Sonntag, 28. Dezember 2014

Rezension- Generation Golf (Florian Illies)

Eine Hommage an die Achtziger-Jahre-Jugend mit all ihren Macken und Liebenswürdigkeiten
  • Autor: Florian Illies
  • Verlag: Argon
  • Erschienen: 2000
  • Seitenanzahl: 224
  • ISBN-10: 3870245123


Über den Autor

Florian Illies (*1971) ist Journalist, Kunsthistoriker und Kunsthändler. Er studierte Kunstwissenschaften und neuere Geschichte in Bonn und Qxford. Der "Generation Golf " folgten die beiden weiteren Bände "Anleitung zum Unschuldigsein" im Jahr 2001 und "Generation Golf 2" im Jahr 2003, in denen er seine Beobachtungen bestärkt.



Inhalt

Die heutige Jugend ist ganz anders als früher! -  dieser Satz wird vielen Jugendlichen von ihren Eltern vorgeworfen, aber waren die damals wirklich so viel besser? Was macht die Generation der in den Achtzigern aufgewachsenen Jugend eigentlich aus? Florian Illies fühlt den Eigenheiten und dem Charakter der "Generation Golf" auf den Zahn, herzlich und analytisch. Er lässt Kindheit und Jugend Revue passieren, schwelgt in den schönen Kindheitserinnerungen vom Nutella essen am Wochenende und dem nach-dem-Baden-Wetten-dass-gucken-Ritual am Samstagabend, setzt sich aber auch mit dem übertriebenen Markenkult und die Politikverdrossenheit seiner Generation auf humorvolle und liebenswerte Weise auseinander. So beschriebt er die aufkommende Ego-Gesellschaft, die den erarbeiteten Wohlstand der Eltern genießt, und im Gegensatz zur rebellischen Vorgängergeneration der '68iger lieber über die neusten Videorecorder diskutiert als gegen Atomkraftwerke zu demonstrieren. Es ist die Darstellung einer Generation, für deren Sinnbild nicht etwa eine historische Epoche oder ein politisches Ereignis, sondern ein Mittelklasse-Auto steht, und von dessen Entwicklung sie geprägt, und von dessen Werbekampagnen sie geleitet wurde. Als Betroffener und Mitschuldiger portraitiert Illies seine Generation und beschäftigt sich kritisch, aber niemals anklagend oder anprangernd mit den Stigmata, sodass der Leser mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf die "Generation Golf" zurückblicken kann.
"Die achtziger Jahre waren das langweiligste Jahrzehnt dieses Jahrhunderts. Nicole sang von ein bßchen Frieden, Boris Becker spielte ein bißchen Tennis, Kaffee hieß plötzlich Cappuccino und Raider Twix. Aber sonst änderte sich nix. Noch ahnten die zwischen 1965 und 1975 Geborenen nicht, daß sich das ganze Leben anfühlte wie die träge Bewegungslosigkeit eines gut gepolsterten Sonntagnachmittags. Ja, noch ahnte man nicht einmal, daß man einer Generation angehörte, der Generation Golf..."

Persönliche Meinung

Während früher Geha- oder Pelikan Füller die Jugend in zwei Gruppen teilte, wird heute nach Apple und Samsung Smartphoneusern selektiert. Der Markenkult hatte seinen Ursprung in den Achtzigern, heute wird nur in völlig anderen Dimension ausgelebt. So konnte ich beim lesen einige Parallelen zischen der Generation meiner Eltern und meiner eigenen feststellen, denn im Grunde ist es mit der Politikverdrossenheit doch immer noch genauso wie damals: Wir wissen mehr über das neuste Modell der "Play Station" als über die Wahleegebnisse der letzten Bunsestagswahl. Ich kann nun auch die Zerstörung von Kindheitserinnerungen einer ganzen Altersgruppe durch die Absetzung von "Wetten, dass..." besser nachvollziehen, und bin dankbar für dieses Buch, durch das ich viel über die Kindheit und Jugend meiner Eltern gelernt habe.
Die Inspektion der "Generation Golf" gibt Hoffnung für die die Entwicklung der heutigen Jugend (vielleicht Generation Digital?), denn aus den Golf- Anhängern und Barbour-Jacken-Trägern ist schließlich auch noch was geworden.



