne. Wäre es da
nicht einfacher, die Regierung
löste das Volk auf und
wählte ein anderes?

In der fatalistischen Ironie des Gedichts zeigt sich die gesamte Paradoxie der Lage im sozialistischen Staat.

Auch Liedermacher Wolf Biermann, 1953 freiwillig in die DDR übergesiedelt, denkt nun ähnlich über die praktische Verwirklichung seiner kommunistischen Ideale. In der Retrospektive resümiert er: „Diese Hoffnung auf ein kommunistisches, soziales Paradies ist nach meiner heutigen Meinung der sichere Weg in schlimmste Höllen.“ Seine Ausbürgerung im Jahr 1976 bricht wie eine Welle über die Szene der Musiker und Künstler herein und gipfelt am 4.November 1989 in der größten Protestdemo der Geschichte des Staates. Seine Worte „Wer sich nicht in Gefahr begibt kommt darin um“ hallen bei den DDR- Bürgern nach. Eine halbe Millionen Menschen versammeln sich auf dem Alexanderplatz – Wortführer sind Prominente wie Schauspieler Jan Josef Liefers, Ulrich Mühe oder Katharina Thalbach. Aber Oppositionelle und Aktivisten versammeln sich schon seit 1981 in der Leipziger Nikolaikirche zu wöchentlichen Friedensgebeten, im Herbst 1989 sind es bis zu 70.000 Menschen. Mit der Parole „Wir sind das Volk“ ziehen jetzt Hunderttausende im ganzen Land bei den Montagsdemonstrationen mit Kerzen und Plakaten auf die Straße, um friedlich für ein geeintes Deutschland zu protestieren. „Wir hatten alles geplant. Wir waren auf alles vorbereitet. Nur nicht auf Kerzen und Gebete.“, so SED-Politiker Horst Sindermann.  Es war die Gewaltfreiheit und der Sanftmut der Demonstranten die den Weg zur friedlichen Revolution mit dem Fall der Berliner Mauer am 09. November ebnen. „Wir Deutschen sind jetzt das Glücklichste Volk der Welt“ reflektiert bereits einen Tag später Politiker Walter Momper und betont dabei die Einheit des Deutschen Volkes ein Jahr vor der eigentlichen Wiedervereinigung.
Am 3.Oktober weht die Schwarz-rot-goldene Flagge auf dem Reichstagsgebäude in West-Berlin, und vereint die versammelten Menschenmassen beider Staaten unter ihrem Zeichen. Sie ist das Symbol  für das endlich wiedervereinigte Deutschland und die Erfüllung der Losung der Friedlichen Revolution „Wir sind EIN Volk“.

Nicht nur damals sind Menschen vor Gewalt, Repression und Unfreiheit geflohen, heute suchen mehr Menschen denn je Zuflucht in Deutschland. Die Deutsche Außenpolitik übernimmt große Verantwortung im Weltgeschehen dieser Tage. Die Regierung der Bundesrepublik dient als internationales Vorbild, die Demokratie auf der Basis von Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und Menschenrechten ist Ausdruck der langen Bestrebungen nach Deutscher Einheit unter diesen Aspekten.
Doch auch heute gehen Menschen montags auf die Straße und demonstrieren gegen die herrschende Regierung. Sie rebellieren nicht gegen die Erhöhung von Arbeitsnormen, Staatliche Verfolgung oder eingeschränkte Handlungsfreiheit, sondern gegen den Einfluss fremder Kulturen in ihrem Vaterland. Patriotismus bekommt hier ein neues Gesicht, äußert Hoffmann von Fallersleben seinen nationalen Stolz aus der Situation eines noch nicht vorhandenen Deutschlands, agieren die Demonstranten dieser Tage aus der übersteigerten Motivation, ihr Kulturgut zu schützen. Vielleicht handeln auch sie nur aus der Überzeugung heraus, ihren nationalen Stolz zu verteidigen, muss aber nicht besonders ein Staat wie Deutschland durch eine Varietät von verschiedenen Lebensarten und Ethtiken geprägt werden – im politischen Tagesgeschäft so wie in der Gesellschaft?

Mittwoch, 9. September 2015

Im Westen nichts Neues - Erich Maria Remarque (Rezension)

Der erste Weltkrieg aus der Perspektive eines Frontsoldaten


  • Autor: Erich Maria Remarque
  • Verlag: Propyläen
  • Erscheinungsjahr: 1929
  • Seitenanzahl: 286

Ihnhalt

Sie sind jung, haben Träume und eine Zukunft: Sie sind noch Kinder als der Krieg sie zu Soldaten macht. Der Tausch von Klassenzimmer gegen die französische Front nimmt ihnen Jugend und Existenz, auch wenn sie den Kampf überleben. Sie werden zu alten Männern, erfahren im Töten, von Leere erfüllt und Menschlichkeit verlassen. Es ist eine ganze Ganze Generation, von der Begeisterung und Kriegseuphorie der Anfangsjahre gepackt, die für das Vaterland kämpft, und dabei alles verliert. 
Remarque erzählt die Kriegserfahrungen des neunzehnjährigen Paul Bäumers, der mit seinen Schulkameraden an der Westfront stationiert ist. In den Schützengräben liegen sie gemeinsam, verbringen ihre freie Zeit zusammen. Sie sind mehr als Freunde, denn im Krieg sind sie eine Familie. Während die Verwandten in der fernen Heimat in völliger Ahnungslosigkeit um ihr Dasein leben, sehen sie einander sterben. Der Krieg mit seiner zerstörerischen Macht hat sie abstumpfen lassen. Die rohe Gewalt und der Alltag an der Front zu aphatischen Kriegern gemacht. Wenn sie auch nicht an der Front sterben, ihre Leben haben sie längst in den Schützengräben verloren.
Als Paul zum Heimaturlaub zu seinen Eltern zurückkehrt, fühlt er sich nicht mehr zu Hause. Mutter und Vater sind ihm fremd geworden, nie mehr wird er in sein altes Leben zurückkehren können, so sehr er sich auch seine Träume zurückwünscht. Der Tod wird zu seiner einzigen Perspektive...


"Unsere Gedanken sind wie Lehm, sie werden geknetet im Wechsel der Tage. Sie sind gut, wenn wir Ruhe haben, und tot, wenn wir im Felde liegen. Trichterfelder draußen und drinnen." -S.266


Persönliche Meinung

Die Urkatastrophe des 20.Jahrhunderts erschüttert die Welt in ungeahnter Intensität. Der Einsatz von Artillerie, Giftgas und Maschinengewehren in Materialschlachten von bisher unbekanntem Ausmaß, das grausame Massensterben in den Schützengräben und die Hoffnungslosigkeit der Soldaten im Stellungskrieg charakterisieren den den ersten Weltkrieg, der mehr als neun Millionen Soldaten das Leben kostete. Erich Maria Remarque hat uns mit diesem Stück Weltliteratur ein beeindruckendes Zeitzeugnis vermacht, ihm ist es gelungen die unvorstellbare Grausamkeit in Worte zu fassen und vor allem die Auswirkungen auf diejenigen, die an der Front Ehre verteidigt und Würde verloren haben, darzustellen. So brutal, dass man am liebsten manche Stellen überlesen möchte, aber von so großer Bedeutung, jedes Wort einzeln aufzusaugen. Es ist eine Lehre und ein Appell an die zukünftigen Generationen, einen solchen gegenstandslosen Krieg nie wieder eine Gesellschaft zerstören zu lassen. Auch Bäumer und seine Kameraden zweifeln an der Sinnhaftigkeit des ewigen Kampfes: Ist der Feind nicht mit der selben Berechtigung überzeugt von seiner Pflicht, sein Heimatland zu verteidigen? Doch im Krieg wird aus Menschlichkeit blanker Hass, und aus Mitgefühl Überlebenskampf; Einen nach dem anderen trägt er der erfahrene Soldat aus den Trichterfeldern, von seinen Freunden bleibt ihm nichts über als die Wunden des Krieges.
Diese Schlacht kennt keine Gesichter, Namen oder Existenzen. Im Schützengraben sind alle Menschen gleich, die ärgsten Kriegsfanatiker werden zu ängstlichen Kindern, und junge Rekruten beweisen eiserne Stärke.
An einem Tag im Sommer 1918, der Heeresbericht meldet, im Westen gebe es nichts neues zu verzeichnen, fällt auch Paul Bäumer als letzter Soldat seiner Kompagnie dem Krieg zum Opfer. So kurz vor Kriegsende ist es für ihn ein erlösender Tod, ins Leben findet er nicht mehr zurück.




                                                                               


Eine Originalausgabe von 1929 - die Bücherverbrennung der Nazis überlebt, soll dieses Werk über alle Zeit von der Brutalität und Sinnlosigkeit des Krieges erzählen!



Sonntag, 23. August 2015

Tagebücher des Victor Klemperer - 1942

"Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten"


"Das Curriculum schleicht. Aber ich halte zäh daran fest. Und ich möchte auch gar zu gern der Kulturgeschichtsschreiber der gegenwärtigen Katastrophe werden. Beobachten bis zum Letzten, notieren, ohne zu fragen, ob die Ausnutzung der Notizen noch einmal glückt." (17. Januar 1942)
Der harte Winter setzt Körper und Geist zu. Victor Klemperer leidet sehr unter dem Umstand, dass seine Vita als letzte große Lebensaufgabe nur schleppend voran kommt. Aber er hält daran fest, das Schreiben lässt den "Juden" wieder zum Menschen werden.


"Immer das gleiche Auf und Ab. Die Angst, meine Schreiberei könnte mich ins Konzentrationslager bringen. Das Gefühl der Pflicht zu schreiben, es ist meine Lebensaufgabe, mein Beruf. Das Gefühl vanitas vanitatum, des Unwerts meiner Schreiberei. Zum Schluss schreibe ich doch weiter, am Tagebuch, am Curriculum." (8. Februar 1942)
Klemperers Freizeit reicht immer seltener zum schreiben, sowohl die Haushaltsarbeit als auch Evas und sein eigener Gesundheitszustand lassen ihn immer weiter verzweifeln. Dazu wird er für zwei Wochen zum Schnee Schippen verordnet: Das bedeutet für ihn, den ganzen Tag über der Kälte und dem Frost ausgesetzt zu sein; eine Arbeit, die seinem schwachen Herzen schwer zusetzt. Und trotzdem kann er Kontakte zu Schicksalsgenossen knüpfen,er kommt so aus der zunehmenden Isolation durch die Judengesetze heraus. Dazu entgegnen ihm die meisten Aufseher als "judenfreundlich".


"Die Essnot wird immer qualvoller. Ich benasche das besser versehene Kätchen Sara  (sie isst weniger und erhält vieles von ihrer Mutter), wo etwas offen und angebrochen herumsteht. Ein Löffel Honig, ein Löffel Marmelade, ein Stückchen Zucker oder Brot. Gestern stand ein angeschnittenes Würstchen auf dem Tisch. Ich säbelte einen winzigen Brocken herunter. Bald danach hörte ich, wie Eva den Muschel aus der Küche vertrieb: Auch er hatte von den Würstchen stehlen wollen." (16. März 1942)
Das Judenhaus weiß kaum mehr, wie es über die Runden kommen soll. Überall wird getauscht, Eva geht nun bei wohlhabenderen Freunden betteln. Oft bekommen sie etwas geschenkt, oft kann wenigstens Eva eine warme Mahlzeit in einem Restaurant bekommen, doch sie geraten immer mehr in Bedrängnis. Dazu kommt die ständige Angst vor einer Haussuchung der Gestapo, überall kursieren Schauergeschichten über das brutale und menschenverachtende Vorgehen der Nazis. Sie sollen die Wohnungen verwüsten, Lebensmittelvorräte stehlen und besinnungslos herumprügeln.