Mittwoch, 24. Dezember 2014

Frohe Weihnachten!

Die Buchstory gibt es jetzt genau einen Monat und 20 Tage und ich weiß nicht, ob es wirklich Menschen gibt, die meinen Blog regelmäßig verfolgen. Trotzdem möchte ich allen, die diesen Post lesen von Herzen ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest, und nicht nur einen guten Start ins neue Jahr, sondern ein gesamt erfolgreiches und gutes 2015 wünschen.


Ich hoffe, dass mehr Menschen auf die Buchstory aufmerksam werden und bin gespannt wie sich der Blog entwickelt.


Viele Liebe Grüße
Pia :)

Der Hobbit: Die Schlacht der fünf Heere - Kinofilm

Viel Brutalität gemischt mit ein wenig Sentimentalität
  • Regie: Peter Jackson
  • Drehbuch: Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson, Guillermo del Toro
  • Produktionsland: Neuseeland
  • Erschienen: 1.Dezember 2014
  • Länge: 144 Minuten
  • FSK: 12 Jahre

"Die Schlacht der fünf Heere" -  oder besser gesagt die Schlacht der fünf Gemetzel, Blutbäder oder Abschlachtereien. Ich bin kein Fan von Fantasybüchern oder -filmen aber ich hatte bereits die ersten beiden Teile der Saga aus Mittelerde gesehen und war positiv überrascht, also wollte ich mich auch auf den letzten und entscheidenden Part einlassen. Zunächst einmal hat mir eine kleine Wiederholung der vorherigen Ereignisse aus den ersten beiden Teilen gefehlt, eine kurze Zusammenfassung der Geschehnisse zum Wiederreinkommen in die Geschichte. Stattdessen sah ich mich sofort mittendrin im Geschehen: die Seestadt wird vom bösen Drachen Smaug niedergebrannt, Menschen sterben, werden von den Flammen gefressen. Als die fünf Heere aufeinandertreffen wird es nicht besser, die Brutalität zieht sich durch den ganzen Film, er ist von Tod und Krieg gezeichnet: wegen der Uneinsichtigkeit Torin Eichenschilds kämpfen Orks, Elben, Menschen und Zwerge gegeneinander; dank Computeranimation werden die Dimensionen der Heerscharen beeidruckend dargestellt, aber leider lassen sich auch die Kampf- und Mordvorgänge ziemlich genau beobachten.
Was die Geschichte an sich betrifft, finde ich die Idee, dass sich die Völker der Erde bekriegen, nur wegen der Machtbesessenheit und dem Größenwahnsinn eines einzelnen, sehr realistisch. Es wird um den Berg des Drachen gekämpft, den jedes Volk für sich beansprucht, bis die grausame Arme der Orks angreift, und Torin Eichnschild dank des Hobbits Bilbo Beutlin endlich begreift, dass er seinem Wahn verfällt. Die Streitparteien vereinigen sich und verschreiben sich dem gemeinsamen Kampf gegen die Meute der scheußlichen Kreaturen aus Gundabad, die offensichtlich mächtigste Fraktion. Der Akt der Einsicht Eichenschilds und die Rolle der Freundschaft zu Bilbo hat mir ebenfalls gut gefallen genauso wie die ungleiche Liebesgeschichte zwischen der Elbin Tauriel und dem Zweg Kili. In einer rührenden Szene muss Tauriel mit ansehen wie ihr Angebeteter qualvoll stirbt und erkennt dann erst ihre wahrhaftige Liebe zu ihm. Auch die Tatsache, dass die Schlacht der fünf Heere im Grunde eine David gegen Goliath Angelegenheit ist, bei der letztendlich die Guten gewinnen gefällt mir; allerdings fand ich es etwas komisch, dass die kleinen Zwerge gefühlte 5 Meter hohe Orks mit ein paar Säbelschlägen erledigen können. Auch dass sich Eichenschild und sein Cousin mitten im Gefecht umarmend in Wiedersehensfreude sulen, während rundherum der bittere Kampf tobt, erschien mir etwas unrealistisch, auch wenn es sich um einen Fantasy Film handelt. Von dem Ende war ich ebenfalls etwas enttäuscht: Bilbo Beutlin kehrt ins Auenland zu seiner Hütte zurück, findet sie ausgeraubt und leergeplündert vor. Ich hatte erwartet er würde sein Lebensende mit den so lieb gewonnenen Zwergen verbringen, aber der Film schließt letztendlich mit dem mittlerweile 120 Jahre alten Bilbo, der an seinem Geburtstag Besuch vom alten Gandalf dem Grauen bekommt und voller Erinnerung und Wehmut auf seine Karte von Mittelerde blickt.
Die ersten beiden Teile der Triologie haben mir deutlich besser gefallen, dort wurde nicht permanent gekämpft. "Die Schlacht der fünf Heere" war mir eindeutig zu brutal, obwohl mir die Story an sich und die kleinen Sentimentalitäten sehr gut gefallen haben.