"Aber wir haben zu viele Sorgen, um uns noch Sorgen zu machen. Wir leben von Tag zu Tag, solange man und leben lässt. Eins muss im Laufe der nächsten Monate geschehen: Entweder Hitler geht zugrunde, oder wie gehen zugrunde. Jedenfalls ist das Ende nahe. Wir wollen es in Fassung erwarten."  (24. März 1942)
Klemperers droht nun such der endgültige Verlust ihres Hauses, sie können die Schulden nicht mehr bezahlen. Trotz der aussichtslosen Lage schalten Sie einen Rechtsanwalt ein, und hoffen dass ihnen die Nazis nicht auch noch das letzte Stück ihres früheren Lebens nehmen. Dazu muss nun Eva die langen Einkaufswege zurücklegen, für den Juden Klemperer ist es angesichts der sich häufenden Gestapo-Übergriffe und neuen Judengesetzgebungen zu riskant. Außerdem kann Eva als Arierin dazu leichter an Lebensmittel gelangen. Aber neben ihrem Nervenleiden quält sie ihr Fuß sehr, sie verkraftet die langen Strecken nur schwer. Victor ist tagsüber müde und schlapp, oft muss er für Eva bis spät in die Nacht oder in den frühen Morgenstunden vorlesen um sie bei Laune zu halten. Beide sind stark unterernährt.

"Ich las viel Chamberlain vor, und schlief immer wieder über der Lektüre ein, teils aus allgemeiner Erschöpfung und buchstäblichem Hungergefühl, teils wegen meiner Unfähigkeit, Philosophisches zu verstehen. Es ist erstaunlich, mit wie eng begrenzten geistigen Fähigkeiten ich meine Laufbahn gemacht habe. (Ebenso erstaunlich: mit wie wenig Fachwissen!)" (7. April 1942)
Da er seine Manuskriptseiten längst zu arischen Bekannten zur sicheren Verwahrung gegeben hat, liest Klemperer nun, was er von Freunden ausgeliehen bekommt. Es soll seinem Curriculum und seinem geplanten Buch über die Sprache im Dritten Reich, über die er stetig und viel notiert, einmal nützen. Doch auch starke Selbstzweifel bestimmen sein Denken, er liest viel Fachliteratur und redet sich ein, auch sein Intellekt habe unter der Situation gelitten, er könne vieles nicht mehr verstehen.


"Es ist sehr wichtig, dass sie (Eva) dort etwas zu essen auftreibt; so bleibt mehr Brot für mich hier."    (26. April 1942)
Die Lebensmittel werden immer knapper, es wird zum Sparen aufgerufen, doch Klemperers nagen längst am Hungertuch. Es gibt fast nur noch Kartoffeln, und wenn sie Glück haben, etwas Brot. Victor geht kaum mehr vor die Tür, Eva isst oft in Restaurants, um ihrem Mann die geschenkten oder erbettelten Lebensmittel zu lassen.


"Was gehen mir für Wünsche durch den Kopf? Nicht Angst haben vor jedem Klingeln! Eine Schreibmaschine. meine Manuskripte und Tagebücher im Hause haben. Bibliotheksbenutzung. Essen! Kino. Auto." (8. Mai 1942)
Das Judenhaus ist in die längst erwartete Haussuchung geraten. Die Gestapo Männer haben Klemperers Wohnungen verwüstet, Butter, Speck und Süßstoff für die nächsten Tage gestohlen und Eva bespuckt und ihr ein paar Ohrfeigen gegeben. Victors Tagebuchnotizen haben sie nicht gefunden, sie hätten ihn den sicheren Tod gekostet. Beide sind vergleichsweise glimpflich davon gekommen, andere Bewohner wurden schlimmer misshandelt. Doch die Angst vor einem erneuten Besuch von "Spucker" oder "Boxer" ist nun noch größer, gepeinigt und entwürdigt schrecken sie bei jedem Türklingeln zusammen, und verstecken Lebensmittel und Tabak unter den Schränken. 


"Der erhobene Katzenschwanz ist unsere Flagge, wir streicheln sie nicht, wir behalten die Nasen hoch, wir bringen das Tier durch...." (14. Mai 1942)

Juden ist es verboten Haustiere zu halten. Klemperers wollen dem Kater Muschel, seit elf Jahren ihr treuer Begleiter, den qualvollen Tod durch die Tiersammlungen der Nazis ersparen. Allerschwersten Herzens entscheiden sie sich, ihn einschläfern zu lassen. Dabei gehen sie ein hohes Risiko ein, von der Gestapo erwischt zu werden. Besonders Eva fällt der Abschied schwer.


"Aber ich schreibe weiter. Das ist mein Heldentum. Ich will Zeugnis ablegen, und exaktes Zeugnis."        (27. Mai 1942)
 Das Curriculum stagniert, doch Klemperer ist froh dass er die Seiten bei der Haussuchung sicher untergebracht hatte. Er rechnet jede Sekunde mit einem erneuten  Besuch der Gestapo, sie waren bereits ein zweites Mal da. Der Hunger ist sein ständiger Begleiter, genauso wie die Verzweiflung und die Frage: wie lange noch, und ob überhaupt...?

"Ich war wieder kindisch, feige und egoistisch: Ich dachte an den riesigen Schuster und sah die ganz, ganz kleine Urne. Da kam mir der Gedanke der Vernichtung noch näher und schüttelte mich noch mehr als einem Sarg gegenüber. - Am Nachmittag, nachdem ich lange geschlafen, las ich viel im Grätz. Bei den Lebensdaten der Personen fiel mir immer wieder auf, wie wenige Leute über die Mitte Sechzig kommen, und immer wieder schüttelte mich das Gefühl der Vernichtung. Selbst wenn ich Hitler überlebe, wie viel bleibt mir noch? Es ist so dumm: Nur das Nichtsein, nichts anderes fürchte ich." (5. Juli 1942)
Vier Haussuchungen in zwei Wochen haben das Judenhaus gezeichnet. Klemperers konnten der prügelnden Gestapo zwar wieder leidlich entgehen, doch der Schrecken sitzt ihnen tief in den Knochen. Oft erfahren sie in diesen Zeiten vom Tod oder "gestorben werden" Bekannter oder früherer Freunde. Auch die Schauergeschichten von Gestapo-Verhören und KZ-Deportationen häufen sich. Manchmal bringt Eva Erzählungen von ihren Restaurantbesuchen und Einkäufen in der Stadt nach Hause oder sie erfahren die Neuigkeiten von ihren Mitbewohnern. Auch besuchen sie wieder Bekannte außerhalb des Hauses, oft fungiert Klemperer dabei als tröstender Beistand, obwohl er selbst nicht an einen guten Ausgang der Situation glaubt.


"Als wir im Mai 40 hier einzogen , sagten wir uns, dies sei ein Provisorium. Und nun nach zweieinhalb Jahren wird ein neuen "Provisorium" beginnen, und unter welch verschlechterten Verhältnissen. Allein die Sommer! Im Sommer 40 die weiten Ausflüge, im Sommer 41 immer noch Spaziergänge und Sattessen, im Sommer 42 ist Eva an die Stadteinkäufe gebunden, und ich lebe wie ein Gefangener, und beide hungern wir. Und täglich lege ich mir die Frage vor, ob ich den Sommer 43 erlebe. Die anderen Männer des Judenhauses sind alle hin (...)" (21. Juli 1942)
Evas und Victors Zustand verschlechtert sich stetig. Beide sind abgemagert, Victor stiehlt weiter Zucker oder Brot bei seiner Nachbarin im Judenhaus. Umgeben von immer grausameren Erzählungen von Bestrafungen der Gestapo für die kleinsten Vergehen, traut er sich nur noch selten nach draußen. Zu viele Juden werden derzeit die Arbeitslager und KZs deportiert, zu schnell erhalten die Familien die Todesnachricht. Entweder heißt es darin "bei der Flucht erschossen" oder "an Altersschwäche verstorben". Eva ist fast den ganzen Tag mit der Lebensmittelbeschaffung beschäftigt, oft steht sie stundenlang vergeblich vor den Lebensmittelgeschäften an.



"Wir sind jetzt Sechzig Jahre als, und von diesen sechzig haben wir sieben als Kriegszeit durchlebt., mehr als zehn Prozent. Europa im 20.Jahrhundert! Aber welch eine anständige Sache war der vorige Krieg, wie wenig Entsetzen im Vergleich zu diesem hatte er für mich. Unter allem, was ich tue und denke, immer das Bild des Galgens in einer Gefängniszelle." (31. Juli 1942)
Viele Juden begehen in diesen Zeiten Selbstmord, wollen dem Hitler-Regime nicht zum Opfer fallen, und haben Angst vor einem qualvollen Verenden im KZ. Victors Gedanken kreisen Tag und Nacht um die Zukunft, wie lange wird der Krieg noch dauern? Die vox populi bewegt sich ständig zwischen Euphorie und Depression, er hat Albträume von einer erzwungener Selbsttötung in Gefangenschaft. Auch eine Judenhaus-Bewohnerin hat in diesen Tagen Selbstmord verübt, es war bereits ihr zweiter Versuch. Veronalvergiftung, sie hatte einen Bescheid zur Deportation nach Theresienstadt erhalten.



"Auf kein Alter, keine noch so völlige Gelähmtheit, keine Schmerzen werde im geringsten Rücksicht genommen. - Was ich an alldem soviel grässlicher finde als ähnliches bei den Russen: es ist nichts Spontanes dabei, es ist alles methodisch organisiert und angeordnet, es ist "kultivierte" Grausamkeit, und es geschieht heuchlerisch, im Namen der Kultur und verlogen. Bei uns wird nicht gemordet."    (14. August 1942)
Die Nazis bringen immer mehr alte Menschen nach Theresienstadt, wo sie entweder schon beim Transport verenden, sich zu Tode arbeiten, oder nach Auschwitz oder Mauthausen zur endgültigen Vernichtung deportiert werden.


"Es fällt mir alles ein, was ich entbehre und vielleicht nie wieder haben werde. Abstinenz macht schmutzig. Ob sie sich auf Zucker oder Kino, Tabak oder Frauen, Brot oder Auto bezieht. Man ist von dem Entbehrten immer in schmutziger Begehrlichkeit besessen."   (16. August 1942)
Auf den Straßen sind die abgemagerten Menschen mit dem vor Hunger aufgeblähten Bäuchen und aufgenähten Judensternen ein alltägliches Bild. Die Lebensmittelknappheit trifft Klemperers stark. Für Eva wird es immer schwieriger, eine Mahlzeit in einem Restaurant zu finden, satt wird auch sie dort längst nicht mehr. Zudem leidet Victor unter dem Zustand seiner Kleidung, oft bekommt er Jacken oder Schuhe von den verstorbenen oder deportierten Bekannten vererbt. Dienstleistungen wie Frisör oder Schuster sind für ihn nur schwer zu erhalten. Seine Gedanken kreisen um sein Überleben und die Markenknappheit, ohne die Lebensmittelspenden von Bekannten käme er wahrscheinlich nicht durch den Monat.