Ich weiß dass ich mit meiner Meinung ziemlich alleine darstehe, aber ich wollte trotzdem meine Sicht als nicht-Fantsy-Fan schildern.

Habt Ihr den Film/die Filme auch schon gesehen? Ich würde mich sehr über Eure Meinungen in den Kommentaren freuen!

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Rezension - Das Pubertier (Jan Weiler)

Der Horror der Adoleszenz lustig und authentisch dargestellt
  • Autor: Jan Weiler
  • Verlag: Rowohlt - Kindler
  • Seitenanzahl: 128
  • Erschienen: März 2014
  •  ISBN 978-3-463-40655-8


Über den Autor:

Jan Weiler ist durch sein erfolgreich verfilmetes Romandebüt "Maria ihm schmeckt's nicht" bekannt geworden. Es folgten weitere Romane, darunter zwei Kinderbücher. Weiler ist verheiratet und hat zwei Kinder.


Inhalt:

Die Pubertät - Kinder entwickeln sich langsam zu erwachsenen Menschen und werden zu eigenen Persönlichkeiten; jedoch nicht ohne vorher ordentlich gegen die Eltern zu revoltieren, und das Leben zu Hause auf den Kopf zu stellen. Eine Transformation vom süßen Knirps zum pubertären Backfisch. Jan Weiler ist selbst Vater eines Sohnes und einer Teenager-Tochter, und weiß besonders gut, wie Mädchen in dem Alter ticken. Er beschreibt die Entwicklung seiner Tochter Carla vom 13. bis zum 15. Lebensjahr mit all ihren Eigenheiten, die die Adoleszenz Phase eben mit sich bringt. Gestern noch Papas kleine Prinzessin, heute die hormongesteuerte Zicke, die den Vater nur noch spießig findet.
Carla ist plötzlich faul, unordentlich, sozial inkompetent und interessiert sich zu allem Überfluss und zu Papas größter Sorge auch noch für Jungs! Weiler analysiert auf äußerst investigative Weise das Verhalten des von ihm so genannten "Pubertiers" und bringt dem Leser diese neuartige Gattung Mensch näher. Ob als Versuchsleiter, der sein Forschungsobjekt kritisch beobachtet oder als Vater, der aus seinem Alltag im Pubertätschaos erzählt. Als solcher beschreibt er seine verzweifelten Versuche über Facebook am Leben seines Sprösslings und der anderen Betroffenen teil zu nehmen und die Diskussionen ums monatliche Taschengeld, die letztlich keine sind, weil die Halbstarken-Fraktion sowieso immer gewinnt. Ob Beziehungskrise oder Zahnspangenwahnsinn - Weiler beschreibt seinen facettenreichen Alltag mit einer pubertierenden Hormongesteuerten und wie er mit den verschiedenen Entwicklungsstadien derselben umgeht. Zwischendurch berichtet er immer wieder von seinen Forschungsergebnissen als Wissenschaftler, der das Pubertier als fremdes Geschöpf beobachtet und zu verstehen versucht - ebenfalls auf sehr witzige und authentische Weise, begleitet von lustigen Illustrationen von Till Hafenbrak. Das Buch schließt mit einer Andeutung auf die Entwicklung seines jüngeren Sohnes, der nun mit 11 Jahren beginnt ein Deo zu benutzen, und sich die weiblichen Wesen näher anzusehen - es bestehet also Hoffnung auf eine Fortsetzung über die Gattung der männlichen Pubertiere!