"In unseren Zimmer das Chaos, in Küche und Waschküche unten die Schwierigkeit , an meinem Korpus die Ungewaschenheit auch heute noch kaum viel anders als am Donnerstag. Ich rasiere mich, aber ich schlafe ohne Nachthemd, tout nu. Eva ist bis zum Zusammenbrechen abgehetzt, kommt nur wenig zum Auspacken, Einordnen. Ich finde wenig Zeit zum lesen, zum Schreiben, das bisschen Abwaschen, das bisschen Michwaschen, ein gelegentlicher Weg fressen den Tag. Abends beim Vorlesen schlafen wir nach 20 Zeilen ein." (8. September 1942)
Seit fünf Tagen wohnen Klemperers in einem neuen Judenhaus, das vorherige wurde aufgelöst. Bei der Wahl ihrer neuen Bleibe hat die Besuchsquote der Gestapo eine große Rolle gespielt. Jetzt leben sie mit zwanzig Leidensgenossen zusammen in einer alten Herrenvilla, die mit ihrer weiten Empfangshalle, hoher Decke und Galerie den Glanz der alten Zeit verkörpert. Viele Mitbewohner aber arbeiten tagsüber, sodass sie das Haus oft ganz für sich alleine haben. Eva begibt sich morgens auf Lebensmittelsuche, Victor holt sie von der Tramhaltestelle ab, und schleppt die Errungenschaften, meist schwere Kartoffelsäcke, nach Hause. Oft besuchen sie Freunde und Bekannte. Dort leiht sich Klemperer seine Bücher, die er zum Zeitvertreib und als Studium für sein Curriculum liest. Seine an Geisteskrankheit leidende Schwester ist kürzlich verstorben, doch Klemperer rührt der Verlust nicht sonderlich, er ist abgestumpft von den täglichen Todesmeldungen. Zu viele Menschen kehren nicht heim von ihren Gestapo-Besuchen, oder kommen in Theresienstadt auf ungeklärte Weise ums Leben.


Klemperer notiert viel in diesem Jahr. Sein Curriculum stagniert, sein Tagebuch ist das einzige was ihm bleibt, er beginnt darüber nachzudenken, es einmal veröffentlichen zu lassen. Er ist sich seiner Situation so ungewiss wie nie, jeden Tag rechnet er mit einer Haussuchung oder einem Deportationsbescheid. Außerdem kursieren Gerüchte über die Scheidung von Mischehen von Juden und Ariern, zu oft macht er sich Vorwürfe, Eva leide mehr als er. In seiner schriftlichen Korrespondenz mit Bekannten im Ausland kann er seine Situation nicht schildern, Briefe unterliegen längst der Kontrolle der Gestapo und auch sonst kann jedes kleine Vergehen tödlich enden. Immer lastet die Frage "Wie lang noch?" auf ihm, er sieht in seinem Dasein keine Zukunft mehr. Auf Beerdigungen wird von der Wertschätzung des Überlebens gepredigt, vom Schutz Gottes und der Bewahrung vor dem Übel. Um ihn herum begehen viele Juden Selbstmord oder werden in Arbeitslager deportiert, er erwartet das gleiche Schicksal. Zu schnell müssen sich Klemperers von gerade erst vertraut gewordenen Freunden verabschieden, was Victor und Eva von ihnen bleibt, sind oft nur einzelne Bücher aus deren Bibliotheken, die den Nazis nicht in die Hände fallen sollen, oder weitere Kleidungsstücke für den verschont gebliebenen Victor. Viele Arier wissen um die ausweglose Lage der Juden nicht einmal Bescheid.


"Judengesetze":
10.01.12: Abgabe von Woll- & Pelzsachen
17.02.42: Verbot des Beziehens von Zeitungen & Zeitschriften
03.42: Verbot von Blumenkäufen
24.04.42: Verbot der Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln
15.05.42: keine Haltung von Haustieren
29.05.42: keine Friseurbesuche
09.06.42: Abgabe aller entbehrlichen Kleidungsstücken
11.06.42: keine Raucherkarten
19.06.42: Abgabe aller elektrischer Geräte & Fahrräder
20.06.42: Schließung jüdischer Schulen
18.09.432: kein Fisch, Eiern &Milch


Hier geht es zur Vorstellung des Tagebuchs von 1940 - 1941
Hier geht es zur Vorstellung der Tagebücher von 1937 - 1939
Hier geht es zur Vorstellung der Tagebücher von 1935 - 1936
Hier geht es zur Vorstellung der Tagebücher von 1933 - 1934


Mit besonderem Dank an Moppi Moopenheimer!













Sonntag, 26. Juli 2015

Der Trafikant - Robert Seethaler (Rezension)

Vom Erwachsenwerden in einer extremen Zeit und einer besonderen Beziehung zu Sigmund Freud


  • Autor: Robert Seethaler 
  • Verlag: Kein & Aber 
  • Preis: 9,90 Euro  (Taschenbuch)
  • ISBN: 978-3-0369-5909-2


Über den Autor

Robert Seethaler (*1966 in Wien) ist ein vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und Drehbuchautor. Er hat einen angeborenen Augenfehler und besuchte eine Grundschule für Sehnehinderte. Für seine Veröffentlichungen bekam er brreits mehrere Preise und Stipendien, sein Drehbuch zu "die zweite Frau erhielt 2009 drei Grimme Preise. Auch als Schauspieler ist Seethaler aktiv.


Inhalt

Wien der 1930iger Jahre: Franz ist von einem Provinz-österreichischen Salzkammergut nach Wien gezogen, um eine Lehre als Trafikant bei dem alten Otto Trsnjek zu beginnen, um sich als eigenständiger junger Mann zu beweisen. Während sich draußen die politischen Ereignisse überschlagen, scheinen die Meldungen den kleinen Zeitschriftenladen nicht zu erschüttern. Franz erfährt in dem kleinen Geschäft das Leben in der Stadt, das so anders ist als das in dem verschlafenen Dorf. Auch seine erste Liebe findet er im fremden Wien, die Böhmin Anezka bricht ihm jedoch schnell das Herz und treibt ihn in seine erste Lebenskrise. In seiner Verzweiflung und Überforderung mit dem so neuen und unheimlichen Gefühl der Liebe wendet er sich gerne an einen seiner treuesten Stammkunden, Professor Sigmund Freud, und entwickelt eine tiefe Freundschaft zu ihm. Als die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten letztendlich auch die Straßen von Wien erreicht, können aber selbst die blinden Fenster der alten Trafik die Augen nicht mehr vor dem drohenden Unheil verschließen: Der alte Otto Trsnsjek wird von der Gestapo abgeholt und kommt auf ungeklärte Weise in einer Haftanstalt ums Leben, und auch Freud emigriert nach London aus Furcht vor den Auswüchsen des propagierten Judehasses. Franz zieht es den Boden unter den Füßen weg, er verliert die einzigen Menschen, zu denen er in der Fremde Vertrauen gefasst hat, und leidet an unergründlichem Heimweh nach seiner Mutter und der Ruhe und Beständigkeit des Dorflebens. Doch die Erfahrungen aus Wien haben ihn reifen lassen, und er stellt sich den Herausforderungen seiner Zeit. Ein wunderbares Buch über das Selbstständig werden und den Abschied in einer Welt, die ein schnelles Erwachsenwerden erfordert.


Persönliche Meinung

Inmitten des bedrohlichen politischen Umbruchs und gesellschaftlichen Wandels im Nazi-Regime sucht ein siebzehnjähriger Junge nach Liebe und Heimatgefühl in der Fremde, entdeckt dabei Liebe und Sehnsucht und reift zu einem jungen Mann heran. Feinfühlig und aufmerksam erzählt Seethaler eine Geschichte in der Malerischen Kulisse des verschlafenen Wiens, das in dieser Zeit auf brutale und gnadenlose Weise wachgerüttelt wird.
Siegmund Freud zeichnet Seethaler als den gebrechliche alte Mann, der er zum Ende seines Lebens gewesen ist. Dadurch dass er den weltbekannten und zur damaligen Zeit höchst umstrittenen Psychoanalytiker in seinem privaten Umfeld darstellt und besonders auf das Verhältnis zu Tochter Anna eingeht, zeigt er ihn in einem neuen Licht.
Franz' Träume, die ihn in Folge seiner schmerzhaften Verluste und seines Heimwehs plagen, spiegeln die Stimmung der Zeit wieder und zeigen auf erschütterliche Weise, wie ein junger Mensch die Erlebnisse verarbeitet. Auch das innige Verhältnis zu seiner Mutter zeichnet Seethaler in vielen Karten und Briefen, und verdeutlicht damit den Ablösungsprozess und das Selbstständigwerden des jungen Mannes.
Kraftvoll lässt er das Buch mit Franz' ganz eigener Rebellion gegen die Naziherrschaft enden, und lässt den Leser mit einer Art Genugtuung zurück. Denn obwohl Franz sich letztendlich den Nazis beugen muss, hat er doch ein Zeichen gegen den Hass und Rassenpolitik gesetzt.


Hier geht's zur Lit.Cologne-Lesung von Robert Seethaler & Hanns Zischler im März 2015

Hier geht's zur Rezension von Seethalers "Die Biene und der Kurt'



Samstag, 11. Juli 2015

Tagebücher des Victor Klemperer 1940-1941

"Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten."


Klemperers ziehen ins Judenhaus und geben das letzte Stück Würde, persönliche Freiheit und Hoffnung auf eine bessere Zukunft ab. Die Fliegerangriffe häufen sich, die Volkstimmung ist schwer zu erfassen und Victors Arbeit kommt nur schleppend voran. Nur über den Fanatismus der Nazis in Verbindung mit ihrer Sprache notiert er viel, wenn er den Krieg, wenn er das Regime überlebt will er aus seinem Beobachtungen ein Buch machen.


"Ein ständiges zerrüttetes in der Schwebe, und das gilt von der privaten und der allgemeinen Angelegenheit. Kommt die Offensive? Wann? Und wann müssen wir hieraus? (31.03.1940)
Auch der große Traum vom Lebensabend im eigenen kleine Haus in Dölzschen wird nun von den Nazis zu Nichte gemacht. Ihnen droht die Übersiedelung in ein Judenhaus, die Behördenwillkür des Dritten Reichs macht auch vor den Professor und der Arierin keinen Halt. Was wird dort auf sie zu kommen? Eingepfercht mit anderen Schicksalsgenossen, warten sie auf die weiteren Einschränkungen ihres Lebens  durch die perfiden Judengesetze.



"Das Chaos des Umzuges hat begonnen, neun Zehntel der Möbel müssen auf den Speicher, wir vernichten viel Schriftliches und Gedrucktes als Ballast, was wir solange bewahrt hatten. Im Garten legt Berger seine Ladenstufen an und zerstört, was Eva in Jahren aufgebaut hat. Und bei alledem das trostlose Gefühl, dass eine günstige Änderung unserer Lage auf keine Weise anzunehmen ist."  (16.05.1940)
Ein ganzes Leben wird in Kartons gepackt und weggesperrt. Werden Victor und Eva jemals wieder nach Dölzschen zurückkehren können? Hier wird nun eine arische Familie ihr Glück finden, Klemperers haben ihres endgültig verloren. Die neuen Bewohner zerstören, was die beiden mit viel Herzblut und Kampfgeist errichtet haben.



"Gehobenes KZ" (06.06.1940)
der Einzug ins Judenhaus stellt für Victor und Eva eine große Herausforderung dar. Sie müssen sich mit den anderen Bewohnern arrangieren, auf einen Großteil ihrer Privatsphäre verzichten.



 "Niemand weiß genau, was erlaubt ist, überall fühlt man sich bedroht. Jedes Tier ist freier und rechtlich gesicherter." (06.07.1940)
Die Schlinge aus perfiden Gesetzen zur Entwürdigung der Juden zieht sich immer weiter zu. Entrechtet und gepeinigt versuchen Klemperers ihren Lebensalltag im Judenhaus zu gestalten, Victor schreibt so viel wie möglich an seiner Biograhie während es um Evas Gesundheitszustand immer schlechter steht.