Persönliche Meinung

Schuldig im Sinne der Anklage! Beim lesen habe ich so manches Mal Parallelen in den Verhaltensmustern zwischen Carla und mir entdeckt müssen, und mich ertappt gefühlt! Gerade deshalb war es sehr amüsant, die Reaktionen des Vaters auf das neuartige Benehmen von Carla zu beobachten, und ich finde, er sieht die Pubertät ziemlich locker. Er ist ständig bemüht daran, am Leben seiner Tochter teilzunehmen, auch wenn sie ihn zunehmend davon ausschließen will, er versucht es ihr recht zu machen, das ist rührend. Auch in Konfliktsituationen reagiert Weiler so, wie man es sich eigentlich von den eigenen Eltern wünschen würde: relativ gelassen und humorvoll. Ich muss sagen, da sind meine Eltern deutlich unprofessioneller ;)
Jan Weiler versteht es, seine Erfahrungen mit dem Pubertier auf eine witzige und lebensnahe Weise darzustellen, ohne dabei die Pubertät selbst zu verurteilen und allzu sehr ins Lächerliche zu ziehen. Denn obwohl er sich ausgiebig über die fragwürdigen Umwege der Adoleszenz amüsiert, hat es doch den Anschein, dass er die Entwicklung respektiert und Verständnis dafür zeigt. Auch die passenden Illustrationen zwischendrin haben mir seht gut gefallen.
Meiner Meinung nach, ist das Buch der richtige Stoff für Eltern, deren Kinder im gleichen Entwicklungsstadium festzustecken scheinen, und die lernen sollen, wie man als Erzieher ohne Frust und Streit, sondern mit Verständnis und Unterstützung reagieren kann.
 Denn letztendlich ist das Pubertier immerhin ein junger Mensch, der einfach manchmal auch nicht so genau weiß, wohin er gehört und was mit ihm passiert. Ich weiß, wovon ich spreche!
Ich hoffe auf eine Fortsetzung, denn die 128 Seiten in diesem recht kleinen Buchformat waren doch schnell durchgelesen. Ein heiteres, kurzweiliges Buch sowohl für die Pubertiere als auch für ihre verzweifelte Halter!


Samstag, 13. Dezember 2014

Rezension - Zwei Leben (Samuel Koch & Christoph Fasel)

Samuel Koch verunglückte vor laufenden Kameras und beschreibt sein Leben vor und nach dem folgenschweren Unfall
  • Autoren: Christoph Fasel & Samuel Koch
  • Verlag: adeo
  • Erschienen: April 2012
  • Preis: 17,99 Euro
  • Seitenanzahl: 208 (mit Fotos)


Über die Autoren

Samuel Koch "schrieb" seine Biographie mit Hilfe des Journalisten, Autors und Medienwissenschaftlers Christoph Fasel. Er ist Doktor der Germanistik, besuchte die Henri-Nannen-Schule und schreibt für den Stern, die Bild-Zeitung und die Zeitschrift Eltern.