 "Wir tappen im Dunklen, sind fatalistisch, hoffen immer wieder" (07.07.1940)
Die politische Lage ist undurchschaubar, immer wieder tauchen neue Gerüchte auf, doch es ist schwer der Volksstimme einen Tenor zu entnehmen, zwischen Gerücht und Fakten zu unterscheiden. Die Lage zwischen England und Deutschland bleibt angespannt, wann greifen die deutschen Truppen an? Und was geschieht mit den Juden bei einer Niederlage Deutschlands?

"Jeden Tag tauschen Gerüchte über neue Torturen auf,  und bisher sind die meisten in Erfüllung gegangen." (30.08.1940)
Ständig neue Judengesetze und Verhaftungen bei kleinsten Vergehen. Die Lebensmittel sind knapp, neben den Rationskarten ist es schwer, an Essen zu gelangen. Auch wegen der "Juden verboten"-Schilder in Restaurants und Lokalen müssen Victor und Eva immer öfterauf ihren kleinen Luxus vom außerhäusigem Abendessen verzichten.


"Wie viel Lauferei und Herumstehen, wie viel äußerste Bitterkeit ist in dieser Notiz enthalten, welch ein raub und welch ein irreparabler Verlust. Wann soll ich je wieder zu einem Wagen kommen?" (20.02.1941)
Nachdem Klemperer seinen Führerschein bereits1938 abgeben musste, verbietet ihm ein neues Judengesetz nun auch, ein Auto zu besitzen. All seine Bemühungen um den Wagen, all die Reparaturen für die er oft sein letztes Geld gegeben hat, und die nervliche Belastung - umsonst? Auch die kleinen Fahrten die ihn und Eva kurz aus ihrer tristen Lebenswirklichkeit befreien konnten, gehören nun der Vergangenheit an; die Hoffnung einmal wieder an ein Fahrzeug zu gelangen ist gleich null angesichts der ungewissen Zukunft.


"Ich habe mich sosehr an den Gedanken der Haft gewöhnt, dass er mich nicht mehr im Arbeiten stört, und dass ich die Sache fast humoristisch nehme." (24.03.1941)
Verdunkeln - eine der wichtigsten Pflichten eines deutschen Bürgers zu Kriegszeiten. Victor und Eva halten sich immer genau an die Vorgaben, sie verdunkeln ihre Zimmer immer pünktlich - bis Victor einmal ein Fenster vergisst und denunziert wird. Ihm droht eine Woche Haft, denn auch nach großen Bemühungen lässt sich die Behörde nicht erweichen. Allerdings gestattet man ihm das Lesen und Notieren, und auch Eva geht es nach einem harten Winter nervlich deutlich besser.



"Aber vielleicht wird der Kelch an mir vorübergehen, vielleicht wird er nicht ganz so bitter sein, vielleicht werde ich vorher sterben. Ich sage mir jetzt oft: Schließlich liegt ein langes, interessantes nicht einmal ganz erfolgloses Leben hinter, auf alle Fälle nur noch ein Rest vor mir - was kommt es so groß auf ihn an?" (14.04.1941 Ostermontag)
Dunkle Gedanken am Osterfeiertag. Die Zukunft Deutschlands liegt in völliger Ungewissheit, die Lebensumstände im Judenhaus werden immer schwieriger. Klemperers ziehen einen Umzug nach Berlin in Erwägung, dort sollen Juden mehr Freiheit besitzen, doch bevor ihre Planungen ernst werden können, wird die Hauptstadt für jüdische Einwanderer gesperrt.


"Und die Furcht vor dem vergeblichen Warten ist meine einzige Todesfurcht" (aus der Haft vom 23.06-01.07.1941)
Klemperers Schilderungen aus der Haft sind erschreckend. Allein mit seinen Gedanken in Einzelhaft, ohne Bücher und Papier wie anfangs versprochen, erträgt er das Warten auf das Ende der Woche kaum. Als Eva ihn besuchen kommt, schämt er sich für seinen Zustand. Er beginnt darüber nachzudenken, ob er Eva mit der Verwirklichung seiner Ziele und Pläne in den letzten Jaren nicht übergangen hat.


"Aus der Hölle war ich wohl an meinem Bleistift hochgeklettert." (aus der Haft vom 23.06 bis zum 01.07.1941) 
Professor Victor Klemperer ist am Boden angelangt. Seine Gedanken kann er nicht mehr kontollieren, er zählt die Sekunden bis zu seiner Entlassung - bis ihm ein Beamter aus Mitleid ein Blatt Papier und einen Bleistift gibt. Es ist seine Rettung aus der Depression, die Möglichkeit einige weige Notizen machen zu können, die ihn die Tage überstehen lassen.


"Alles Schwanken hat nun ein Ende. Das Schicksal wird entscheiden. Während des Krieges können wir nicht mehr heraus, nach dem Krieg brauchen wir es nicht mehr, so oder so, Tod oder lebendig." (27.06.1941)
Klemperers blicken den nächsten Jahren mit Resignation entgegen, der Glaube an eine Zukunft schwindet. Fliegerangriffe versetzen das Judenhaus immer öfter in Angst, Klemperer kommt nur langsam mit seiner Arbeit voran und Evas Nerven versagen zunehmends.