Inhalt

Es ist der 4. Dezember 2010 und Fernsehdeutschland verfolgt gebannt die letzte "Wetten, dass..." Sendung des Jahres mit Thomas Gottschalk und Michelle Hunziker. An diesem Abend soll eine ganz besondere Wette den Zuschauern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz den Atem rauben: Der 23-jährige Samuel Koch, langjähriger Turner und Schauspielstudent will fünf unterschiedliche, auf ihn zufahrende Autos überwinden; mit einem Vorwärtssalto und auf fast einen halben Meter hohen Stelzen. Soweit der Plan, aber beim dritten Fahrzeug gelingt ihm sein Kunststück nicht so wie geplant: er kommt für eine Nanosekunde auf dem Dach auf, und setzt seinem bisheriges Leben von einer Sekunde auf die andere ein jähes Ende. Hinter dem Steuer saß sein eigener Vater. Einige Hundert Zuschauer in der Halle und ein Millionenpublikum vor dem Fernsehern sind live dabei.
Samuel Koch ist seit diesem Unfall vom Hals abwärts gelähmt, ist Tetraplegiker. Er verbrachte einige Zeit in Klinik und Rehabilitationszentrum in der Schweiz, ist dem Tod von der Schippe gesprungen. In seinem Buch beschreibt er den langen Weg in einen halbwegs normalen Alltag, sein plötzliches Leben in der Öffentlichkeit und im Medienrummel, und wie ihm sein Glaube und seine Familie in seiner heutigen Situation helfen, nicht zu verzweifeln; vor allem aber lernt der Leser den Samuel vor dem Unfall kennen: Einen beliebten, unbefangenen und extrem sportlichen jungen Mann, für den sein Körper und das Training alles bedeuteten. Der Unfall hat ihn zu einem sehr nachdenklicher, vom Schicksal gezeichneter Vollpflegebedürftigen gemacht. Trotzdem: Er kämpft sich zurück ins Leben, hat sein Schauspiel Studium wieder aufgenommen und ist voller Hoffnung für die Zukunft; auch wenn er nur langsam Fortschritte macht und des Öfteren Rückschläge einstecken muss. Aber er macht das Beste aus seiner Situation, und schaut nach vorn, eben typisch Samuel!


"Da stehe ich nun im gleißenden Scheinwerferlicht, eingerahmt von Thomas Gottschalk und Michelle Hunziker. Über 10 Millionen Fernsehzuschauer können mich sehen, hier in der Düsseldorfer Messehalle sind es 4300 Augenpaare , die auf mich fixiert sind. Es ist die 191. "Wetten, dass..." -Sendung. Michelle stützt mich, um ruhig zu stehen brauche ich diese Unterstützung heute Abend durchaus. Der Grund dafür: ich bin unförmig ausgerüstet - 42 Zentimeter größer und 9,5 Kilo schwerer als sonst. Mein Bodenkontakt begrenzt sich auf zwei ein-Euro-Münzen-große Flächen. Wenig später passiert der schreckliche Unfall." 




Persönliche Meinung

Was für ein bewundernswerter Mensch! Samuels Einstellung gegenüber seinem Schicksal und seinem neuen Leben sowie seine positive Ausstrahlung sind bemerkenswert! Er nimmt den Leser mit in die dunkelsten Stunden seines Lebens und bewegt damit tief. Gefangen im eigenen Körper; gerade er, für den sein Sport alles war, kann heute nur den Kopf drehen und minimal seinen rechten Arm bewegen um seinen fast 200kg schweren Rollstuhl zu steuern. Aber trotz allem was ihm passiert ist, strahlt er eine so positive Einstellung zum Leben aus. Beim Lesen kamen mir meine eigenen Ärgernisse im Alltag unglaublich banal vor.
Samuel hat sich mit seinem Schicksal abgefunden aber will seinen Zustand so nicht annehmen, sondern arbeitet hart an einer Verbesserung, er ist eine Kämpfernatur. Beeindruckend finde ich auch, wie sehr ihn seine Familie und seine Freunde begleiten und stützen. Natürlich nehmen auch Michelle Hunziker und Thomas Gottschalk Anteil an seinem Leidens- und Lebensweg: mit einem Vorwort Gottschalks wird auf dem Buchcover geworben. Von diesen leider nur zwei Seiten war ich allerdings etwas enttäuscht, mir hat Hunziker Nachwort deutlich besser gefallen. (Aus dem Unfall haben jedoch beide ihre Konsequenzen gezogen, sie gaben die Moderation der Sendung auf)
Außerdem gefällt mir das Titelbild an sich sehr gut, es zeigt nur Samuels Kopf und lässt zunächst nicht auf sein Schicksal schließen und stellt ihn als normalen jungen Mann dar.
Die Schilderung seines Lebens vor dem 4.Dezember 2010 ist jedoch etwas langwierig, was das Buch bis dahin eher zäh erscheinen lässt. Auch ist der Schreibstil stellenweise holprig, von einem promovierten Germanisten hätte ich besseres erwartet. Insgesamt ist Samuels Geschichte aber sehr bewegend und tief beeindruckend gestaltet, auch durch die vielen Einschübe von Schilderungen und Eindrücken von Freunden, Familie und Pflegern.