"Judengesetze":
06.02.40: Entzug der Kleiderkarte
29.02.40: kein Fernsprechanschluss
01.09.40:Verpflichtung zum Tragen des Judensterns &Verlassen des Wohnbezirks nur mit Genehmigung
26.12.41: Verbot der Nutzung öffentlicher Fernsprecher


Hier geht es zur Vorstellung der Tagebücher 1937 - 1939
Hier geht es zur Vorstellung der Tagebücher 1935 - 1936
Hier geht es zur Vorstellung der Tagebücher 1933 - 1934

Dienstag, 9. Juni 2015

1913 Der Sommer des Jahrhunderts - Florian Illies (Rezension)

Ein großes Zeitdokument der Intellektuellenszene im Sommer vor der Urkatastrophe des 20.Jahrhunderts
  • Autor: Florian Illies
  • Verlag: Fischer
  • Preis: 10,99 Euro 
  • ISBN 978-3-10-036801-0

Über den Autor

Florian Illies (*1971) ist Gründer der Kunstzeitschrift "Monopol" und schrieb beriets für Zeitungen wie die Zeit und FAZ, unter anderem als Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Er hat Kunstgeschichte und Neuere Geschichte in Bonn und Oxford studiert, und ist mit mehreren Preisen für seine literarische und journalistische Arbeit ausgezeichnet. Neben seinem ersten Buch mit historischen Hintergrund "1913", veröffentlichte Illies "Generation Golf", "Anleitung zu Unschuldigsein", Generation Golf II" und "Ortsgespräch".


Inhalt

In einer Ambivalenz aus sicherer Wahrung in Kriegsfernheit und ideologischer Wappnung für eine Katastrophe bewegt sich das Europa des Jahres 1913.
Während der Aquarellmaler und politisch durchaus interessierte Adolf Hitler von Wien nach München zieht, kämpft Franz Kafka im fernen Prag mit sich selbst und der so fremden und unkontrollierbaren Zuneigung zu Felice Bauer. Europa ist in Aufbruchsstimmung, die alles verklärende und idealisierende Epoche der Romantik ist endgültig vorbei, der Expressionismus macht Platz für Ecken und Kanten sowohl in der Kunst als auch in der Dichtung und der Musik. Thomas Mann schreibt den "Tod in Venedig", wenig später stirbt der Verlegerssohn Gerhart Fischer in der Italienischen Stadt, Freud stellt die Theorie vom Vatermord auf, und wird gleich darauf von seinem Schüler C.G. Jung erdolcht. Eine Nebenerscheinung des Stromes der neuen Zeit ist die Depression, und die "Neurasthenie", die viele Intellektuelle in den Wahnsinn reißt. So auch Maler Oskar Kokoschka, der vollkommen besessen von der Witwe Gustav Mahlers sein größtes Meisterwerk nach ihrem Vorbild erschafft; und Georg Trakel, der allabendlich auf Kokoschkas Bierfässern sitzt, und sich aus Sehnsucht nach seiner Schwester verzehrt. Depression und Verzweiflung bestimmen die Dunkle Dichtung vieler Literaten dieser Tage, so auch Trakels. Aber dieses Jahr bietet auch feurige Liebesgeschichten, wie das Verhältnis der frisch getrennten, orientalisch angehauchten Jüdin Else Lasker-Schüler mit dem vom Angesicht des Todes gezeichneten Pathologen Gottfried Benn; beide könnten sie unterschiedlicher nicht sein, verfallen einander in einer kurzen aber intensiven Liebesbeziehung, die in ihrer Ausfechtung in der Poesie ihres Gleichen sucht. Liebe, Verzweiflung und Todessehnsucht ziehen sich wie ein roter Faden durch die persönlichen Schicksale der Intellektuellen in Europa, und reißt viele in den Wahnsinn ihrer eigenen Verzweiflung.
Auch die nachfolgenden Pioniere der Weltliteratur wachsen in dieser Zeit des Strebens nach der Moderne und des Scheiterns am Ungewissen auf; so schreibt der vierzehnjährige Berthold Brecht aus Langeweile und Liebeskummer kleine Gedichte, und der achtzehnjährige Ernst Jünger setzt sich im August in Winterkleidung ins Treibhaus der heimischen Villa um seinem Traum von Afrika näher zu kommen, während Albert Schweitzer nach seiner Promotion als Arzt bereits sein Urwaldkrankenhaus aufbaut. Stalin besucht Wien, während Hitler im Männerhaus Sehenswürdigkeiten zeichnet, und Eva Braun wird im Mai bereits ein halbes Jahr alt.  Florian Illies unternimmt eine eindrucksvolle und mitreißende Reise durch die Ruhe vor dem Sturm, das Jahr bevor die große Urkatastrophe des 20.Jahrhunderts Europa erschüttern sollte.


Eigene Meinung

Es ist eine seltsame undefinierbare innere Zerrissenheit zwischen Zunkunftsfantasie und Todessehnsucht, die die Lebenswirklichkeiten der Intellektuellen im Jahrhundertjahr 1913 trennt und vereint. Florian Illies erzählt ihre Geschichten mit so viel Authenzität, Charme, Witz und bitterer Vorausschau, als schreibe er einen Kitschroman. Die Stimmung scheint zwischen einer Art Weltfremdheit und düsterer Vorahnung zu wanken, denn alles scheint möglich in dieser Zeit, nichts jedoch planbar. Man ist der Euphorie genauso nah wie der Depression, die verklärte Idylle der Romantik wird endgültig verdrängt von der tosenden Zukunftsversiertheit der Moderne. Fortschritt und Rückschritt sind sich so nah wie nur selten in diesem impulsiven Jahr.
So klar Illies die beeindruckend überraschenden Querverbindungen zwischen Literatur, Musik und Kunst auch zeichnet, bleibt doch immer Raum für Spekulation. Es sind merkwürdige Zusammenhänge und folgenreiche Begegnungen so kurz vor dem ersten Weltkrieg, in einer Zeit, in der die Richtung die die europäische Geschichte nehmen würde, noch unklar war. Ein einmaliges Portrait der Europäischen Intellektuellen, eingeholt von Expression und Moderne voll Liebe, Leidenschaft und Verzweiflung gleichermaßen.
Ein großes Buch; Florian Illies beschriebt nur 12 Monate, und doch fängt er das Gefühl einer ganzen Zeit ein. Ein Epochenjahr wird zum Epochenroman.



Hier geht es zu der Rezension von Florian Illies' erstem Buch "Generation Golf"!