In der aller letzten "Wetten, dass...?" Sendung trat Samuel als Gast auf, um nicht zuletzt seinen neuen Film "Honig im Kopf" unter der Regie von Till Schweiger zu präsentieren. Auch seine eigene Stiftung will er aufbauen: Bei all der Aufmerksamkeit und dem medialen Interesse ist es Samuel extrem wichtig, dass auch an all diejenigen Gelähmten, die nicht in der Öffentlichkeit stehen wie er, gedacht wird, und appelliert an die Gesellschaft, den Blick für sie zu schärfen.
Man könnte jetzt mit Fug und Recht sagen: Selbst schuld, wer sich in Gefahr begibt kommt darin um! Und ja, Samuel Koch hat freiwillig, wenn auch mit etwas mulmigen Gefühl bei "Wetten, dass..." mitgemacht, aber trotzdem -entgegen einiger anderer Kritiken- erschüttert mich seine Geschichte zutiefst, und ich finde nicht, dass sein Buch bloß als ein Teil einer inszenierten Medienkampange daherkommt. Natürlich gibt es hunderte Para- und Tetraplegiker in Deutschland, die ein solches Schicksal erleiden müssen, doch Samuel Koch nutzt seine Prominenz aus und gibt Ihnen eine Stimme.


Ich werde mir seinen neuen Film auf jeden Fall ansehen und wünsche Samuel alles Gute für seine berufliche und vor allem gesundheitliche Zukunft!








Mittwoch, 3. Dezember 2014

Rezension - Der Schattensammler (Carl Djerassi)

Schatten- und Sonnenzeiten aus dem Leben von Carl Djerassi
  • Autor: Carl Djerassi
  • Verlag: Haymon Verlag
  • Erschienen: 01.08.2013
  • Preis: 24,90 Euro
  • Seitenanzahl: 480
  • ISBN 978-3-85218-720-4



Über den Autor

Carl Djerassi veröffentlichte mit 90 Jahren seine mittlerweile dritte Autobiographie. Er gilt als Erfinder der Anti-Baby-Pille, hat Kulturen verändert und viele Auszeichnungen dafür bekommen. Aber er ist auch als Schriftseller von Lyrik und Kurzgeschichten bekannt, und erfand die neue Romangattung "Science-in-Fiction". Dabei thematisiert er die Problematiken der Reproduktionsmedizin auch in fiktiven Geschichten und Theaterstücken.



Inhalt

In seiner „aller letzten“ Biographie resümiert Carl Djerassi über sein Leben als Chemiker, Schriftsteller, Theaterautor und leidenschaftlicher Kunstsammler. Er beleuchtet die Kapitel seines Lebens und bezieht sich dabei immer wieder auf Passagen aus seinen früheren Autobiographien, Romanen und Theaterstücken.
Etwas skurril  lässt er sein Buch mit einem Zeitungsartikel über seinen vermeintlichen Freitod beginnen. Seine Mutter hatte früher in zahlreichen Situationen mit ihrem Selbstmord gedroht, was zu zunehmender Entfremdung zwischen den beiden gesorgt und ihn geprägt hatte.
Die Chemie spielt sowohl in Djerassis Leben als auch in seiner Biographie eine große Rolle.
Im Verlauf seines Buches kommt er so immer wieder auf die Reproduktionsmedizin und ihre Folgen zurück, schonungslos offen berichtet er zum Beispiel von seiner eigenen Vasektomie. Ausgiebig berichtet er natürlich auch über die Erfindung der Pille, sein Lebenswerk, durch das er auf er ganzen Welt bekannt wurde. Interessant ist jedoch, dass er den Namen "Anti-Baby-Pille im Deutschen verabscheut, er sieht sie als Mittel für Frauen und nur gegen nicht gewollte Kinder. Auch will er nicht nur als "Mutter der Pille" in den Köpfen der Menschen sein, sondern auch als Schriftsteller und Kunstsammler gewürdigt werden.
Zurzeit lebt Djerassi in San Francisco, London und Wien, trotzdem bezeichnet er sich selbst als heimatlos. Geboren in Österreich, emigrierte er nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in die USA. Mittlerweile hat er sich mit seinem Heimatland versöhnt, dadurch ein weiteres Zuhause bekommen. Der Selbstmord seiner Tochter aber hat ihm aber sein wichtigstes genommen.
Auch seine Jüdische Herkunft thematisiert er, erzählt von den Reaktionen seiner Kollegen. Nebenbei zitiert er Passagen aus seinem früheren Werk „Vier Juden auf dem Parnass“.
Wie er überhaupt zum Schreiben fand, enthält er dem Leser auch nicht vor: Nach der Trennung von seiner Freundin begann er einen Roman über ihre Beziehung und mehrere Gedichte zu schreiben, hat sie aber nie veröffentlichen.
Der Kunstliebhaber in Carl Djerassi nimmt ebenfalls einen großen Raum in seinem Leben ein. So beschreibt er, wie er nackt ein Werk Paul Klees ersteigert, Österreich nicht ganz ohne Hindernisse beschenken will und vor allem erzählt er von seinen Förderprogrammen für junge Künstler. Er nämlich gründete die größte Künstlerkolonie westlich des Mississippi, beherbergt heute Künstler aus über 30 Länder und wandelte so dem größten Schicksalsschlag seines Lebens, den Tod seiner Tochter, ins Positive um.



Persönliche Meinung

Carl Djerassi beweist, er ist ein Lebenskünstler. Er hat die Gesellschaft mit seiner Forschung verändert, ist wegen der Erfindung Pille auf der ganzen Welt bekannt.
Mit Sicherheit ist er eine schillernde Persönlichkeit, von den Schatten seines Leben und seinem Erfolg geprägt.
Dem sollte man Respekt zollen.
Aber Anbetracht dessen, dass Djerassi in den ersten 100 Seiten nur über die chemischen Prozesse zur Synthese der Pille schreibt, und sich im Laufe des Buches des Öfteren in seinen Erzählungen verliert, ist das Buch an vielen Stellen eher langweilig. Die einzig wirklich interessante und bewegende Stelle ist die, an der er den Selbstmord seiner Tochter beschreibt. Hier erfährt der Leser Djerassi nicht als berühmten Chemiker oder bedeutenden Kunstsammler, sondern als Vater der den Tod seines Kindes verarbeiten muss.
Insgesamt wird wohl eher Fachpublikum Gefallen an dem Buch finden.
Ich muss dazu sagen, dass ich den "Schattensammler" im Rahmen eines Praktikums gelesen haben, und mich sonst wohl nie für ihn interessiert hätte.  Ich bereue es nicht, ihn kennengelernt zu haben, musste mich an vielen Stellen aber  eher durch das Buch und die oft zähen Erzählungen quälen. Sein aufregendes Leben hat mich beeindruckt, die Darstellung in dieser Biographie abgeschreckt. Ich hätte gerne viel mehr über sein Privatleben und weniger über chemische Zusammenhänge erfahren.

Er sich aber trotzdem für Carl Djerassis Leben interessiert, sollte es vielleicht mit einer seiner vorherigen Autobiographien versuchen....
oder sich seinen Besuch von Dennis Scheck in San Franzisco ansehen!

http://www.ardmediathek.de/tv/Druckfrisch/Carl-Djerassi-Der-Schattensammler/Das-Erste/Video?documentId=20497018&bcastId=339944